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Geschichte: Sonnenaufgang

Von: derSeb
 
09.02.2012 - 21:30
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„Ich wollte wachsen und wuchs in mich hinein“

Stoisch schien er. Sein Blick geradeaus.
Ich vermochte nicht zu sagen, woran ich festmachte, dass er glücklich war. Vielleicht an dem Funkeln in seinen Augen, zweimal am Tag, immer in diesem Stuhl, immer mit diesem Blick.
Hin und wieder holte er tief Luft, so wie man Luft holt, um etwas zu sagen. Dann schüttelte er jedoch immer den Kopf, nur ganz leicht, neigte ihn dabei nach unten, schloss seine Augen, atmete tief durch die Nase ein, hob seinen Kopf wieder und öffnete die Augen.
Niemand wagte es, ihn darauf anzusprechen. Oder niemand nahm es war.
Eines Morgens, in das Funkeln seiner Augen hinein, brach er sein Schweigen.
„Du guckst in die falsche Richtung.“ Irritiert drehte ich mich um und war geblendet vom Licht der aufgehenden Sonne. Sie glühte dunkelrot.
„Was siehst du?“, fragte er.
„Einen wunderschönen Sonnenaufgang über dem Feld. Was sehen Sie?“
„Den Beginn eines Lebens, einen neuen Versuch, ein Meer voller Scheitern. Hoffnung und Wut, Ratlosigkeit. Und einen wunderschönen Sonnenaufgang über dem Feld. Setz dich zu mir, heute brauche ich nichts.“
„Schauen Sie deswegen immerzu zum Horizont? Um die Sonne zu beobachten?“, fragte ich, während ich mich auf den Boden setzte.
„Nein. Und ja. Ich will wissen, ob sie es heute schafft.“
Ein wissendes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er das sagte.
„Was schafft?“
Er antwortete nicht. Ich beobachtete das Bild vor meinen Augen. Ein großes Feld, eingerahmt von Wiesen und Ackern und einem kleinen Wald. Der Weizen stand schon hoch, es war beinahe windstill. Ich fragte mich, ob es jeden Morgen so war.
In weiter Ferne zogen einige Wolken heran.
Es wurde Nachmittag, als sie die Sonne verdeckten. Ich bemerkte, wie er verkrampfte, als es soweit war. Es wurde dunkel in seinen Augen.
„Nicht geschafft?“, fragte ich.
„Nicht geschafft.“, sagte er.
Eine Ahnung wuchs in mir.
„Was versuchen Sie zu beweisen?“
„Oh, man kann nicht beweisen, was ich vermute. Ich schaue nur nach, ob die Sonne mich widerlegt.“
In meinem Schweigen klang mein Nicht-Verstehen mit.
„Was möchtest du mal werden?“
„Ich weiß nicht, in der Hauptsache glücklich, denke ich.“ und fragte mich stumm, wer das schon wisse und was es mit der Sonne zu tun hatte.
„Weißt du, warum ich die Sonne beobachte? Sie geht auf und wieder unter, jeden Tag. Sie kann nicht stehen bleiben, so sehr sie auch will. Eine kleine Wolke reicht, und sie ist in einem ganzen Land nicht mehr zu sehen. Ich glaube, so wie die Sonne kämpft, um durch die Wolken zu kommen, so kämpfen auch wir Menschen darum, mehr zu sein, als wir sind. Die Wahrheit aber ist, wir können nicht mehr werden, als unser Potential es uns erlaubt.“
Ich schwieg wieder, diesmal jedoch, um seine Resignation zu verdauen, die mich zu überwältigen drohte.
Er nickte zum Horizont hin.
„Und das so kurz vorm Durchbruch.“, flüsterte er.
Die Wolke zog vorbei, ein letzter Sonnenstrahl blitze über den Horizont, dann war es dunkel.

von derSeb, Oktober 2010

Kommentare

Bild von PHANTOMSCHMERZ

Ich wollt' einfach mal sagen,

Ich wollt' einfach mal sagen, dass deine Art zu schreiben, deine Gedanken mir irgendwie gefalle, sie haben etwas ganz eigenes, beschreiben die Sachen aber gut, sodass sie nicht unverständlich sind.
Einzig und allein woran du arbeiten solltest ist vielleicht der Schreibstil, mehr Kontext, keine Gedanken einer Person, sonst wäre es für mich keine wirkliche Poesie mehr, aber du schreibst über den Horizont, die Sonne, die Welt, ich find einfach das könnte man super gut beschreiben und noch poetischer machen.
mach weiter!

Bild von JelenaHan

Was ist schon Poesie ?

... Wenn es nicht die Kreativität ist?
Seine Gedanken und Ideen schreibend bildhaft zu machen? Auch die Gedanken von Personen können sehr poetisch sein, wie man an jedem Dichter sieht.
Ansonsten Stimme ich dir zu.
Deine Geschichte, Seb, ist .. auf jeden Fall interessant. Sie macht nachdenklich. Das gefällt mir sehr.