SPIESSER Beschäftigungstherapie

100 Jahre Bauhaus – mehr als Lampen und weiße Häuser

Sich mit einer alten Designschule zu beschäftigen, ist nur was für Rentner mit zu viel Zeit? Ganz im Gegenteil: Zum 100-jährigen Jubiläum ist das Bauhaus mit seinem vorwärtsdenkenden Geist moderner als je zuvor. SPIESSER-Autorin Helen ist überzeugt, dass das Bauhaus mehr ist als nur schlichte Lampen und weiße Häuser. Sie spricht mit Bauhaus-Botschafterin Alina Warsinsky darüber, warum es gerade für uns junge Menschen wegweisend ist.

04. November 2019 - 09:15
SPIESSER-AutorIn Helen16.
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Helen16 Offline
Beigetreten: 02.01.2018

2019 feiert die Bauhaus-Bewegung ihr 100-jähriges Jubiläum. Inmitten der Turbulenzen und der Aufbruchsstimmung während der Nachkriegszeit wurde damals in Weimar das Staatliche Bauhaus gegründet. Die Institution wollte eine neue Definition von Design schaffen: Kunst und Handwerk sollten zusammengeführt werden und der Gesellschaft dienen. Das Bauhaus war jedoch durch die immer größer werdende Macht der NSDAP zunehmend in Gefahr. Nach dem Umzug der Schule nach Dessau wandte sich der Fokus dahin, Design und Technik miteinander zu verbinden. Nach dem Motto „Volksbedarf statt Luxusbedarf” entstanden in dieser Zeit viele Produkte, die wir heute mit dem Bauhaus assoziieren. Der Druck der NSDAP wurde jedoch immer stärker, was 1933 zur endgültigen Schließung der Institution führte. Viele Kunstschaffende wanderten daraufhin in die USA und nach Israel aus, was der Bauhaus-Bewegung zu ihrer weltweiten Bekanntheit verhalf.

Die immense Produktivität im nur 14-jährigen Bestehen des Staatlichen Bauhaus' unter konstanter politischer Repression, sieht Alina Warsinsky als das faszinierendste Erbe des Bauhauses. Alina ist Produktdesign-Studentin an der Bauhaus-Universität in Weimar und Bauhaus-Botschafterin.


Alina Warsinsky studiert Produktdesign an der Bauhaus-Universität in
Weimar und ist Bauhaus-Botschafterin. Foto: privat von Helen Pörtner
Was ist für dich die Essenz des Bauhauses?

Da muss man unterscheiden zwischen dem Staatlichen Bauhaus in den 20er Jahren und der heutigen Bauhaus-Uni. Am Staatlichen Bauhaus finde ich am bemerkenswertesten, dass es sich als Versuchslabor verstand. Es ging nicht darum, einen bestimmten Sachverhalt zu vermitteln, sondern Lehre, Praxis und Forschung zu einem interdisziplinären Gesamtkunstwerk zusammenzufügen. Kunst und Gestaltung wurden neu gedacht und die Studierenden in Werkstätten sehr individuell von Professoren durch deren persönliche Stil beeinflusst. So entstand eine bunte Mischung aus Meinungen, die alle in einem Gesamtkunstwerk zusammenkommen. Die Bauhaus-Uni nennt sich heute noch so, weil dieser Geist des Experimentierens, der Kreativität und der Internationalität weiterlebt.

Warum sollten sich gerade junge Leute für das Bauhaus interessieren?

Die Bauhaus-Bewegung war eine Revolution in der Pädagogik. Hier hat man anders gelehrt. Ich höre oft von Freunden, dass an ihren Unis alles vorgegeben ist und es keinen Raum für eigene Gestaltung und Kritik gibt. Das Erbe einer so kreativen Schule wie der des Bauhauses, lässt einen das eigene Lernen hinterfragen. Durch diese Anstöße frage ich mich, wie ich lebendiger lernen kann. Komme ich vielleicht weiter, wenn ich etwas wage und meine eigenen Ideen verwirkliche, anstatt dem ausgetretenen Pfad zu folgen? Die Studierenden hatten damals schon einen anderen Stellenwer als in anderen Instituten, ihnen wurde viel mehr Verantwortung übertragen. Davon können sich viele Unis und Studierende noch heute eine Scheibe abschneiden. Auch wurde großer Fokus auf Internationalität gelegt und damit der Weg geebnet für beispielsweise Erasmus-Austauschprogramme, wie wir sie heute kennen. Bauhaus-Design und -Architektur versteckt sich außerdem überall in unserem Alltag. Viele Leute, die ich darauf anspreche, kennen sehr wohl die Produkte, hatten jedoch keine Ahnung, dass sie im Bauhaus entstanden sind.


In der Architektur verwendete das Bauhaus nie zuvor dagewesene
Formen und Ansätze, wie hier in Berlin. Photo by
Joel Filipe on Unsplash.
Wo in unserem Alltag hat das Bauhaus denn einen Einfluss, den wir wahrscheinlich nicht merken?

Viele der Vorgaben, nach denen Apple seine Produkte designed sind beispielsweise durch das Bauhaus inspiriert. Die Produkte sind nutzerfreundlich, schlicht, ästhetisch schön, verzichten auf Verzierungen und sind weitgehend erschwinglich. Nicht in Qualität, aber mehr im Sinne des Mottos des „Volksbedarfs statt Luxusbedarfs” entwickelt auch Ikea seine Produkte. Ständig sind die Designer auf der Suche nach neuen Materialien, neuen Methoden. Dieses stete vorwärtsgewandte Denken ist sehr typisch für das Bauhaus.

Was ist von der Innovation und Tatkraft der Gründerzeit der Bewegung vor 100 Jahren noch übriggeblieben?

Die Methodik des Designs findet sich nach wie vor wieder. Auch viele pädagogische Ansätze, gerade die Interdisziplinarität, sind heute sehr relevant für die Bildungspolitik. An der heutigen Bauhaus-Uni sind die Studierenden sehr motiviert, nach neuen Wegen zu suchen und zu verhindern, dass zu sehr am Alten festgehalten wird. Diese Mentalität ist das wohl wichtigste Erbe des Bauhauses.

Wie würdest du das 100-jährige Jubiläum begehen?

Ich würde die Ausstellungen noch viel interaktiver gestalten. Bei Bauhaus geht es ja nicht um das fertige Produkt, sondern viel mehr um den Prozess. So würde ich zum Beispiel Vormodelle nachbauen und Weberei-Workshops und Farblehrkurse anbieten, so wie sie damals auch stattfanden. Das Staatliche Bauhaus war ja eine Schule des freien Denkens und der Kreativität und ich finde, genau das sollte 100 Jahre später erhalten und vermittelt werden.

Viele Produkte in unserem Alltag sind in ihrer Form und Idee vom Bauhaus beeinflusst. Heute als modern und partizipativ angesehene Lern- und Lehrkonzepte entwickelte das Bauhaus schon vor 100 Jahren. Die damals gelebte interkulturelle Verständigung ist heute wichtiger denn je. Hinter dem Namen „Bauhaus” versteckt sich also eine Fülle an Impulsen für alle Bereiche unseres Lebens, die wir heute dringend gebrauchen können. Genug Grund, das Bauhaus nicht als langweilige Kunstausstellung abzutun, sondern seiner Vielfalt eine Chance zu geben.

 

Text: Helen Pörtner
Headerbild: Image by Moonglow from Pixaba

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