Brief an ... den Perfektionismus
SPIESSER.de-Autoren schreiben Briefe. Diesmal schreibt Amaterasu an den Perfektionismus.
Lieber Perfektionismus,
während ich das hier schreibe, sitze ich nicht im 90-Grad-Winkel, auf dem Schreibtisch liegen vier leere Flaschen und zerknülltes Bonbonpapier. Ich habe keine perfekte Beleuchtung um mich herum, die meine Augen schont, denn die sind ohnehin schon kaputt. Von zu viel Fernsehkonsum und falscher Ernährung. Bioprodukte esse ich nicht, nein, ich liebe McDonalds, obwohl ich weiß, dass es ungesund ist. Ich suche ständig meinen Schlüssel und meine Socken sind nicht nach Farbe sortiert. Irgendwann hab ich es einfach aufgegeben, perfektionistisch zu sein.
Ich gehe dir aus dem Weg, doch Du begegnest mir ständig. Etwa wenn ich durch die Straßen gehe und die großen Kosmetik-Werbeplakate betrachte. Zu kaufen gibt es dich sogar im Buchladen mit Titeln wie „Perfekt verführen“ oder „Perfekt kochen“, ganz zu schweigen von „Perfekt lieben“. Wie geht das? Perfekt zu lieben? Ist nicht die Liebe das Einzige, was von dir gänzlich unberührt bleiben sollte, weil sie sonst nicht mehr das ist, was sie ist?
Nach was strebt der Mensch heutzutage eigentlich? Anerkennung, Karriere, Geld, eben nach Dir? Du setzt uns unter Druck, lässt uns Fehler nicht zugestehen, vermeidest, dass wir Menschen und keine Maschinen sind. Wieso also vereinnahmst du uns so sehr?
Weißt du, ich war letztens mit Jens-Uwe essen. Ein Kommilitone. Ja, was sollte ich machen, dreimal habe ich seiner Einladung schon abgesagt, diesmal konnte ich einfach nicht mehr mit Ausreden wie: „Ich habe eine Allergie gegen den Geruch von Restaurants“ oder „Noch heute hab ich Durchfall vom letzten Essen bei Alfredo“ kommen.
Nun ja, und was soll ich sagen, keiner hatte dich gebeten an diesem Abend auch da zu sein. Jens-Uwes Brille saß kerzengerade, sein Hemd von Mutti fein gebügelt ohne jeglichen Knitter. Er aß sein Essen so, dass er genau mit dem letzten Stück seines Steaks die Soße in geraden Linien vom Teller aufwischen konnte. Danach legte er Messer und Gabel genau parallel. Als ich Jens-Uwe auf den Spinatrest zwischen seinen Vorderzähnen aufmerksam machte, rannte er sofort aufs Klo. Ich fand den Abend so schrecklich gezwungen. Wegen dir. Wegen Jens-Uwe. Weil er dich zu verkörpern versuchte.
Ich erinnere mich auch noch an meinen ersten Kuss. Ich hatte vorher Zwiebelmettwurst gegessen. Es war ganz spontan. Nicht geplant. Eben nicht perfekt. Aber genau deshalb so schön und einprägsam. Alles andere als gezwungen und öde. So wie du eben oftmals. Ich meine, eigentlich besteht doch das halbe Leben aus Illusionen. Vielleicht bist du ja auch nur eine.
Viele Grüße
Anne
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