Nix verpassen
Neueste Kommentare
Folge SPIESSER.de auf Twitter
Aktivste Spiesser der Woche
| Benutzer | Letzte Woche | |
|---|---|---|
| Craze | 254000 | |
| MissFelsenheimer | 248000 | |
| codin | 226000 | |
| andrew | 175000 | |
| little sunshine | 162000 |
Neueste Forenthemen
Wie Westdeutsche über Ossis denken, #01
Max, 18: Die Ossis können sich nicht verkaufen.
Christina, 21: Die Plattenbauten haben mich geschockt.
Lehrerin Susanne, 48: Ich spüre ein Misstrauen gegenüber der Demokratie.
--
// Liebe Trottel!
Sechsmal umgezogen, fünf verschiedene Bundesländer, 2610 Kilometer quer durch Deutschland: Max, 18, auf der Suche nach HeimatIch habe Zeugnisse von 14 verschiedenen Schulen.
Schuld an unseren vielen Umzügen war meistens die Arbeitssuche meiner Eltern, am Ende ihre Trennung. Zwischendurch wohnte ich mal bei Cottbus, die vorletzte Station war Bayern und jetzt lebe ich seit anderthalb Jahren in Dresden. In meiner neuen Schule habe ich richtig gute Freunde gefunden, aber meine Leute in Bayern haben mich auch nicht vergessen: Sie melden sich regelmäßig bei mir, obwohl man ja sagt, dass die Menschen aus dem Westen nicht so treu wären. Was allerdings stimmt, ist, dass sich die Leute im Westen viel besser verkaufen können. Die Ossis sind extrem zurückhaltend und gar nicht selbstbewusst. Ein Kumpel von mir meinte, er könne überhaupt nicht Gitarre spielen. Dabei klingt es großartig, wenn er in die Saiten haut. Die Ostdeutschen sind viel zu lieb und nehmen sich nicht, was ihnen zusteht. Sie haben sogar Probleme, zu widersprechen und sind manchmal naiv. Manche würden das vielleicht auch als trottelig bezeichnen. Ich bin so ein Mittelding: Ich habe die richtige Bescheidenheit des Ostens, weiß aber, dass ich mich zum Beispiel im Bewerbungsgespräch gut verkaufen muss. Aber bevor es so weit ist, will ich erst einmal meine Schule zu Ende bringen. Hoffentlich hier in Dresden. Protokoll: Antonie Rietzschel
Und das sagt der Experte dazu: Sich so gut wie möglich präsentieren das musste man in der DDR nicht. Hier war die Karriere weitgehend geregelt. Entweder ging es nach der Schule auf die Hochschule oder zum Arbeiten. Im Westen lebte man in einer Leistungsgesellschaft und musste sich durchsetzen. Wieder ein Problem der älteren Generation. Heute kann sich ein junger Ostdeutscher genauso gut verkaufen wie ein junger Westdeutscher, da gibt es überhaupt keine Unterschiede mehr. Jochen Staadt, Projektleiter des Forschungsverbunds SED-Staat an der Freien Universität Berlin
//////////////////////////////////////////////////////////////////////////
Tobias, 26: Ossis schmieren nicht dick Butter auf ihre Brötchen.
Jasmine, 20: Im Osten gibt es mehr Nazis.
Carolin, 18: Die Ostdeutschen sind herzlicher.
Thomas, 25: Für meine Kumpels war Sachsen das NPD-Land.
Melanie, 22: In billigen Stadtvierteln heizen die Leute noch mit Kohle.
//////////////////////////////////////////////////////////////////////////
// Plattenbaukind
Christina, 21, aus Hessen wohnt seit über einem Jahr in ihrer Traumwohnung im Plattenbau. Früher dachte sie, dass hier der Klassenkampf tobt. Heute gießen die Nachbarn ihre Blümchen
Als ich zu Studienbeginn das erste Mal bewusst in den Osten gefahren bin, war ich geschockt von den Plattenbauten in Ilmenau. Die Häuser wirken primitiv, irgendwie rückständig als würden die Menschen darin eingepfercht. Wahrscheinlich werden da noch soziale Kämpfe ausgetragen , dachte ich. Beim Blick auf den Kontostand aber wurde mir klar: Alles Mäkeln nützt mir nichts, so ein Arbeiterschließfach würde auch mein neues Zuhause werden. Aber als ich dann das erste Mal eine sogar von außen sanierte Platte betrat, war ich ehrlich geplättet. Meine Wohnung und ich: Liebe auf den ersten Blick. Jeden Tag scheint die Sonne von früh bis spät in meine Zimmer. Einfach traumhaft. Gut, etwas hellhörig ist die Bude schon, morgens höre ich manchmal die Quengelkinder aus dem Stock über mir schreien. Ist aber alles halb so wild. Außerdem ist unser Haus keine anonyme Bettenburg. Wir kennen uns und helfen uns. Meine Nachbarn gießen zum Beispiel die Blumen, wenn ich nicht da bin. Die hier ist meine erste eigene Wohnung und ich fühle mich sauwohl! Auf meine Vorurteile gebe ich jetzt nicht mehr viel. Protokoll: Doreen Zimmermann
Und das sagt die Expertin dazu: Die Platte ist kein Sammelpunkt für Sozialfälle. Man kann das nicht pauschalisieren. Es gibt auch ganz normale Familien in der Platte. Außerdem verursachen nicht die Plattenbauten soziale Probleme, sondern letztere führen dazu, dass Menschen in die Platte ziehen müssen. Zwei Dinge sollte man nicht vergessen: Früher war es im Osten etwas ganz Besonderes, in der Platte wohnen zu dürfen die drei Millionen Wohnungen waren heiß begehrt. Und: Plattenbauten gibt es auch in Westdeutschland. Ylva Queisser, Künstlerin, erarbeitete eine Ausstellung über die Plattenbau-Bewohner der Allee der Kosmonauten in Berlin
// misstrauisch
Lehrerin Susanne Reister, 48, kam aus dem Ruhrgebiet ins Erzgebirge. Ihre neuen Schüler wetteten, wie lange sie es wohl aushalten würde
Ob ostdeutsche Schüler besser erzogen sind als westdeutsche? Diese Frage sollte sich 2007 gar nicht mehr stellen. Ich habe in beiden Teilen Deutschlands unterrichtet. Erziehungsunterschiede führe ich nicht auf Ost oder West zurück. Das ist eher eine Frage der gesellschaftlichen Schicht, in der Kinder aufwachsen. Ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben, spielt ebenso eine Rolle wie die Mentalität und die regionale Herkunft. Ich unterrichte in meiner Schule Jugendliche, die vorwiegend aus dörflichen Strukturen stammen. Die haben zum Beispiel ein Problem damit, die persönliche Sphäre jedes einzelnen zu achten. Aber solche Phänomene kann ich mir auch in einer katholischen Kleinstadt in Bayern vorstellen. Außerdem spüre ich hier ein Misstrauen gegenüber der Demokratie. Unsere Schülermitverwaltung nimmt ihre Rechte zum Beispiel nur gering wahr. Heute, nach 13 Jahren im Osten, interessiert sich kaum mehr jemand dafür, dass ich aus dem Westen komme. Als ich hier anfing, war das anders. Schüler wetteten, dass ich es nicht länger als zwei Jahre aushalten würde. Und Eltern sagten, mein zugegeben nicht gerade frontaler Unterricht sei vielleicht im Westen angebracht, aber nicht hier. Protokoll: Anne Hähnig
Und das sagt der Experte dazu: Dass die Schüler im Osten ihre demokratischen Rechte weniger wahrnehmen, hängt mit der Geschichte der Schülermitverwaltung in den beiden politischen Systemen zusammen. In der DDR entwickelte sich eine Autoritätsgläubigkeit, die Bürger mussten akzeptieren, dass sie sowieso keine Rechte haben, folglich war die Schülermitverwaltung auch kein autonomes Organ. Im Westen entstand dank der 68er Bewegung in den 70er Jahren ein Bewusstsein für Mitbestimmung. Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern wurde unverkrampfter, Jugendliche hatten mehr Mitsprachemöglichkeiten. Dieser Prozess begann im Osten ähnlich intensiv erst nach der Wiedervereinigung. Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes
Fotos: André Forner, Grafik: Maik Wankmüller
// Was Ossis über Wessis denken //////////////////////////////////////
Enrico, 20: Reicher Westen? Penner gibt es da auch.
Sarah, 18: Im Westen schafft der Mann das Geld ran.
Astrid, 21: Wessis wissen nicht viel über die DDR.
Jacob, 21: Westberliner hinterfragen nicht so viel.
Florian, 20: Wessis haben mehr Geld in der Tasche.
Matthias, 22: Die Westdeutschen sind zu oberflächlich.
Markus, 19: Als Wessi wurde ich systematisch gemobbt.
Ron, 21: Beim Bund waren die Wessis verklemmt.
Patricia, 16: Westdeutsche sind faul.
//////////////////////////////////////////////////////////////////////////
Schluss mit den Vorurteilen: Hier sind die Fakten
Ich, das Vorurteil: So entstehe ich, so tarne ich mich, so überlebe ich...
//////////////////////////////////////////////////////////////////////////
Weitere Artikel





