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"Es wäre besser, vor den Ministerien zu demonstrieren anstatt vor den Unis.“

Von: Aluni
 
17.02.2010 - 11:40
Facebook:

Dr. Bernhard Kempen ist Vorsitzender des Deutschen Hochschulverbandes und vertritt 24.000 Hochschullehrer. Wir haben ihn zur Bologna-Reform interviewt.

 Was ist Ihr Hauptkritikpunkt an der Bologna-Reform?

Sie ist undifferenziert. Wir tun so, als wäre Pharmazie dasselbe wie Theologie und Architektur dasselbe wie Physik. Außerdem – und das ist vielleicht die allerwichtigste Kritik – berauben wir  Studenten um ihre beruflichen Chancen, wenn wir ihnen nach bestandenem Bachelor ein Masterstudium verweigern. Wir haben Fächer, in denen nur 20 bis 30 Prozent einen Master anschließen können. Das ist eine Katastrophe.

Umfragen zeigen, dass die Studenten den neuen Abschlüssen schlechte Noten geben. Viele finden, der Bachelor bringe Absolventen zweiter Klasse hervor ...

Ich verfolge diese Studierendensurveys sehr aufmerksam. Ja, das Stimmungsbarometer der Studierenden nähert sich langsam dem Gefrierpunkt.

Reichen noch Nachbesserungen aus oder muss man die ganze Reform rückgängig machen?

Rückgängig machen nicht. Man muss es nur richtig machen. Nicht so halbherzig, wie das in Deutschland passiert ist.

Was muss sich Ihrer Meinung nach schnell ändern?

Zunächst die Arbeitsbelastung, die den Studierenden auferlegt wird. Es kann nicht sein, dass wir gezwungen werden, den Studenten 40 oder 50 Semesterwochenstunden aufzubrummen. Sie haben so überhaupt keine Möglichkeit, zu studieren, wie man studieren sollte: Nämlich interessengeleitet, neugierig, motiviert, selbständig. Stattdessen ist es eine Hatz nach ECTS-Punkten. Das ist nicht studieren.


„Es ist unglaublich anstrengend, eine Uni zu besetzen. Und mit dem Ende der Besetzung hört die Arbeit längst nicht auf. Nur weil gerade nicht über uns berichtet wird,
heißt das nicht, dass wir nichts tun.
Wir bereiten uns auf die nächste
große Welle vor.“
Marina Küpper, 22, studiert an der Uni Köln. Seit November engagiert sie sich im Kölner Bildungsstreik-Bündnis. Wir haben sie interviewt.

Wie konnte das passieren? Wer hat denn die neuen Studiengänge konzipiert, Inhalte und Arbeitsaufwand überprüft?

Die Kultusminister geben den Rahmen vor. Die Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland hat den gesetzlichen Auftrag, neue Studiengänge zu genehmigen. Sie tun das mit Akkreditierungsagenturen. Und die haben das regelrecht vergeigt.

Wieso?

Das System ist doch krank, wenn in der Kultusministerkonferenz vom Schreibtisch aus Eckpunkte entwickelt werden, die komplett an der Realität des Studierens vorbei gehen und eben jene Akkreditierungsagenturen daraufhin die neuen Studiengänge zurecht zimmern. Deshalb ist eine unserer Forderungen, mit der wir uns überhaupt nicht beliebt machen: Weg mit der Akkreditierung!

Wer soll dann deren Aufgabe übernehmen?

Was wir brauchen, ist eine Qualitätssicherung, die von innen heraus kommt, die wir an den Universitäten mit den Studierenden gemeinsam auf die Beine stellen wollen. Nicht diese kostspieligen Agenturen, die in fragwürdiger Weise zusammengesetzt sind, deren Rechtsgrundlagen unsicher sind und die mit dem, was sie bisher geleistet haben, hauptverantwortlich sind für das Desaster, das wir jetzt vorfinden.