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Reformtief Bologna

Von: Aluni
 
08.02.2010 - 16:37
Facebook:

Die Politiker reagieren auf die Schüler- und Studentenproteste und wollen an Bachelor und Master nachbessern. Nur nicht zu früh freuen! Die Sicht von jemandem, der sein Studium noch vor sich hat

Wer sich für ein Studium entscheidet, der hat viele Fragen. Die drängendste: Was soll ich studieren? In letzter Zeit sind neue große Fragezeichen dazugekommen. Und sie machen es mir, die noch vor ihrem ersten Hörsaalbesuch steht, nicht leichter. Es geht um den ganzen großen Bachelor-Master-Bologna-Reform-Wust: Ist es so schlimm, wie alle erzählen? Sind die neuen Bachelor-Studiengänge wirklich so stressig? Die Abbrecherquoten hoch, die Jobchancen danach niedrig?

  • Jeder zweite Uni-Student berichtet laut neuer Untersuchungen von zeitlichen Überschneidungen wichtiger Lehrveranstaltungen.
  • Vor allem Studenten der Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften finden ihren Studiengang nach wie vor überfüllt.
  • Jeder fünfte Student hatte noch nie persönlichen Kontakt zu seinen Professoren.
  • Jeder vierte empfindet die Zahl der regelmäßigen Leistungsnachweise als zu viel.
  •  30 Prozent bedrückt ihre aktuelle finanzielle Lage.
  •  Von Austauschfreude keine Spur: Während von den Diplomstudenten 14 Prozent ein Auslandssemester planen, sind es bei den Bachelorstudenten nur acht.
  •  Weil viele neue Studiengänge so spezialisiert sind, ist selbst der Wechsel zwischen zwei Universitäten innerhalb Deutschlands schwieriger geworden.
  • Man muss es so deutlich sagen: Der Bologna-Prozess ist Murks. Und zwar nicht im Sinn von schlecht gelaufen, nein, im Sinn von beschissen gelaufen. Fehler hat die 1999 in Bologna beschlossene Reform genug. Das bestreitet heute kaum mehr jemand. Aber jetzt will es niemand gewesen sein. Die Professoren nicht, die Kultusminister nicht und die Bundesregierung erst recht nicht: „Bildung ist Ländersache.“
„Es ist unglaublich anstrengend, eine Uni zu besetzen. Und mit dem Ende der Besetzung hört die Arbeit längst nicht auf. Nur weil gerade nicht über uns berichtet wird,
heißt das nicht, dass wir nichts tun.
Wir bereiten uns auf die nächste
große Welle vor.“
Marina Küpper, 22, studiert an der Uni Köln. Seit November engagiert sie sich im Kölner Bildungsstreik-Bündnis. Wir haben sie interviewt.

Während sich die Politiker wegducken, gehen diejenigen, die es angeht, auf die Straße. Wo würden wir heute stehen ohne die Schüler- und Studentenproteste? Mit klaren Forderungen mischen wir uns seit Sommer 2009 ein. Zuvor hat uns niemand gefragt. Wir haben uns selbst Gehör verschafft und unsere Fragen laut gestellt: An mehr als 50 Hochschulen besetzten Studenten Hörsäle, demonstrierten bei Sitzungen der Hochschulrektoren und der Kultusminister, in Rheinland-Pfalz wurde das Parlament gestürmt. Mehr als 200.000 Studenten und Schüler gingen im Sommer vergangenen Jahres auf die Straßen. Und es ist die richtige Antwort auf das, was mit Studenten gerade gemacht wird:

In den Büros der Rektoren, der Kultusminister und in Berlin geht jetzt die Hektik um: Die Greifswalder Uni schreibt ein 10-Eckpunkte-Papier, es gibt Bologna-Wochen, der Bundestag spricht mit Experten, die Kultusminister laden zu Workshops ein. Für mich klingt das alles ein bisschen nach Sitzkreis, ein bisschen nach „Gut, dass wir mal drüber geredet haben.“ Das ist zuwenig! Das Baden-Württembergische Kultusministerium hat sogar einen digitalen Kummerkasten eingerichtet. „Uns ist wichtig, was die Studenten und Schüler denken“, sagen jetzt alle. Wer‘s glaubt!

„Politiker werden nervös, wenn junge Leute auf die Straße gehen. Aber es wäre besser, vor den Ministerien zu demonstrieren anstatt vor den Unis.“
Dr. Bernhard Kempen ist Vorsitzender des Deutschen Hochschulverbandes und vertritt 24.000 Hochschullehrer. Wir haben ihn interviewt.

Auch Bundesbildungsministerin Annette Shavan zieht mit. Am Anfang klang das noch anders, da waren die Demonstrationen „unangemessen“. Jetzt wird gekuschelt, sie will das BAföG erhöhen. Auch die Kultusministerkonferenz verspricht Nachbesserung: Der Bachelor könne ruhig auch ein oder zwei Semester länger dauern, die Zahl der Prüfungen könne reduziert werden und Studiengänge an verschiedenen Unis sollen angeglichen werden. Aber bis wann und wie das umgesetzt werden soll, darauf wollen sich die Kultusminister noch nicht festlegen. Es sind und bleiben erst einmal Versprechungen. Deshalb sollte sich niemand zu früh freuen.

Drei Viertel aller Erstsemester studieren Bachelorstudiengänge. Ich wahrscheinlich auch. Und gerade deshalb ist es mir wichtig, dass die Fehler ausgemerzt werden. Und zwar schnell!

Schülern und Studenten fällt dabei die wichtigste Rolle zu: Wir müssen Krach machen. Der darf jetzt nicht vorbei sein, sondern muss noch einmal richtig losgehen. Es wär‘ schön, wenn sich ein paar Fragen bald in Luft auflösen. Dann könnte ich mich nämlich wieder auf die einzig wichtige konzentrieren: Was soll ich studieren?

Mehr Meinungen zum Thema:

„Das sind keine Leute, die mal so aus Spaß auf Demos gehen. Darum sollte die Gesellschaft ihre Forderungen sehr ernst nehmen.“
Tino Bargel, Hochschulforscher

„Der Bologna-Prozess ist die tiefgreifendste Reform seit 200 Jahren.“
Prof. Margret Wintermantel, ehemalige Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz

„Die Anwesenheitspfl icht bei den Vorlesungen brennt den Studenten unter den Nägeln. Wir haben entschieden, dass die Pfl icht nur in Veranstaltungen gelten soll, die die aktive Mitarbeit der Studenten erfordert.“
Prof. Walter Grünzweig, Prorektor für Studium an der TU Dortmund

„Viele Probleme, die unter dem Label Bologna diskutiert werden, sind der jahrzehntelangen Unterfinanzierung der Hochschulen geschuldet.“
Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats

„Korrekturen sind beschlossen und werden umgesetzt, aber eine Generaldivision wird es nicht geben.“
Bundesbildungsministerin Annette Schavan

„Wir sind die Sieger. Es ist nur eine Frage der Zeit.“
Eva Fried vom Bildungsstreik-Bündnis

„Diesen Rabauken geht es nicht um Inhalte. Sie wollen nur Rabatz machen.“
Paul Linsmaier, Vorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten in Bayern

„Der Schlüssel für einen Erfolg der Bologna-Reform ist mehr Lehrpersonal.“
Edelgard Buhlmahn, damals Bildungsministerin

„Wir sehen, dass Bildungssäle von der Polizei geräumt werden. Das wird das Problem aber nicht lösen. Man kann Studierende vielleicht räumen, die Probleme werden aber bleiben.“
Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen

Welche Meinung habt ihr zu den Schüler- und Studentenprotesten? Welche Fragen zu Bachelor und Master? Welche Kritik zur Studentenreform? Diskutiert mit uns!

@bologna

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