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HERR PAUL UND SEINE LEIDEN - Teil 9
Der Prinz und sein Dornröschen
Sieglinde eilte quer durch den Wald, so schnell sie ihre Wurzeln trugen. Nichts und Niemand konnte sie jetzt noch aufhalten. Dort wo sie entlang kam, bildete sich ein kleiner Graben, in dem sofort Wasser floss. Das Wasser kam wie aus dem Nichts. Sieglinde bemerkte es nicht. Ihr einziges Ziel war ihr Liebster. Sie eilte mit einer solchen Behutsamkeit durch den Wald, dass sie nicht einmal einen Zweig auf ihrem Weg zerbrach. Endlich sah sie den Waldrand und da sie nicht wusste, was sie erwarten würde, beschloss sie die Situation erst einmal genau zu beobachten. Sie stellte sich zu den anderen Bäumen und konnte auf das gesamte Gelände schauen. Dann traf es sie, wie eine Pulswelle, wie ein mechanisch verstärkter Herzschlag. Ihr Herz erwachte zu neuem Leben. Sie wusste jetzt ganz genau, dass ihr Liebster in unmittelbarer Nähe sein musste. Sie konnte ihn spüren. Ihr Herzschlag schlug im gleichen Takt. Er würde sie leiten, er würde ihr zeigen, wo er war. Sie setzte sich in Bewegung, jedes Mal wenn sie eine falsche Richtung einschlug, konnte sie spüren wie der Herzschlag schwächer wurde. Sie stand vor einer Mauer. Einer Wand aus Holz. Sieglinde legte mehrere ihrer Zweige an das Holz und konnte die Schmerzen der Bäume spüren, die hier verarbeitet wurden, unbemerkt rann ihr eine Träne über eines ihrer Blätter. Sie drückte und presste sich mit aller Kraft gegen die Wand und dann auf einmal gab sie nach. Ein großes Loch zierte jetzt die Holzwand und zum Vorschein kam ihr Liebster. Hartmut stand auf und rieb sich die Augen, denn das helle Sonnenlicht blendete ihn nach fünfzig Jahren Dunkelheit. Als er wieder sehen konnte, stand er nur fassungslos da und wollte sein Glück nicht fassen. War das seine Sieglinde? Natürlich war sie es. Er hatte es lange vorher schon gespürt, dass sie in der Nähe ist. Das würde bedeuten, er hatte sich vor fünfzig Jahren umsonst einmauern lassen. Die ganzen Jahre über war sie so nah und doch so fern. Er sprang aus der Wand direkt auf Sieglinde zu. Seine Arme schlossen sich fest um ihren Stamm. Seine Umarmung war voller Liebe. Fünfzigjähriger Liebe, die mit jedem Tag gewachsen war. Das Glück und die Freude, die die beiden empfanden, waren größer als alles Glück auf Erden und des Paradieses zusammen. Sie waren eins.
Fortsetzung folgt...^^
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