Das Tier in mir

 
10.02.2012 - 16:02
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Anne liegt mit sich im Clinch: Sie hat sich sehr in sich selbst und ihrer Tierliebe getäuscht.


Unschuldig und süß? Von wegen!

Ich habe ein erschreckend verfälschtes Bild von mir selbst. Hielt mich jahrelang für eine ausgesprochen tierliebe, bei jeder Gelegenheit Fell fassende Erscheinung. Diese Illusion wurde nun ad absurdum geführt. Von einer Maus.
Falls ihr mich mal auf der Straße trefft, beschimpft mich bitte nicht als mäusemeuchelndes Monster. Denn erstens morde ich nicht, sondern verteile nur strenge Platzverweise. Und zweitens gestehe ich Mäusen in Feld und Flur oder in gebleichter Haustier-Variation durchaus ihre Daseinsberechtigung zu. Mein WG-Zimmer auf dem Gelände einer alten Holzfabrik ist aber weder Ackerland noch ein überdimensionaler Käfig!

Trotzdem begann es eines dunklen Winterabends neben dem Kopfende meines Bettes penetrant zu nagen. Licht an! Den Vertreter einer angeblich scheuen, nachtaktiven Tierart, der direkt vor meiner Nase durch das Zimmer spazierte, störte das nicht. Einatmen. Ausatmen. Einatmen… loskreischen! Ja, unkontrolliert durch meine Gemächer flanierende Nagetiere gruseln mich trotz meiner Dorfkindheit. Besonders solche in einer Größenordnung, die man anderswo kleinen Dackeln zugesteht. Der einzige Ausweg war die sofortige Flucht ins Bett meiner Mitbewohnerin.


...heißt ja nicht umsonst Mäusespeck.

Unsere Vermieterin zeigte sich am nächsten Morgen verblüffend unüberrascht vom nagenden Problem – ja, es gäbe hier jeden Winter Mäuse. Wir sollten uns glücklich schätzen, dass es keine Ratten seien. „Ratten wärn aber praktischer“, erklärte uns später der mitleidige Baumarktmann, „die haben Sippentrieb. Killste eine, gehnse alle. Mäusen is die Familie scheißegal.“ Uns blieben also nur Mäusefallen. Viele Mäusefallen. Eine Mäusefallen-Armada. Allein im Wohnzimmer drapierten wir 24 Stück an strategisch ausgeklügelten Punkten, wobei ich bei jedem Dielenknacken paranoid aufs Sofa sprang.

Später machte ich mich fürs Wochenende auf den Weg nach Hause. Unterwegs rief mich meine Mitbewohnerin an: „Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Gute: Ich habe zwei Mäuse mit den Fallen gefangen. Die Schlechte: Keine davon ist die aus deinem Zimmer. Wollen wir eine Katze kaufen?“ Nein, wollen wir nicht. „Weil ich Katzen hasse“, dachte ich. „Nein, von Katzen muss ich niesen und bekomme Pusteln und so“, sagte ich. Also bleiben die einzigen geduldeten Haustiere nur mein innerer Schweinehund und der Hase in meinem Herz. Ich bin ja schon tierlieb. Partiell.

Fotos: Rainer Sturm, Stefan Emilius/pixelio.de

Beigetreten: 03.03.2011
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