Es strömt von allen Seiten
Das Wüstenstrom-Projekt Desertec soll die Energieprobleme Europas eines Tages lösen. Warum sollen wir trotzdem Strom sparen? Auf der Suche nach einer Antwort ist Blogger Theo durch Deutschland gereist.
Dieser Beitrag entstand
in Zusammenarbeit mit RWE.
München.

Desertec-CEO van Son im Gespräch
Paul van Son hat eine standesgemäße Adresse. In der Münchner Kaiserstraße 14 hat der Desertec-CEO sein Büro im obersten Stock einer Villa. Dieses Haus ist das "Head Office Germany" der Dii GmbH, der Firma, die die Idee Desertec Wirklichkeit werden lassen will.
Ich bin sechs Stunden Bahn gefahren und hatte Zeit, mich einzulesen. Die Idee hinter Desertec ist ganz einfach: Die Stromerzeugung mit Solarmodulen ist in Ländern wie Deutschland teuer und nicht sonderlich effizient. Im Moment hat Solarstrom einen Anteil von gerade mal 1,9 Prozent am gesamten Energieverbrauch (Stand 2010), lese ich. Ganz anders sieht das in den Wüsten der Erde aus, etwa der Sahara. Dort gibt es zwar keine Solarförderprogramme, dafür aber sehr viel Sonne...
Die Zukunft liegt in der Wüste
Das Desertec-Projekt möchte eines Tages Europa mit umweltfreundlichem Strom versorgen. Dazu sollen in Nordafrika und dem Nahen Osten riesige solarthermische Anlagen entstehen.
Paul van Son ist derjenige, der das ändern soll. Gigantische solarthermische Anlagen werden eines Tage den Strombedarf Nordafrikas decken. Im Interview erklärt mir van Son das Ziel: Was an Strom übrig bliebt, wird über nicht minder gigantische Leitungen nach Europa übertragen. "Die Erzeugung ist kein Problem, die Übertragung ist kein Problem, jedenfalls kein echtes, der Absatzmarkt auch nicht, die Akzeptanz der Bevölkerung ebenfalls nicht." Nur eins fehlt noch zum Solarglück: "Regierungen müssen dahinterstehen und Anlaufkosten teilweise übernehmen."
Berlin.

Autor Theo, Kanzlerin Merkel
Eine Woche später fahre ich wieder lange Zug. Diesmal geht es ins Bundeskanzleramt nach Berlin. Ich besuche die Frau, die die Macht hätte, van Son das fehlende Geld zu beschaffen: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mit ihr zeichne ich ihren wöchentlichen Podcast auf. In dieser Folge wird es um die Energiepolitik der Bundesregierung gehen
Merkel wirbt für neue Energie-Infrastruktur
Die Bundeskanzlerin wirbt für den Ausbau der Stromnetze: "Wir müssen darauf achten, dass die erneuerbaren Energien auch wirklich dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Und das bedeutet: neue Infrastruktur"
© 2011 Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Zwischendurch stelle ich ihr die Frage, die mich seit dem Gespräch mit Paul van Son umtreibt: Warum sollten wir uns noch mühevoll Energie sparen, wenn es doch eines Tages viel einfacher wird, Unmengen an Energie zu erzeugen?
Die Kanzlerin hat ein simples wie bestechendes Credo. "Jede nicht verwendete Kilowattstunde ist etwas Gutes: Das Leben mit wenig Ressourcen und trotzdem gutem Komfort ist das, was wir wollen", sagt die Bundeskanzlerin. Anders als Paul van Son sieht die Physikerin Angela Merkel bei Desertec das Hauptproblem in der Übertragung des Stroms. Nichtsdestotrotz: "Desertec ist für uns ein wichtiges Vorhaben."
Oldenburg.
Ich bin wieder zu Hause, schalte meine Energiesparlampe ein und denke nach. Es liegt auf der Hand, weshalb Merkel so argumentiert: Deutschland hat Klimaziele zu erfüllen und nach dem Ausstieg aus der Kernenergie die Energieversorgung zu sichern.
Eine Bundeskanzlerin muss aber auch strategisch denken. Schon jetzt ist Deutschland sehr abhängig von Öl und Gas, speziell aus Russland. Die Gefahr bei Desertec wäre, sich von dieser in die nächste Abhängigkeit zu begeben, nämlich in die von den Staaten Nordafrikas. Keine wirklich beruhigende Aussicht, besonders, weil diese Region sich gerade in jüngster Zeit als sehr instabil erwiesen hat.
Egal wie wir in Zukunft Energie erzeugen und nutzen, eine Gewissheit gibt es also schon aus taktischen Gründen: Wir werden noch sehr lange einen Energiemix haben, um zumindest halbwegs unabhängig zu sein. Denn wenn Energie knapp wird, kommt es zwangsläufig zu Konflikten um die wenigen Energiequellen. Politiker, Wissenschaftler und Ökonomen haben die Aufgabe, uns davor zu bewahren. Mein Reise-Fazit: Sie arbeiten dran.
Text: Theo Müller
Fotos: Johannes Mairhofer (München), Tony Haupt (Berlin)
Teaserbild: Desertec Foundation









