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Erasmus: Aus dem Großstadttrubel in die bayerische Provinz

Von: Laura.
 
25.07.2010 - 13:02
Facebook:

Die Erasmus-Studentin Tugce aus Ankara hat ein Jahr in Neu-Ulm verbracht. Die Deutschen seien zwar sehr hilfbereit, erzählt sie SPIESSER.de-Autorin Laura, doch Freunde fand sie unter den anderen Austauschstudenten.

Neu-Ulm-Petrusplatz_468_2.jpg
Vom der Metropole in die Kleinstadt: Blick über den Neu-Ulmer Petrusplatz, Foto: Heinz Koch, http://creativecommons.org/licenses
Vom Großstadttrubel der türkischen Hauptstadt Ankara in die beschauliche bayerische Kleinstadt Neu-Ulm: die türkische Betriebswirtschaftsstudentin Tugce Katircoglu verbrachte im Rahmen des Erasmus-Programms von Ende Februar bis Anfang Juli ein Auslandssemester an der Neu-Ulmer Hochschule. Schnell schloss sie Freundschaften zu Austauschstudenten aus aller Welt, rar waren jedoch Kontakte zu Einheimischen.

Keine guten Erinnerungen hat die 23-jährige Studentin an ihre ersten beiden Tage in Deutschland. An einem Samstagabend angekommen, waren ihre ersten Eindrücke von ihrer neuen Heimat auf Zeit am Sonntag etwas gedämpft. Geschlossene Läden, leere Straßen – ein starker Kontrast zum belebten Ankara.

Doch auf die erste Enttäuschung folgte schon bald freudige Erleichterung. Die Leute des International Office haben Tugce sehr nett und herzlich empfangen und ihr bei Problemen jederzeit geholfen. Die Hilfsbereitschaft der Deutschen hat Tugce positiv überrascht. ,,Am Anfang konnte ich nur ein paar Sätze auf Deutsch und hatte deshalb große Probleme bei der Verständigung. Doch jeder war darum bemüht, mir zu helfen“, erzählt sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Man kann spüren, dass sie sich gut eingelebt hat und sich hier wohlfühlt.

Ein wenig L'auberge espagnole im beschaulichen Bayern

Trotzdem bleiben die Kontakte zu deutschen Kommilitonen stets oberflächlich, Treffen außerhalb der Hochschule gibt es kaum: Ein „Hallo“ beim Vorbeigehen oder ein flüchtiger Smalltalk über das Wetter ist das Höchste der Gefühle. Über die Ursachen kann Tugce nur mutmaßen. „Die Zusammenarbeit mit deutschen Kommilitonen bei Gruppenarbeiten war immer einwandfrei. Aber vermutlich fühlt es sich für sie einfach komisch an, in ihrem Heimatland Englisch zu sprechen“, meint Tugce.

Also glichen ihre Wochenenden ein wenig den Szenen aus dem Film „L’Auberge espagnole“: Zusammen mit Austauschstudenten vieler Nationalitäten, unter anderem aus China und Spanien, verbrachte sie viele lustige Abende im Studentenwohnheim, machte die Ulmer Clubs unsicher und genoss ihre Unabhängigkeit. Mit ihren neugewonnenen Freunden machte sie Ausflüge nach München und Stuttgart und bereiste mit ihnen Italien. Nach zahlreichen Erfahrungen mit chaotischen Italienern, rasanter Fahrweise und ausgefallenen Zügen habe sie die Organisiertheit der Deutschen vermisst, erzählt Tugce lachend. 

Tugce-Umfrage_Michi._003.jpg
Tugce am Eingang ihrer Gasthochschule, Foto: Laura Ilg

 Aber warum hat sie gerade Deutschland als Gastland ausgewählt? Alleine in ein fremdes Land zu gehen, dazu noch ohne Sprachkenntnisse, traut sich schließlich nicht jeder. „Ich war neugierig, wollte eine völlig neue Kultur kennenlernen. Das vielfältige Angebot der Neu-Ulmer Hochschule an englischsprachigen Vorlesungen im Studiengang Betriebswirtschaft hat mich überzeugt“, erzählt sie.

Und ist glücklich über ihre Entscheidung: Besonders die persönliche Atmosphäre an der Neu Ulmer Hochschule und die kleineren Kursgruppen haben es ihr angetan. Denn an der Universität von Ankara saß sie oft mit mehr als hundert Studenten zusammen in einer Vorlesung und hatte kaum direkten Kontakt zu den Professoren.

In Neu-Ulm besprach man dagegen in den Kursgruppen alle Themen intensiv und diskutierte oftmals eifrig. „Dadurch setzt man sich viel stärker mit dem Lernstoff auseinander“, findet Tugce. Jede Menge Präsentationen und mündliche Prüfungen halfen ihr zudem, ihre rhetorischen Fähigkeiten zu verbessern. Auch lobt sie das Verhältnis der Studenten zu den Professoren. „Die Professoren haben uns Austauschstudenten bestens in die Kurse integriert.“

Radfahrer, viel Grün und so gar nicht kühle Deutsche

Während ihres Auslandssemesters musste Tugce ihren Alltag alleine meistern. Wohnte sie in der Türkei noch bei ihren Eltern, hieß es jetzt: selbst einkaufen, kochen, mit dem Geld sinnvoll wirtschaften. Dadurch ist sie selbstständiger geworden.

Nun hat sie ihr Studium beendet und will ihr Deutsch weiter verbessern, um ein Zertifikat zu erlangen. Danach will Tugce sich bei großen, internationalen Firmen bewerben. „Da ist Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Kulturen gefragt. Das habe ich in Deutschland gelernt. Gleichzeitig sind viele meiner Vorurteile gegenüber Deutschland revidiert worden“, erzählt sie. So habe sie gedacht, dass sie Deutschen eher kühl und reserviert im Umgang mit anderen sind. Ihr seien sie dagegen sehr offen und entspannt begegnet.

Ihr gefallen auch das viele Grün, die guten Bussysteme und die vielen Radfahrer auf den Straßen – dies kenne sie aus der Türkei gar nicht. Trotzdem freut sie sich auf ihre Familie in der Türkei, auf die Verbundenheit und den großen Zusammenhalt untereinander. Dieses „Familen-Gen“ fehle den Deutschen etwas, sagt Tugce. Zum Glück hat sie In ihren Austauschstudenten im Studentenheim eine Ersatzfamilie auf Zeit gefunden. Zusammen haben sie gefeiert, getrunken und gegessen – fast wie auf Familienfesten in der Türkei.