Vertretungsstunde mit Mark Tilden: Eine Stunde Robotik, bitte
Mark Tilden ist der Erbauer des Robo sapiens, einem Roboter mit menschenhaften Zügen. Vor 19 Schülern des Schiller-Gymnasiums in Potsdam stellt er sich dem Praxistest.
Der Himmel ist grau und wolkenverhangen, als wir uns auf den Weg zum Schiller-Gymnasium in Potsdam begeben. Unsere Gedanken aber entschwinden in sonnige Zukunftsvisionen; in eine Welt, in der Maschinen uns die ganz persönlichen „Einer muss es ja machen“-Jobs abnehmen. Vielleicht schon in ein paar Jahren robben Roboter bei Regen ins Kaufhaus und kaufen für uns Schoki. Oder sie beseitigen Schneematsch von der Straße und kochen unser Mittag. Weit weg scheint das alles nicht, denken wir bei unserer Ankunft. Denn ein Roboter assistiert Dr. Tilden bei der Vertretungsstunde.
9.50 Uhr 19 disziplinierte Physik- Grundkursler sitzen an ihren Pulten, die Stifte sind gezückt, die Blöcke liegen bereit. Es scheint, als habe sich hier eine Schar zukünftiger Nobelpreisträger versammelt; eine Gruppe braver und ruhiger Denker.
Star Wars lässt grüßen: Mark W.
Tilden ist unser Mann im Mond.
Oder besser, er hat den Marsmensch
erfunden. Denn ein von ihm erbauter
Roboter durfte als erster den
unwirtlichen Mars betreten. Auch
wenn die Mission schief ging – wie
er uns in der Vertretungsstunde
beichtet – baut er auch heute noch
fantastische Robotermenschen. Deswegen
wollten wir von ihm vor
allem eines wissen: Warum braucht
die Welt seinen Robo sapiens? Ist
der Homosapiens nicht genug?
9.51 Uhr der Robo sapiens und sein Chef, Dr. Mark Tilden,betreten den Raum. Tilden hebt die 60 Zentimeter geballte Technik auf das Pult, schon in der nächsten Sekunde erwacht das kleine Ding zum Leben. Es tanzt, singt, klopft Sprüche. Die Kinnladen einiger Schüler kippen, sie kommen aus dem Staunen nicht raus. Der Roboter witzelt munter weiter: „Get your own drink!“. Die Klasse johlt.
9.55 Uhr Dr. Tilden stoppt das Vorspiel und es fängt an wie im Märchen
Tilden Als ich ein kleiner Junge war, flogen gerade die ersten Menschen zum Mond. Sie betraten eine Welt, die noch nie jemand vor ihnen auch nur zu Gesicht bekommen hatte. Das wollte ich auch! Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass wir in naher Zukunft unsere Flitterwochen im All verbringen würden und wollte immer selbst mal in den Weltraum fliegen. Und jetzt hat ein Roboter von mir es tatsächlich geschafft: Er ist – stellvertretend für mich – mit der NASA zum Mars geflogen. Leider hatte er dort oben einen ziemlich üblen Crash, und ich werde meinen Kumpel wohl nie wieder zu Gesicht bekommen... aber, sei’s drum.
Dr. Tilden kuckt ein bisschen wehmütig, fängt sich aber schnell wieder und kneift die Augen etwas zusammen
Tilden Ein Grund, warum ich Roboter baue, ist: Sie sind unser Weg in die Zukunft.
Die Schüler verziehen keine Miene. Gebannt hören sie auf die vielen Worte des fremden Mannes da vorne an der Tafel.
Roboter in der Zukunft
Noch mehr Einblicke in die Vertretungsstunde mit Mark Tilden und seinem Robo sapiens seht ihr hier.
10.13 Uhr Dr. Tilden malt das Modell eines Roboters an die Tafel. Die Schüler in der ersten Reihe übertragen die Zeichnung sofort in ihr Heft, sie scheinen an jedes der Worte Tildens zu glauben. Ihre Augen sagen: der Mann und seine Idee sind kreditwürdig. In Reihe zwei ist man entspannter – und wartet erst mal ab, was noch kommt. Vielleicht ist das alles ja auch nur Hokuspokus.
Tilden Ich lebe seit 15 Jahren mit Robotern zusammen, eine Zeit lang lebte ich mit 68 mausgroßen Dingern in einem Appartement! Irgendwann kam meine Freundin nicht mehr, weil ihr die Viecher unheimlich waren, sie meinte, die wären lebendig. Meiner Mutter habe ich einen meiner Roboter geschenkt, aber sie mochte ihn nicht. Warum? Sie wollte sich nicht von einer Maschine sagen lassen, wie sauber ihr Boden zu sein hat! Deswegen habe ich ein neues Konzept entwickelt, denn Menschen mögen keine Technologie. Menschen mögen Persönlichkeiten. Also sind jetzt alle meine Roboter richtige Persönlichkeiten. So verkauft man das.
10.31 Uhr Schlussworte
Tilden Ich möchte, dass Roboter etwas alltägliches werden. Eines Tages soll jeder Mensch einen Roboter besitzen, der für ihn arbeitet, Sachen erledigt, für ihn verreist. Dann könnt ihr lassen.
Wahrscheinlich fällt Dr. Tilden auch dafür ein Konzept ein. Den Schülern gefallen Tildens Ideen schon jetzt.
Schüler Wenn ich so’n Teil krieg, bekommen Sie zwanzig Punkte von mir
,ruft ein Schüler, als es an die Benotung der Stunde geht. Ob der Robotervater sich auf diesen Tauschhandel eingelassen hat, wissen wir nicht. Nötig hat er es nicht, denn der Rest des Kurses einigt sich auf eine glatte Eins – 14 fette Punkte. Ob die für den Robo sapiens sind oder für Tildens Vortragskünste, bleibt offen...
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