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In der Fremde zuhause sein
Manuel, 26, ist seit 2007 Mitglied bei Couchsurfing.org. Auf Reisen übernachtet er gern bei Fremden, bietet jedoch auch gern anderen Couchsurfern das heimische Sofa an.
Einem fremden Menschen einen Schlüssel zu seiner Wohnung überreichen? Mit einem Unbekannten in einem Zimmer schlafen? Mit ihm Küche und Bad teilen? So manchem mag das leichtsinnig erscheinen. Mitgliedern der Internetplattform couchsurfing.org nicht: Sie öffnen einem Reisenden ihr Zuhause, für eine Nacht oder gleich mehrere Tage. Oder sie sind selbst unterwegs und kommen in der Fremde kostenlos bei Einheimischen unter.
„Du gehst zu irgendjemand völlig Unbekannten und bist doch irgendwie zuhause“, beschreibt Mechatronikstudent Manuel die Faszination des Couchsurfens. "Du sitzt gleich bei den Leuten am Küchentisch und musst nicht wie im Hotel zuerst deinen Ausweis vorzeigen.“ Gerade in einer WG werde man schnell aufgenommen wie ein neuer Mitbewohner. Oder direkt ins ungarische Familienleben eingebunden: Manuel kam am Plattensee bei einem Familienvater unter, der seine Ferienwohnung in der Nebensaison Couchsurfern kostenlos zur Verfügung stellt. Bis in die Nacht hinein saß der 26-jährige Ulmer mit der Familie bei selbstgemachtem Wein und Zwiebelbrot mit dicker Fettschicht zusammen. Zu später Stunde verständigen sie sich mit Händen und Füßen. Eine ernsthafte Kommunikation war so zwar nicht möglich. Doch es ist eine Geschichte, wie sie Couchsurfing schreibt und an die sich Manuel mit wohligem Grinsen zurückerinnert.

Hier liegt die Anziehungskraft dieser Art zu reisen: Der Couchsurfer taucht ein in die Lebenswelt vor Ort und erlebt Dinge, die dem gewöhnlichen Urlaubern vorenthalten bleiben. Dank den Tipps der „Hosts“, der Gastgeber, kann er die geheimen Winkel einer Stadt abseits der Touristenpfade entdecken. Manuel möchte nicht mehr auf solche Geheimtipps verzichten. Und auch er selbst schickt seine Gäste, denen er genauso gern die heimische Couch anbietet, nicht blindlings in die Stadt. Er empfiehlt ihnen in Ulm kein gewöhnliches Café, sondern die Olga - ein Kultlokal mit Nostalgietouch. Bunt, alternativ und offen.
So wie die Couchsurfing-Community. „Die meisten der Couchsurfer sind liberal und flexibel. Schließlich weiß man nie, was einen erwartet.“ Der Überraschungseffekt als ständiger Begleiter – etwa als ihn vor kurzem die Couchanfrage einer Mainzerin erreichte. Nur ein paar Stunden später schlief die angehende Studentin auf der Ausziehcouch in seinem 15-Quadratmeter-Zimmer. Bedenken, den Gast alleine in der Wohnung zu lassen, sind ihm fremd. „Ich sehe die Menschen ja, kann sie einschätzen. Ich habe eher die Befürchtung, dass ich mit jemandem nicht auf der gleichen Wellenlinie liege“, meint Manuel.
Das sei bei ihm jedoch noch nie der Fall gewesen - weder bei dem Familienvater in Ungarn, bei Studenten in Alaska oder seinen Gastgebern in Deutschland. Und so unterschiedlich die Unterkünfte waren, ob dünne Decke auf dem Boden oder Ferienwohnung mit sechs Betten, eines blieb immer gleich: das Vertrauen der Hosts. Manchmal bekam er einen Wohnungsschlüssel überreicht oder die Türen standen sogar offen. „Meine Hosts in Alaska waren an der Uni als ich ankam. Sie schrieben mir: ‘Die Türen sind unverschlossen, geh einfach rein und bedien dich!‘, erinnert sich Manuel. Vom Jetlag komplett übermüdet schlief er bald ein und lernte seine Gastgeber erst am nächsten Abend kennen. Anschließend schlug er sich vier Wochen durch die Wildnis Alaskas. Das Trampen und Backpacken zog ihn in den Bann, seit 2005 war er kaum einen Sommer in Deutschland.
Leben aus dem Rucksack und Couchsurfen – sein Patentrezept für eine gelungene Reise? Der Student schüttelt den Kopf: „Beim Couchsurfen musst du dir vorher einen genauen Reiseplan erstellen. Du musst wissen, wann du wo bist. Spontan ein, zwei Tage länger an einem tollen Ort bleiben ist nicht drin.“ Gerade, wenn auf Reisen nicht immer ein Internetzugang in Reichweite ist. Deshalb reiste Manuel 2010 vier Monate ganz ohne Couchsurfing quer durch Asien.
Denn Couchanfragen werden meist schon zwei bis drei Wochen im Voraus verschickt. Und selbst dann wird man nicht immer fündig. Passierte auch Manuel schon, als er einen Sommer in Kroatien verbrachte. Es gab keinen Platz, weder in Zagreb, noch an der Küste. So bleibt Couchsurfing ein Glückspiel. Eine Gewinngarantie gibt es nicht. Dafür liegen im Jackpot herzliche Gastgeber und unverfälschte Einblicke in Land und Leute, fernab vom Touristenrummel.
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