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Klassisch und schwer bekömmlich

Von: Aluni
 
22.08.2009 - 17:47
Facebook:

Die Band Corvus Corax hat die „Carmina Burana“ neu vertont. Wie klingt das denn?

Anne ist 18 und interessiert sich eigentlich gar nicht für klassische Musik. Die Carmina Burana hielt sie für ein Musical. Knapp daneben – die Texte stammen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Bekannt geworden sind sie in der Vertonung von Carl Orff. Schon mal gehört? Den Chorsatz „O fortuna“ kennt ihr bestimmt.

„Erschreckend, was da an Instrumenten rumsteht. Das können die doch nicht alles verwenden. Vor allem nicht gleichzeitig.“ Anne schaut skeptisch auf die Bühne. Wir sind bei den Filmnächten am Elbufer in Dresden. Es ist halb neun, es dämmert. Die Stadtsilhouette am anderen Ufer leuchtet, am Himmel sind nur ein paar Wölkchen zu sehen. Corvus Corax stehen neben der Bühne und unterhalten sich.

Die Musiker stimmen ihre Instrumente, und Anne wird von der Vorfreude gepackt: „Zwischen dem Orchester und mir spannt sich ein Faden.“
Die Bühne wird in blaues Licht getaucht, ein roter  Scheinwerfer streift über das Publikum. Knapp 2000 Menschen blicken gespannt nach vorn.
Von der Bühne steigt ein tiefes Grollen auf, drückt auf die Ohren. Eine Stimme aus dem Off erzählt einen apokalyptischen Text. Im Hintergrund stellt sich der Chor auf, ganz in weiß.
Die Musik beginnt, Corvus Corax tragen fünf riesige Fahnen auf die Bühne. Anne ist der Pathos zuviel: „Die bauen zu lange Spannung auf.“
Der Chor, die Trommeln und die Dudelsäcke prägen den ersten Teil. Fast wie ein Stroboskop passen  sich die Scheinwerfer dem Rhythmus an. „Das ist nichts für Leute mit Multitasking-Problemen“ stellt Anne fest. Den Untertitel „Das monumentale Orchesterwerk“ trägt Cantus Buranus zu recht.

CC_2.JPG
Foto: PR

Im Regen tanzen

Es beginnt zu nieseln und die Zuschauer spannen ihre Schirme auf. Einige Fans laufen zur Bühne und fangen an zu tanzen. Unter ihnen ist eine junge Frau in einem weiten weißen Kleid.
Dass alle Texte lateinisch gesungen werden, stört Anne nicht. „Dadurch konzentriert man sich viel mehr auf den Klang. Es könnte Filmmusik sein.“ Aber wäre man allein und blind, es wäre gruseliger als jeder Horrorfilm.

Nach den einzelnen Liedern applaudieren die Leute. Wir fühlen uns schon ein bisschen taub.
Es ist anstrengend aufmerksam zuzuhören, „Reizüberflutung“ diagnostiziert Anne.
Der Regen wird stärker, wir kauern uns unter unseren zwei Schirmen zusammen.  Immer mehr Leute stellen sich vor die Bühne. Wenn man schon nass wird, dann sollte die Sicht wenigstens gut sein.
Solistin Ingeborg Schöpf kommt in einem fantastischen Kleid auf die Bühne. Leider verschluckt das  Orchester ihre Stimme ein bisschen.
Nach 30 Minuten wartet Anne immer noch auf den Höhepunkt. „Normalerweise höre ich mir nicht mal Lieder über sechs Minuten an. Das ist ein bisschen wie bei Oasis, da wartet man auch die ganze Zeit auf 'Wonderwall'.“

Das Warten auf den Höhepunkt

Mittlerweile ist vor der Bühne kaum noch Platz. Ich glaube es ist eher selten, dass Leute zu klassischer Musik mitklatschen. Wieder spricht die Stimme aus dem Off, die Zuschauer haben einen Moment Pause. Lichtkugeln werden auf die Bühne getragen.

„Vielleicht sind wir Jugendlichen ein bisschen zu verklemmt für diese Musik. Man muss richtig eintauchen. Wahrscheinlich entdeckt man die besten Stellen erst, wenn man mit 50 vorm Kamin sitzt und Rotwein trinkt.“

CC_1.JPG
Foto: PR

Der Regen hat nachgelassen, Anne wird ungeduldig. „Man verliert die Details aus dem Blick.“
Corvus Corax und der Chor kommen zurück auf die Bühne, diesmal in roten Gewändern.
Mit ihrer Klasse würde Anne „Cantus Buranus“ nicht angucken wollen: „Da lenkt man sich zu sehr ab. Eher mit Oma und Opa.“

Mit einem Trommelsolo endet das Konzert. Corvus Corax, die Solistin und der Dirigent verbeugen sich. Die Fans trotzen dem Regen und fordern Zugaben.
Auch auf den Rängen sind die Leute aufgestanden, wiegen sich im Takt der Musik. Vor der Bühne kommt richtig Bewegung auf.
Nach zwei Stunden sind Musiker und Publikum erschöpft. Annes Urteil: Mittelmaß. „Nicht richtig aufregend, aber auch nicht einfach langweilig.“ Nochmal anhören, das ist nicht drin. Dafür hat der Höhepunkt gefehlt: „O fortuna“, wie in der Fassung von Carl Orff.
Und wie viel Geld hätte Anne sich „Cantus Buranus“ kosten lassen? „10 Euro. Ich bin ja multitaskingfähig.“
 

Hier gibt's noch ein Interview mit Corvus Corax.
Und hier  Stoff zum Anziehen. Geschenkt.