Vertretungsstunde mit Mia: Antennen ausgefahren

 
01.02.2007 - 13:35
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Wie wirken Texte eigentlich auf die Hörer? Die Band Mia geht dieser Frage in der Vertretungsstunde mit der 11a des Johann-Gottfried- Herder-Gymnasiums in Berlin auf den Grund.

Musikunterricht. Ein bisschen trällern, ein paar Gitarrenakkorde? Nicht mit Mia! Mieze, Bob, Ingo, Gunnar und Andi nehmen sich beim Wort und untersuchen, wie ihre melodischen Botschaften den Hörernerv treffen. Als Testobjekt dient die 11a des Johann-Gottfried- Herder-Gymnasiums in Berlin.

Mia

Mieze, Gunnar, Andi, Ingo und Bob sind seit 1997 als Mia unterwegs. Seitdem haben sie drei Alben unters Volk gebracht und die Hauptrollen in einem ganzen Film gespielt: „Mia. Keine Zeit zu verlieren“ heißt die Band- Doku. Mit dem neuesten Album „Zirkus“ gehen die fünf jetzt auf Tour, im Gepäck Vibraphon, Glockenspiel, Akkordeon, Trompete,
Triangel und Miezes Goldstimme.

11.50 Uhr, Gitarrist Ingo begrüßt die Klasse zackig und lotet den Ruhmreichtum der Band aus.

Ingo Wir ziehen das jetzt einfach mal durch, es kann ja auch lustig werden. Ist denn jedem klar, wer hier vorn eigentlich steht?

Nicht ganz. So kritzelt Ingo die Namen seiner Bandkollegen an die Tafel und malt je einen Pfeil dazu. Ein Schüler folgert scharfsinnig.

Mirko Da dürft ihr euch jetzt aber nicht anders hinstellen!

Na, ob sie das durchhalten?

11.52 Uhr, Ingo stellt das Unterrichtsthema vor: Die Theorie von Sender und Empfänger - in einem Mia-Spezial.

Ingo Wir als Band senden ne ganze Menge, ihr empfangt. Doch was bleibt auf der Strecke? In der Schule haben die Lehrer oft für uns überlegt, was ein Dichter mit seinem Text meinte. Aber woher weiß der Lehrer, was der Dichter dachte? Womit wir schon beim Problem wären! Wir haben da mal was vorbereitet.

Zettel werden ausgeteilt. Arbeitsblätter? Nee, es ist der Text zum Lied Was ganz Besonderes . Rico liest die zweite Strophe.

Rico Ich glaub es passiert schon wieder / Sprung in der Platte, gegen den Strich / Als ob etwas im Gange ist / Mit dem ich wieder mal nicht rechne / Hatte eben noch so einen Verdacht / Jetzt nur noch lose Fäden / Wann werde ich es verstehen / Will ich es je verstehen?

Mieze Wie viele Leute seid ihr? 28? Gut, 28 Menschen, 28 Meinungen. Es wird immer erwartet, dass, wer miteinander redet, sich auch versteht. Aber es ist gar nicht einfach, dass das, was man sendet, auch beim Empfänger ankommt. Also, was glaubt ihr, sagt die zweite Strophe?

VT_Mia12.jpg

Mirko druckst rum.

Mirko Dass, wie soll ich sagen, dass man selbst was ganz Besonderes ist.

Aha. Und weiter?

Melina Ich glaube, es geht dabei um eine Beziehung, in der zwei nicht voneinander lassen können.

Tom Ich würde das so interpretieren, dass man irgendwas nicht fassen kann, dass einem was durch die Finger gleitet.

Die Band ist ganz aufgeregt. So nah wie Tom war noch niemand dran! Aber wie ist es nun genau? Bassist Bob versucht sich auch einmal.

Bob Kennt ihr diese speziellen Momente, die nur eine Sekunde lang dauern, und man denkt Mensch, das find ich gerade toll , aber man kann nicht sagen, woran es liegt? Darum geht es. Glaube ich...

12.05 Uhr, Mieze wirbelt Richtung Klasse.

Mieze Glaubt denn von euch jemand an Schicksal?

Ein paar Mädels in den hinteren Reihen nicken heftig, andere schauen eher skeptisch.

Mieze Jeder weiß doch, wie es ist, wenn Sachen passieren, mit denen man nicht gerechnet hat, oder?

Rick Das nennt man dann aber Zufall!

Andi Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen Schicksal und Zufall? 

Band und Schüler diskutieren munter drauflos.

Jenny Eigentlich ist Schicksal doch nur ein Hirngespinst der Menschen, Zufälle passieren schließlich immer.

Gunnar Ja, genau. Man kann an Schicksal glauben oder es von sich wegschieben und feststellen, dass man ein selbstbestimmter, mündiger Mensch ist, der die wesentlichen Entscheidungen in seinem Leben selbst trifft. Dann gibt es nur noch den Zufall! 

  
Kling, Klang, Textempfang

Und wie sah das Ganze aus? Die Bilder zur Vertretungsstunde mit Mietze und Co. könnt ihr euch in unserer Bildergalerie anschauen.

12.27 Uhr, Sender und Empfänger suchen nach der gemeinsamen Wellenlänge. Gleich haben wir es! Mieze entwirrt ihre Wörter.

Mieze Da draußen ist ein einziges Chaos und Überangebot. Das Unbeständige, der Zufall, ist das Einzige, auf das man sich verlassen kann. Das Besondere ist, wenn man das alles in seiner Qualität zu schätzen weiß - und darauf spielt der Titel an.

Ein drängender Einwurf.

Melina Ist es denn überhaupt ratsam, solche verschlüsselten Texte zu schreiben?

Mieze Na, wenn du schon selbst erfahren hast, was in dem Text gesagt wird, oder wenn es dich auch nur an etwas erinnert, dann kannst du ihn auch entschlüsseln.

Geschafft. So große Gedanken stecken also in einem so kleinen Text. Letzte Frage an Mieze.

Rick Und wie ist das, wenn ihr eure Lieder und Texte auf die Menschheit loslasst und Aussagen ganz anders interpretiert werden also nicht so wie du selbst beim Texten gedacht hast?

Mieze überlegt.

Mieze Hmm, wir sind ja so lang mit einem Song beschäftigt, und wenn er dann fertig ist, denken wir alle - jeder auf seine Weise - dass er dem Lied das mitgegeben hat, was ihm wichtig war. Dann sag ich zu dem Lied (sie lacht!) So, nun geh raus und sag der Welt, was du zu sagen hast! , und dann kann man nichts mehr machen! Aber das ist auch gut so!

Die Klasse ist zufrieden, überhört die von Andi aufgetragenen Hausaufgaben großzügig und stellt den Vertretungslehrern ein gutes Zeugnis aus: Note Zwei.

Protokoll: Franziska Matthes, Fotos: Frank Grätz 

Ob Pocher, Die Ärzte oder Dr. Sommer – SPIESSER hat sie alle. Sämtliche Vertretungsstunden gibt es hier im Überblick.

 

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