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Leben mit einer Hörschädigung

 
05.03.2010 - 17:59
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Spiesser Autorin Melanie Höhnel traf sich mit einer jungen Frau (Kerstin H.), die seit ihrer Kindheit Hörgeschädigt ist und plaudert mit ihr über den Alltag, Probleme die eine Hörschädigung mit sich bringen und über ihre Familie.

Was für eine Hörschädigung haben Sie?
Kerstin: Ich habe eine Innenohrschwerhörigkeit. Auslöser hier für waren zahlreiche Kinderkrankheiten, zum Beispiel Scharlach, Röteln, Windpocken.

Wie verlief ihre Kindheit?
Kerstin: Ich selber hab das ja gar nicht so wirklich mit bekommen, dass ich anders bin.
Meiner Mama ist es als erste aufgefallen, dass ich nicht reagiere, wenn sie meinen Namen ruft. Und auch in der Kindergrippe wurde es immer deutlicher. Und ein Arzt hat dann die Vermutung meiner Mama bestätigt.

Was war anders in ihrer Kindheit, als bei anderen Kindern?
Kerstin: Ich hab in meiner Kindheit oft alleine gespielt. War wie in meiner eigenen Welt. Ich hab ja nicht gehört, was um mich herum passierte. Und Hörgeräte hab ich erst später bekommen. Dazu muss man sagen, dass ein Hörgerät nur zu 70-90 Prozent, das Gehör ersetzen kann. Na ja und erst wenn mich vielleicht ein anderes Kind an die Hand genommen hat und mich dazu „gezwungen“ hat mit ihm zuspielen, dann hatte ich Spielpartner oder Freunde.
Meine Schulzeit war aber schön. Ich besuchte die Samuel-Heinicke Schule in Leipzig. Dort hatte ich viele Freunde. Sie hatten ja alle eine Hörschädigung. Ich kam in eine Klasse, wo nur schwerhörige Schüler waren. Doch durch den Sport nach der Schule konnten, fand ich auch viele gehörlose Freunde. Und so lernte ich von ihnen die Gebärdensprache. Diese Sprache war für mich eine Bereicherung. Mit Worten alleine konnte ich mich nicht so gut ausdrücken, doch mit „Zeichensprache“ war es ganz einfach. Leider sahen dies unsere Lehrer nicht so und so wurde eine Zeitlang diese Art von Kommunikation an der Schule verboten. Die Schulleitung war der Meinung, dass die Gebärdensprache nur ein minderwertige Kommunikation ist.

War Sport ihnen wichtig
Kerstin: Zum einen fand ich dadurch viele neue Freunde. Sport war natürlich auch ein Ausgleich zum Schulalltag. Ich war eine sehr ehrgeizige Leichtathletin. Ich habe so oft wie es ging trainiert. Ich gewann sehr viele Medaillen und war sogar mal DDR Meisterin unter den Hörgeschädigten. Das hat mich bis heute nicht losgelassen und ich treibe immer noch aktiv Sport.

Hat ihre Schwerhörigkeit die Partnersuche beeinträchtigt?
Kerstin: Ich wollte nie ein Mann haben der gehörlos ist. Entweder sollte er wie ich schwerhörig sein oder normalhörend. Natürlich könnte man meinen, dass es klar war, dass ich auch einen hörgeschädigten Partner finde, da ja der größte Teil meines Freundeskreises hörgeschädigt war. Jedoch sind wir auch gerne auf Partys gegangen und auf so einer Party hab ich Mike kennen gelernt. Er war normal Hörend, doch ihm hat es nichts aus gemacht, dass ich eine Hörschädigung hatte. Da hatte ich sehr großes Glück. Ich hab ihm meine Welt gezeigt, das heißt ich hab ihn mit zu Veranstaltungen für Hörgeschädigte genommen und hab ihm alles erklärt. Und bis heute sind wir glücklich zusammen.

Sie haben zwei Kinder?
Kerstin: Richtig. Zum einen bin ich froh das es zwei normal hörende Kinder sind und zum anderen bedeuten mir diese Kinder genauso viel, wie jeder andere Mutter, die ihre Kinder liebt. Bei meinem ersten Kind, war natürlich alles neu. Am Anfang hatte wir das Kinderbett noch in unserem Schlafzimmer stehen, damit ich es höre, wenn es in der Nacht schreit. Später wurde es ins Kinderzimmer gestellt und da hab ich es natürlich nicht gehört, wenn es in der Nacht weint. Ich hab immer seelenruhig geschlafen und mein Mann ist aufgestanden und hat nach dem Kind geschaut oder hat mich geweckt. Ich hab immer sehr darauf geachtet, das die Wohnung sicher ist, das heißt, dass Fenster und Türen gut verriegelt sind. Ich hätte sie ja nicht schreien gehört, wenn etwas passiert wäre. Mein zweites Kind war ein Junge. Meine Tochter hat mir dann immer Bescheid gesagt, wenn er geschrien hat. Damit war sie mir eine sehr große Hilfe. Auch, wenn wir Arztbesuche hatten musste meine Tochter oder mein Sohn mir Bescheid sagen, wenn uns die Schwester aufruft. Ich hab es ja nicht gehört. Bis heute ist es für meine Kinder selbstverständlich mir zu helfen. Und darauf bin ich sehr stolz.

Sie sind gelernte Köchin, war dies dein Traumberuf? Und gibt es in ihrem Beruf Probleme wegen ihrer Hörschädigung?
Kerstin H.: Ich wollte eigentlich Krankenschwester werden, doch meine schulischen Leistungen waren nicht gut genug. Aber ich backe und koche auch gerne und deswegen entschied ich mich für eine Ausbildung zur Köchin. Natürlich treten auch hier wieder die bekannten Probleme auf. Ich höre es einfach nicht, wenn mir jemand etwas zu ruft und schon gar nicht in einer Küche mit den vielen lauten Nebengeräuschen. Da bringen die besten Hörgeräte nichts. Genauso höre ich es auch nicht, wenn zum Beispiel die Milch überkocht. Natürlich hab ich auch schon öfters darüber nach gedacht, dass mir viele Aufstiegschancen in meinem Beruf verwehrt geblieben sind, weil viele eine Hörschädigung mit einer geistigen Behinderung in Verbindung bringen. Das ist jedoch nicht der Fall, ganz im Gegenteil ich fühle mich sogar der Aufgabe gewachsen zum Beispiel Chefköchin zu werden. Hätte man von Anfang an mich geglaubt und mich gefördert, hätte ich vielleicht jetzt eine ganz andere Position in der Firma.

Genug von der Vergangenheit. Wie ist den jetzt die Gegenwart für Sie und wie stellen sie sich die Zukunft vor?
Kerstin H.: Wie schon erwähnt treibe ich immer noch Sport. Kein Leichtathletik mehr, sondern ich schwimme in einen Schwimmverein für Hörgeschädigte, wo ich mich auch um die Organisation von Treffen und Veranstaltungen kümmere. Und ich spiele Fußball. In einer normal hörenden Mannschaft. Doch ich überlege mit Fußball spielen auf zu hören und mich mehr dem schwimmen zu widmen. Zu mal mir schon mehrfach angeboten wurde als Trainer in diesem Verein aktiv zu werden. Das reizt mich schon irgendwie. Ich probiere ja gerne was neues aus. Beruflich wird sich für mich nicht viel verändern. Und meine Kinder werden auch langsam Erwachsen. Es ist auch nicht leicht für eine Mutter los zu lassen. Doch das heißt nicht das es ruhig in meinem Leben wird. Meinem Mann und mir wird es nicht langweilig, solange wir aktiv in meinem Schwimmverein sind und wir weiter hin mit unsere Motorradclique Touren unternehmen.

Kommentare

Bild von HyateRedet

Toller Artikel

Er zeigt, dass auch Menschen mit Hörschädigungen ein ganz gewöhnliches Leben führen, wie jeder andere Mensch einen Job haben, oder eine Familie gründen.
Klasse :)