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„Es ist unglaublich anstrengend, eine Uni zu besetzen“

Von: Aluni
 
12.02.2010 - 11:39
Facebook:

Marina Küpper, 22, studiert im 5. Semester an der Uni Köln. Seit November engagiert sie sich im Kölner Bildungsstreik-Bündnis. Wir haben sie zur Bologna-Reform interviewt.

Die Bologna-Reform ist zehn Jahre alt. Wieso kam der Protest eigentlich so spät?

Ich war eine der ersten Jahrgänge, die den Bachelor studiert, ich hab im Wintersemester 2007 angefangen. Ich war wegen der Studienbedingungen sehr frustriert in den ersten vier Semestern. Aber natürlich glaubst du erst einmal, dass es nur dir so geht, dass man einfach nicht gut genug ist  – bis die Massen auf die Straße gegangen sind. Spätestens dann haben viele gemerkt: Hey, du bist doch nicht allein.

Eure größte Kritik ist ja ...

... die totale Überforderung. Ja. Das Studium artet in Stress aus, weil die Arbeitsbelastung überhaupt nicht mehr menschlich ist. Studiengänge wurden von acht auf sechs Semester geschrumpft. Parallel arbeiten gehen, geschweige denn politisches oder soziales Engagement sind einfach nicht mehr eingeplant. Außerdem hat man keine Zeit für Praxissemester oder Auslandsaufenthalte.

Laut einer Studentenumfrage der Uni Konstanz ist die wöchentliche Arbeitszeit beim Bachelor aber eine Stunde niedriger als bei Diplomstudenten.

Ich weiß nicht was die da ausgerechnet haben. Gefühlt ist es eine Verdoppelung der Arbeitsbelastung. Das ist kein Studium, das ist Abfertigung.

Sollte man Bologna also rückgängig machen oder reichen euch Nachbesserungen?

Wir hatten neulich eine Vollversammlung, und das Stimmungsbild war ganz klar: Bologna soll abgeschafft werden. Die unzähligen Missstände müssen endlich verschwinden.


„Politiker werden nervös, wenn junge Leute auf die Straße gehen. Aber es wäre besser, vor den Ministerien zu demonstrieren anstatt vor den Unis.“
Dr. Bernhard Kempen ist Vorsitzender des Deutschen Hochschulverbandes und vertritt 24.000 Hochschullehrer. Hier kommt ihr zum Interview.

Wenn wir die Bologna-Reform rückgängig machen, ist Deutschland in Europa aber wieder ein Eigenbrötler ...

Der ganze Bologna-Prozess wurde initiiert, um das Studium international einheitlich zu machen. Das ist es aber selbst jetzt nicht. Von daher ist es, glaube ich, genauso hinderlich ihn beizubehalten wie ihn abzuschaffen.

Du hast gesagt, der Bachelor sei nicht berufsqualifizierend. Muss es eine Garantie auf einen Masterplatz geben?

Definitiv. Die Strukturvorgaben sagen, dass der Bachelor wissenschaftliche Grundlagen legen soll für den Master. Dann muss der Master aber auch garantiert werden. Oder der Bachelor muss so konzipiert werden, dass er tatsächlich berufsqualifizierend ist.

Manche Leute sagen, der Bachelor sei ohnehin keine wissenschaftliche Ausbildung. Mehr Schule als Uni.

Wissenschaft heißt für mich, dass ich mich selbst bilde. Momentan erlange ich eigentlich kein Wissen, ich stopfe es in mich rein und reproduziere es zur Prüfung. Ich hätte gern Zeit meine eigenen Interessenschwerpunkte zu setzen. Das ist beim Bachelor nicht möglich, ich habe vorgegebene Lerninhalte. Das ist für mich nicht studieren, das ist auch nicht wissenschaftlich.

Im April soll der Bologna-Gipfel stattfinden. Was erhofft ihr euch vom Treffen?

Nichts. Ich denke nicht, dass da grundlegende Veränderungen beschlossen werden. Man wird einen Weg finden, sich alles schön zu reden. Es muss aber was passieren. Wir werden deshalb weiter protestieren, bis sich tatsächlich was verändert.

In einigen Unis sind noch Hörsäle besetzt, aber man hört nichts mehr davon ...

Ich bezeichne solche Bewegungen immer als wellenförmig: Am Anfang, als viele Unis besetzt waren, konnte man noch hier und da fehlen, viele haben Seminare geschmissen, manche haben das ganze Semester aufgegeben. Natürlich braucht man immer Unterstützung, und wir versuchen auch immer wieder Studenten zu mobilisieren, laden zu Vollversammlungen ein.


Hier kommt ihr zurück zum Hauptartikel.

Ihr sammelt also gerade eure Kräfte?

Ja. Es ist unglaublich anstrengend, eine Uni zu besetzen. Und weil nicht jeden Tag über uns berichtet wird, heißt das nicht, dass wir nichts tun. Wir bereiten die nächste große Welle im Frühsommer vor. Mit dem Ende der Besetzung hört die Arbeit nicht auf, sie fängt erst an.

Findet ihr es realistisch, mit weiteren Protesten mehr als bisher erreichen zu wollen?

Ich glaube die Frage des Realistischen muss man nicht stellen. Es ist Fakt, dass dieses System grundlegend verändert werden muss. Keine kleinen Nachbesserungen!

@bologna