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„Ich spreche als Überlebender“
Marcel Reich-Ranicki, wohl der angesehenste Literaturkritiker unserer Zeit, hat heute als Zeitzeuge zum Holocaust-Gedenktag im Bundestag gesprochen. Anne hat auf der Presse-Tribüne zugehört – und vor allem mitgefühlt.
„Nach dem Papst ist vor dem Literaturpapst“, raunt mir mein Sitznachbar zu. Recht hat er: Die Zuschauertribünen sind gefüllt, ein Großaufgebot an Journalisten drängelt sich auf den Pressetribünen. Das penetrante Klicken der Fotokameras kündigt Dr. Marcel Reich-Ranicki an. Gestützt von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU), flankiert von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU/CSU) und Bundespräsident Christian Wulff (CDU), betritt er langsam den Plenarsaal.
20 Prozent der Deutschen „latent antisemitisch“
In einleitenden Worten erinnert Lammert an die vor Kurzem aufgedeckte Neonazi-Mordserie. Dieser Hass sei nicht zu akzeptieren, betont er. Das Beispiel zeige, dass noch nicht alle Menschen in Deutschland „frei und gleich und ohne Angst“ leben könnten.
Der Bundestagspräsident weist auch darauf hin, dass laut dem aktuellen Antisemitismusbericht 20 Prozent der Bundesbürger latent antisemitisch eingestellt seien. „Das ist für Deutschland genau 20 Prozent zu viel“, betonte er – unter großem Beifall der Abgeordneten.
„Ich spreche als Überlebender“
Man muss genau hinhören: Reich-Ranicki spricht langsam, mit brüchiger Stimme – und doch bestimmt. Bereits im Vorfeld hat der 91-Jährige gesagt, dass diese Rede eine „schwere Aufgabe“ für ihn sei. Er wisse nicht, ob es ihm gelingen wird – und trotzdem wagt der einflussreiche Literaturkritiker jetzt den Versuch: „Ich spreche heute nicht als Historiker, sondern als Zeitzeuge, genauer als Überlebender.“ Er beschreibt die Deportation der Bewohner des Warschauer Ghettos in das Vernichtungslager Treblinka im Jahr 1942.
So frei konnte Reich-Ranicki nicht immer sprechen. Dass er heute hier im Plenum steht, hat viel mit Glück und Mut zu tun. Denn bevor sich der Literaturkritiker den Büchern, Epochen und Schriftstellern widmen konnte, durchlebte Reich-Ranicki während der Herrschaft der Nationalsozialisten grauenvolle Jahre der Flucht und Vertreibung. Seine Eltern verendeten in Gaskammern, sein Bruder wurde von SS-Einheiten erschossen.
Reich-Ranicki zeichnet ein beklemmendes Bild der Gräueltaten im Nationalsozialismus: Als Übersetzer im Warschauer Ghetto musste er selbst das Todesurteil protokollieren, „das die SS über die Juden von Warschau gefällt hatte". Derweil sangen SS-Offiziere unbeschwerte Lieder.
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Foto: DBT/Melde, Text: Anne Juliane Wirth
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