Brief an... die Lehrer

 
27.07.2010 - 13:48

SPIESSER.de-Autoren schreiben Briefe. Diesmal schreibt holzschwein einen Beschwerdebrief an alle standardliebenden Lehrer.

Liebe Lehrer,
bitte mal herhören: Hiermit beginne ich die Einleitung. Ich werde nun kurz auf das Thema hinführen, das ich im Folgenden erörtern werde.

Oh, sorry, hab's gerade gesehen: Mir ist da leider ein „ich“ unterlaufen. Tut mir Leid. Ich weiß, Distanz und Sachlichkeit sind das Ein und Alles.

Aber was war das? Ein „Sorry“? Jugendsprache? Das geht ja nun wirklich nicht! Wo kämen wir denn da hin? Also zückt ihr den Rotstift und streicht fleißig alles an, was einen Text lesenswert macht. Wörter und Sätze, wie wir sie benutzen – abgelehnt. Das aufschreiben, was einem gerade in den Sinn kommt – weg damit.  „In der 11. Klasse geht das nicht mehr, Leute!“

Jaa, ich weiß. In der 11. Klasse sollen wir Texte schreiben, die so spannend wie Börsenberichte sind. Individualität? Fehlanzeige. Sachlichkeit ist gefragt: „Ihr müsst distanziert schreiben“.

Ihr wollt Standardformulierungen, so abartig sie auch klingen mögen. Man kann euch mit Wendungen wie „Des Weiteren gibt es anzumerken ...", „Daraus kann man schließen ..“ oder „Die vorhergehenden Beispiele zeigen deutlich...“ tatsächlich ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

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„Des Weiteren“ & Co. Foto: Laura Brunner
Ich weiß, eigentlich ist das ja auch gar nicht so schwer: Wir müssen uns einfach an das Grundgerüst halten, einfach die einzelnen Punkte abarbeiten, einfach immer die selben Worte benutzen. Einfach stinknormal sein – einfach einfach eben.

Aber wenn ich dann so vor meinem Heft sitze, den Füller in der Hand, und mich wieder einmal zusammenreißen muss, um alles Leben außen vor zu lassen – dann macht mich das manchmal ganz schön fertig. Dann frage ich mich, was das alles eigentlich soll. Wozu lernen wir denn, so zu schreiben? Was bringt es uns, wenn wir uns genauso anhören, wie jeder andere Schüler in der Klasse auch? Was bringt es uns, wenn vor lauter Standard die Musterlösung mit unserer übereinstimmt?

Jaa, natürlich: Uns bringts gute Noten. Ihr seid zufrieden. Die Abschlussprüfung wird gut. Das ist mir ja auch alles klar. Aber was ist mit später? Ich bezweifle stark, dass ich die Texte, die ich im Alltag lese, nach Aufbau und Struktur beurteilen werde, oder dass ich später mal wissen muss, welche Formulierungen das Kultusministerium wünscht und welche nicht.

Im Gegenteil: Manchmal habe ich Angst, dass mir diese ganze – Entschuldigung – diese ganze Scheiße meine Sprache versaut. Die Sprache, die ich benutze, wenn ich WIRKLICH schreibe! Die Sprache, die ich für Artikel wie diesen hier brauche, für Leserbriefe, die tatsächlich abgedruckt werden, für aufrüttelnde und überzeugende Texte. Denn die Leserbriefe, die ihr Lehrer gut findet – in einer Zeitungsredaktion würden die doch nur ein müdes Lächeln auslösen.

Liebes Kultusministerium, liebe Lehrer dieser Welt: Bitte lasst uns doch ein wenig von dem, wie wir selbst sind. Lasst uns doch so schreiben, wie es heute in jeder Zeitschrift erwünscht ist, lasst uns doch bitte so schreiben, wie wir denken!

Gebt uns wenigstens eine Chance. Lasst uns ausprobieren, wie wir auf diese Weise schreiben können, untergrabt nicht alles, was uns selbst einfällt. Lasst uns ein wenig Freiraum für Kreativität, ein wenig Freiraum für Individualität. Denkt doch noch mal genau nach: Was wollt ihr später haben? Menschen, die mit der Masse gehen? Einfältigkeit, Frustration, „Standardmenschen“? Oder wollt ihr eine vielfältige Gesellschaft, wollt ihr Individuen, wollt ihr eine eigenständige, kritische und lebensfreudige Generation erziehen?

Gebt euch einen Ruck und lasst uns ein wenig so sein, wie wir gerne sein möchten.

Mit „freundlichem “ Gruß,
Eure Laura

Kommentare

Bild von schneewibchen

Kind of weird...

Guter Artikel, aber mach mal Absätze. Schön bissig, schön sarkastisch, schönes Thema. Allerdings kenn ich das gar nicht so. Was soll denn das sein "Standartformulierungen"? Klingt giftig. Klar gibt es rhetorische Mittel die man kennen muss. Klar gibt es Formulierungen, die man in Deutscharbeiten verwenden sollte, damit die Lehrer sehen, dass du aufgepasst hast im Unterricht und formelle Ansprachen, etc. kennst. Trotzdem kannst du da noch individuell sein. Du kannst auch mit formellen Formulierungen deinen eigenen Stil, deine eigene Richtung in einen Text bringen. Das erfordert Übung, ist klar. Aber das sollst du ja auch üben, denn einen Leserbrief kannst du auch schlecht in Jugendsprache schreiben, oder? Du kannst schlecht auf diese Formulierungen verzichten. Meiner Meinung nach ist das ganz gut, dass wir im Deutschunterricht lernen, welchen Stil man verwenden sollte, wenn man eine Argumentation schreibt oder so. Wenn du was eigenes machen willst, hey, auch kein Problem. Mach es auf spiesser.de, hier sagt auch keiner "Schreib mal formeller!". Aber du musst eben auch bedenken, dass nicht jeder so viel Spaß am Schreiben hat wie du. Nicht jeder findetr seinen eigenen Stil und es gibt Menschen in der Schule, die brauchen diese Formulierungen, um einigermaßen schöne Texte zu verfassen.
Also, Artikel gut, Stil gut. Für 'ne Deutscharbeit aber völlig "inakzeptabel". Des weiteren mag ich deine direkten Ansprachen an die Lehrer. Beste Grüße.

Bild von Tranfunzel

Gott, was hast du denn für

Gott, was hast du denn für Lehrer? Mein Beileid! :D

Also ich komme jetzt erst in die elfte, dementsprechend kann ich das Fach "Deutsch" da nicht bewerten, aber in der zehnten Klasse hatte ich eine Deutschlehrerin, die einfach nur toll war! Sie hat wirklich viel Freiraum für Kreativität und eigene Ideen gelassen und uns ausschließlich allgemeine Leitfäden vorgegeben.
Und was die Ergebnisse angeht: Mit der Erlaubnis der jeweiligen Schüler hat sie Ausschnitte aus den verfassten Aufsätzen vorgetragen. Selbst Schüler, deren erklärtes Hassfach Deutsch war, haben super Aufsätze geschrieben. Und ich muss sagen: Das war mein bestes Jahr Deutsch!

Es geht also auch anders, mit den entsprechenden Lehrern...

Falls du in Zukunft weiter so viel Glück mit deinen Lehrern haben solltest, wünsche ich dir starke Nerven. :D
Dein Sarkasmus ist echt toll!

Bild von Buttercup.

Übertreibung.

Ich stimm dir voll zu. Zwar ist es bei mir auch nicht ganz so krass aber in der Übertreibung liegt ja bekanntlich das Mittel der Darstellung. :)

Bild von Aluni

Manchmal

hatte ich auch das Gefühl. Nicht so konkrete Formulierungen, aber was Textaufbau angeht. Schön vor allem bei Erörtungen eines Textes über Jugendliche. Eigene Beispiele anbringen, was man bei eBay gelernt hat? Nicht doch!

Bild von HelenA2115

Gut!

Ich finds super, dass du dich so mitteilst, ich kenn das, auch wenn ich es nicht so extrem sagen würde.
Aber auch was Schneewibchen gesagt hat, finde ich verständlich: in meinem Deutschkurs gibt es auch einige Schüler, die sich an solchen Standardformulierungen gerne "festhalten" und denen es schwerfällt, immer selbstständig Texte mit eigenen Worten zu schreiben.
Trotzdem: Der Aufruf zur Individualität, zur Gegenströmung höre ich immer gerne. Also: gute Arbeit!

Bild von KönICH

sollte an "deutschlehrer" heißen

bzw geschichte.
solch problem habich nur in den sprachen + geschichte, bei den naturwissenschaften vermiss ich sie nicht.

Bild von holzschwein

Stimmt

stimmt natürlich. Wobei man bei Mathe ja auch bei der Standardlösung bleiben sollte, zumindest meistens.

Kannst ja schlecht sagen: "Nein, das hier ist eine individuelle Lösung!" =P

Bild von KönICH

aber

es gibt verschiedenste lösungswege.
und beweismöglichkeiten.

Bild von DasBoese

Was Mathe angeht...

Da gibt's das Phänomen durchaus auch. Wir hatten in der siebten(?) Klasse mal die Aufgabe, die Länge der Diagonale eines Rechtecks herauszufinden, Seitenlängen gegeben. Musterlösung war: Zeichnen, abmessen. Ich habe das ganze damals mit a^2+b^2=c^2 gerechnet - mein Lehrer hat mir daraufhin erklärt, dass das in einer Klassenarbeit Abzug gegeben hätte: Man ist in der siebten quasi nicht berechtigt, den Satz des Pythagoras zu kennen=)

Bild von M.I.N.A.

Standardformulierungen

Hey,

also ich benutze auch nur ungern diese langweiligen Stadardformulierungen und sehe das Resultat dann in meinen Arbeiten, egal welches Fach, überall das gleiche.
Meine Mutter ist etwas ähnliches in ihrer Schulzeit passiert, jetzt ist sie selbst Deutschlehrerin in einer Grundschule.
Also macht euch keine Sorgen, wenn ihr so shreibt wie ihr schreibt, solange ihr eure Texte mögt und euch nicht langweilig findet, wird es auch anderen gefallen.

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