Deutsches Erdöl: aus dem Wattenmeer in den Tank
Erdöl kommt nicht immer aus fernen Ländern. Auch vor der deutschen Nordseeküste wird Öl gefördert. SPIESSER-Autor Khaled zeichnet den Weg des Öls nach.
Mittelplate heißt das Gebiet im Wattenmeer vor Schleswig-Holstein, in dem 65 Prozent der deutschen Ölvorkommen lagern, deren Förderung wirtschaftlich lohnenswert ist. Mit zurzeit 1,4 Millionen Tonnen gefördertem Öl pro Jahr ist Mittelplate die wichtigste Ölquelle Deutschlands. Insgesamt werden allerdings nur etwa drei Prozent des jährlich in Deutschland verbrauchten Öls in Deutschland gefördert.
Großes Misstrauen
Nach den Ereignissen im Golf von Mexiko ist das allgemeine Misstrauen gegenüber Bohrinseln groß. Da lässt eine Bohrinsel, die mitten im Wattenmeer, einem einzigartigen und geschützten Ökosystem, steht, Skepsis aufkommen. Zumal eine sieben Kilometer lange Ölpipeline von der Bohrinsel mitten durchs Watt zum Festland verläuft.
Seit der Explosion auf der Plattform Deepwater Horizon am 20. April 2010 und der anschließenden Ölpest im Golf von Mexiko ist die Skepsis gegenüber Ölbohrungen im Meer gewachsen. Foto: US Coast Guard Derek Möscher, Pressesprecher von RWE Dea, verweist darauf, dass Mittelplate von Greenpeace als Beispiel für „naturbewussten Rohstoffabbau“ herangezogen werde. RWE Dea betreibt die Bohrinsel zusammen mit der Firma Wintershall. Tatsächlich sind die Sicherheitsvorkehrungen hoch: Mittelplate ist mit einem festen Betonfundament ausgestattet. So thront die Förderanlage wie eine Festung im Wattenmeer und hält den Gezeiten stand. Auch wenn Spritzwasser und Regen auf die Bohrinsel treffen, gelangt keinerlei Ölgemisch ins Watt. Denn alles Wasser, das auf die Bohrinsel kommt, wird aufgefangen und an Land zur Wiederaufbereitungsanlage Diecksand transportiert. Hinzu kommt, dass der Bohrer ein elektrisch betriebener sanfter Riese ist, der keine Abgase ausstößt, kaum Lärm macht und somit die Tiere im Nationalpark Wattenmeer nicht stört.
„Unterirdischer Zuckerwürfel“
Doch woher wussten die Betreiber der Plattform überhaupt, dass es sich lohnt, gerade hier nach Öl zu bohren? Exploration ist der geologische Begriff für das Erkunden von Rohstofflagerstätten – nicht nur von Erdöl, sondern auch von Erdgas, Braunkohle und dergleichen. Um Lagerstätten unter Wasser erkunden zu können, fährt man mit speziellen Schiffen auf See. Diese sind mit einer Druckluftkanone ausgestattet, mit der sie komprimierte Luft auf den Meeresgrund befördern. Die Luft erzeugt beim Aufeinandertreffen mit dem Meeresgrund Schwingungen. Je nach unterschiedlicher Beschaffenheit des sich im Boden befindlichen Materials werden sie unterschiedlich zurückgeworfen. Aus den aufgezeichneten Schwingungen lässt sich nun ein dreidimensionales Bild herstellen, das man – fast wie im Kino – mit einer 3D-Brille analysieren kann. Hier entscheidet sich ob eine Ölquelle wirtschaftlich rentabel betrieben werden.
Ob ein Lagerstätte zum Abbau geeignet ist, hängt von ihrer Beschaffenheit ab. Derek Möscher beschreibt die Lagerstätte als einen „unterirdischen Zuckerwürfel“. Zwischen den einzelnen Zuckerkörnen des Würfels ist nun das Öl gelagert. Sind die Zwischenräume groß genug, lässt sich das Öl einfach lösen – die Förderung lohnt sich.
Wie ein riesiger Wattwurm
Das Öl von Mittelplate lagert 2.000 bis 3.000 Meter unter der Erde – das entspricht ungefähr der Entfernung Hamburg–Istanbul. Der elektrische Bohrer besteht aus vielen einzelnen, neun Meter langen, beweglichen Segmenten. Wie ein riesiger Wattwurm bahnt er sich seinen Weg durch die Erdschichten. Nur fängt der Bohrer im Gegensatz zum Wattwurm nicht einfach irgendwo an zu graben, sondern wird durch sogenannte Slots, eine Art Gullideckel im Meeresgrund, langsam ins Erdreich eingeführt. So verfehlt der Bohrer nie sein Ziel.
Was passiert in der Raffinerie?
Ist das unterirdische „Ölfass“ erst einmal angezapft, wird das 60 bis 80 Grad heiße Öl durch ein sehr langes Rohr mit einer druckregulierende Pumpe an die Oberfläche befördert und nach Diecksand transportiert. Dort wird es raffineriefertig aufbereitet, das heißt: Es werden alle Fremdstoffe wie Wasser, Sand, Steine, Erdölgas und Salz vom Öl abgetrennt.

Die dünnflüssigste Produktgruppe sind die Leicht- bis Schwerbenzine. Daraus werden die so genannten Ottokraftstoffe gewonnen – das, was am Ende in den Tanks unserer Autos landet. In den meisten zumindest, denn einige Fahrzeuge laufen auch mit Diesel. Diesel ist ein sogenanntes Mitteldestilat und befindet sich in der Destillationskette eine Stufe unter den Leicht- und Schwerbenzinen. Bis aus dem Rohöl, das unter dem Wattenmeer lagert, der Kraftstoff geworden ist, den wir am Ende tanken, sind also viele Bearbeitungsstufen nötig.
Text: Khaled Awad
Teaserfoto: Andreas Morlok / pixelio.de

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit der Initative „MINT – Zukunft schaffen“ erstellt.






