Kinofeeling

1.000 Arten Regen zu beschreiben

Ein 18-Jähriger, der sich in seinem Zimmer einschließt, wochenlang nicht mehr rauskommt und dessen einzige Kommunikation nach Außen seltsame Zettelbotschaften mit Nachrichten über den Regen weltweit sind. Und eine Familie, die daran zerbricht. Ein Film der verwirrt, irritiert und doch schrecklich real ist.

10. April 2018 - 11:14
SPIESSER-Autor PaulausMdorf.
Noch keine Bewertungen
PaulausMdorf Offline
Beigetreten: 18.05.2016

Worum geht's?

Im Wesentlichen geht es um eine geschlossene Tür. Fast ein Drittel des Filmes spielt sich davor ab. Hinter der Tür, so erfahren wir im Verlauf des Films, ist Mike. Zu sehen bekommen wir ihn nie. Mike ist gerade 18 geworden und kommt einfach nicht mehr aus seinem Zimmer. Egal, was der Rest der Familie, bestehend aus Eltern und Schwester, unternimmt. Was diese sehr spezielle Situation mit der Familie macht und welche Abgründe dadurch bei den einzelnen Charakteren zu Tage gefördert werden, wird innerhalb der nächsten eineinhalb Stunden schockierend realistisch dargestellt.

Der Film ist sehr düster. In den ersten Minuten wird man von der seltsam bedrückenden Stimmung gepackt. Die Erzählstruktur macht nichts weiter, als zu berichten und erklärt nichts. Am Ende hat man Vermutungen, steht aber genauso ratlos vor der geschlossenen Tür wie die Familie.

Interessant ist, dass sich der Film auf ein reales Phänomen aus Japan bezieht: „Hikikomori“ ist das klangvolle Wort, mit dem die selbstgewählte Isolation bezeichnet wird. Was surreal wirkt, ist ein reales, größer werdendes Problem: Immer mehr Jugendliche schließen sich in ihren Zimmern ein. Oft sind Überforderung, zu großer Leistungsdruck oder Internetsucht die Ursache. Dieses neue Phänomen ist bislang noch kaum erforscht und es gibt keine einheitliche Therapie.

Wer spielt mit?

Interessanterweise kein Mike. Stattdessen liefern Bibiana Beglau (bekannt aus „Luna“ und „Die Habenichtse“) und Bjarne Mädel („Was uns nicht umbringt“, „Es war einmal Indianerland“) als Eltern eine sehr gute Performance. Auch Emma Bading („Lucky Loser“) verkörpert die Schwester sehr gut. Schauspielerisch eine solide Leistung mit passendender Besetzung.

Filmischer Augenschmaus?

Der Film ist sehr, sehr atmosphärisch. Besonders der immer wieder als Stilmittel verwendete Regen ist schön inszeniert. Augenschmaus? Wohl eher ein Gesamtkunstwerk!

Gibt’s was zu meckern?

Wer eine leichte Unterhaltung zum Feierabend sucht, ist hier fehl am Platz! Bei dem Film bekommt man an einigen Stellen etwas Kopfschmerzen bei dem Versuch, alles nachzuvollziehen.

Braucht man Taschentücher?

Trotz der insgesammt sehr düsteren Stimmung gibt es nicht direkt Szenen, die einen zu Tränen rühren.

Mit wem angucken?

Mit jemandem, mit dem man danach darüber reden kann. Zumindest jemandem, der einen dann wieder aus dem Zimmer rausholt.

Auf einen Blick
Action:
Romantik: ✪
Humor:
Niveau: ✪ ✪ ✪ ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪
Was macht man danach?

Irritiert weiter die Leinwand oder den Bildschirm anstarren oder auch drüber reden. Was auch immer beim verarbeiten hilft.

In 3 Worten:

Verwirrung, Einsamkeit, Regen

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Große Leinwand muss nicht unbedingt sein, schadet aber auch nicht.

Mainstream oder Independent?

Von der Besetzung und Produktion her zu aufwändig für Independent aber viel zu viel Niveau für Mainstream!

1.000 ARTEN REGEN ZU BESCHREIBEN

Regie: Isa Prahl
Darsteller: Bibiana Beglau, Bjarne Mädel, Emma Bading, Janina Fautz, Louis Hofmann
Kinostart: 29. März 2018
Filmlänge: 92 Minuten
Genre: Drama
FSK: ab 12 Jahren

 

Text: Paul Hilliger
Bilder: Pressematerial

Dir gefällt dieser Artikel?

Kommentare

Ein kleiner Schritt für dich, ein großer Schritt für die Diskussion.
Mehr zum Thema „Kinofeeling
  • Lena B.
    Kinofeeling

    Ant-Man and the Wasp

    Das Marvel-Universum ist um einen Film reicher. Mit Ant-Man and the Wasp kommt die Fortsetzung des Films um den wohl kleinsten großen Helden der Marvel-Reihe in die Kinos. SPIESSER-Autorin Lena ist nicht restlos überzeugt.

  • pumpkinprincess
    Kinofeeling

    303

    Jule und Jan, ein altes „303“-Wohnmobil und ihre lange Fahrt in den Süden. Ein romantisches Roadmovie zwischen Fernweh und dem Wunsch, endlich irgendwo anzukommen. SPIESSER-Autorin Amelie findet: Sehr gelungen.

  • sophielorraine.senf
    Kinofeeling

    Könige der Welt

    „Union Youth“ sind Kleinstadtkinder als sie 2001 weltweit mit ihrer Musik erfolgreich werden. Doch wegen Drogen, Kontrollverlust und zerbröckelnder Freundschaft legen sie nur fünf Jahre später ihre Karriere auf Eis. Als „Pictures“ wagen sie nun einen Neuanfang.

  • filmfreak
    5
    Kinofeeling

    Foxtrot

    Der Nah-Ost-Konflikt – auf den ersten Blick sicher kein Stoff für eine Komödie – auch wenn es sich um eine Tragikkomödie handelt. SPIESSER-Autor Jonathan ist dennoch hin und weg von dem bildgewaltigen Werk von Regisseur Samuel Maoz. Warum? Lest einfach selbst!

  • Em
    Kinofeeling

    LOMO – The Language
    of Many Others

    Karl ist 18, Schüler und betreibt erfolgreich den Blog LOMO – The Language of Many Others. Doch sein Leben nimmt eine starke Wendung, als er ein Sex-Tape seiner Mitschülerin postet. Karl verliert sich mehr und mehr in der illusionierenden Welt des Internets.

  • Pamina96
    Kinofeeling

    The Rider

    Als der Cowboy Brady Braeburn nach einem schweren Reitunfall seine Rodeo-Karriere beenden soll, setzt er alles daran, um seinen Traum nicht aufgeben zu müssen. SPIESSER-Autorin Fabienne hat die wahre Geschichte, die im Pine-Ridges-Reservat in Amerika spielt, für euch im Kino gesehen.

  • Olga.potsc
    Kinofeeling

    Solo: A Star Wars Story

    Han Solo, selbsternannter Starpilot im Weltraum und sein bester Freund Chewbacca: Das Dreamteam der Star Wars Geschichte – Maß aller Freundschaften. Endlich erfahren wir, wie es zu dieser perfekten Konstellation kommen konnte.

  • I'mSimon
    Kinofeeling

    Letztendlich sind
    wir dem Universum egal

    Findet ihr nicht auch, dass es komisch wäre, wenn man in eine Seele verliebt wäre, welche jeden Tag in den Körper einer anderen Person wechselt? Im Film „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ passiert genau das!

  • breakfastatspiesser
    5
    Kinofeeling

    The Cleaners

    Mitten in Manila, in den Schatten der Philippinen, agiert die Industrie des Media-Content-Outsourcings. Zehntausende Menschen löschen dort täglich verstörendes Material, welches auf Facebook & Co hochgeladen wird. SPIESSER-Autorin Rebekka hat sich für euch den Dokumentarfilm über

  • sveajill
    5
    Kinofeeling

    I feel pretty

    Durchschnittsfrau Renee Bennett hält sich nach einer Kopfverletzung für unwiderstehlich. Doch was verändert sich dadurch wirklich? SPIESSER-Autorin Svea hat sich für euch in die Komödie „I feel pretty“ gesetzt und es herausgefunden.

  • VeryMary94
    Kinofeeling

    Eldorado

    Wie lange ist es her, dass ihr euch Gedanken um das Empfinden, die Umsetzung oder die Bedeutung von Menschlichkeit gemacht habt? In einem Geflecht aus Aktualität und persönlicher Geschichte schafft Markus Imhoof eine Dokumentation, die Augen und Herz öffnet. SPIESSER-Autorin Marie findet,

  • Kalendermensch
    Kinofeeling

    Ich fürchte, das hatten wir gar nicht bestellt

    Konfetti, viereckige Augen und jede Menge Begegnungen – Was für ein Spaß! Das 30. Dresdner Filmfest wurde letzte Woche gebührend gefeiert. SPIESSER-Autor Vincent hat sich es in mehreren Kinosesseln bequem gemacht. In einer österreichischen Tragikomödie hat er seinen Festival-Liebling

  • pumpkinprincess
    5
    Kinofeeling

    Steig. Nicht. Aus!

    Was würdest du tun, wenn ein anonymer Anrufer droht, dein Auto mit dir und deinen Kindern in die Luft zu jagen? Was würdest du tun, wenn er dich erpresst, ihm vom Auto aus Unsummen an Geld zu beschaffen, das du nicht hast? Karl Brendt alias Wotan Wilke Möhring durchlebt all das im neuen

  • Kalendermensch
    Kinofeeling

    Filmfest Dresden: Das ist doch der Knaller!

    Demnächst flimmern existenzielle GIF-Krisen und Ereignisse in Nasenlöchern über die Leinwand. In einer Woche feiert das Dresdner Filmfest seinen dreißigsten Geburtstag. Sechs Tage voller kontroverser Filme stehen bevor. SPIESSER-Autor Vincent, bekennender Kulturenthusiast, hat im Programm gestöbert.

  • VeryMary94
    Kinofeeling

    Die Sch'tis in Paris – Eine Familie auf Abwegen

    Die Filmreihe über die Region in Nordfrankreich und den picardischen Dialekt wird fortgesetzt. Ob im O-Ton auf Französichem Sch´ti oder mit dem fiktiven Dialekt des deutschen Sch´ti gesehen, der Film ist ein Brüller!

  • Onlineredaktion
    Kinofeeling

    Loveless

    Unser gesellschaftlicher Zustand so portraitiert, dass es unter die Haut geht. Dieser Film lässt keinen kalt. Zieht euch warm an für diese Gegenwartskonfrontation 2.0 vom russischen Ausnahmeregisseur Andrey Zvyagintsev.

  • Onlineredaktion
    Kinofeeling

    Arthur & Claire

    Zwei Menschen, die beide Angst vor dem Leben haben. Sie gehen spontan gemeinsam aus. In Amsterdam. SPIESSERin Marie war hin und weg über das Resultat.

  • PaulausMdorf
    Kinofeeling

    Bad Banks

    Die Banken sind das absolute Böse unserer Gesellschaft? Zumindest in „Bad Banks“ bekommt man den Eindruck in einen Sumpf aus Intrigen und Verrat zu geraten, sobald man einen Fuß in die Finanzwelt setzt!

  • Onlineredaktion
    Kinofeeling

    Luna

    Von heute auf morgen auf der Flucht und allein. Die 17-jährige Luna durchlebt den grausamen Mord an ihrer Familie und wird selbst zur Gejagten. SPIESSERin Marie war in Spionagelaune und hat den Film nicht aus den Augen gelassen.

  • teaserette
    5
    Kinofeeling

    Tokyo Ghoul – The Movie

    Als der Literaturstudent Ken Kaneki sein ersehntes Date mit der bezaubernden Liz hat, ahnt er nicht, dass diese am Ende des Tages versuchen wird, ihn aufzufressen. Spiesser-Autorin Simone fände ohnehin die knallharte Ghula-Kellnerin Touka die bessere Partie! Mit dieser muss Ken sich nun gemeinsam

  • VeryMary94
    5
    Kinofeeling

    Hit and Run

    Ein Teenager auf der verzweifelten Suche nach den Autoschlüsseln und einem Abschleppdienst für das Auto ihrer Eltern. Zoë und ihre Clique auf einer Mission, zu sehen in fünf Folgen der Miniserie „Hit and Run“.

  • freedy.beedy
    Kinofeeling

    Die kleine Hexe

    Endlich kommt die kleine Hexe als Realverfilmung auf die Kinoleinwand! 60 Jahre ist es her, seit Ottfried Preußlers gleichnamiges Kinderbuch veröffentlicht wurde und SPIESSERin Frieda hat sich vom Film verzaubern lassen.

  • freedy.beedy
    4
    Kinofeeling

    Nur Gott
    kann mich richten

    Ein brutaler Gangsterfilm, der dich „hart f***en“ wird. SPIESSERin Frieda ist sich unschlüssig, ob sie begeistert oder verstört sein sollte…

  • 5
    Kinofeeling

    Downsizing

    Die Erde in naher Zukunft: Es gibt zu viele Menschen und zu wenige Ressourcen. Warum schrumpfen wir die Leute dann nicht einfach? SPIESSERin Victoria hat für euch „Downsizing“ geschaut.

  • freedy.beedy
    5
    Kinofeeling

    Wunder

    „Um einen Menschen wirklich zu verstehen, musst du hinsehen.“ Bei SPIESSERin Frieda hat die Verfilmung von Raquel J. Palacios gleichnamigen Roman eine Tränenflut ausgelöst.

  • freedy.beedy
    Kinofeeling

    Three Billboards
    outside Ebbing, Missouri

    „Was darf man laut Gesetz auf 'n Billboard schreiben und was nicht?“ – Nichts Verleumderisches und nicht F****n, Pisse und F***e. Gewöhnt euch an den harten Ton, denn dieser Film hat es in sich. SPIESSERin Frieda ist sich noch unsicher, wie sie auf das Gesehene reagieren soll.

  • Pamina96
    5
    Kinofeeling

    Die Anfängerin

    Im Alter von 58 Jahren wagt sich die Ärztin Annebärbel Buschhaus das erste Mal seit ihrer Kindheit wieder in Schlittschuhen aufs Eis. Nachdem sie in ihrem Leben nichts als emotionale Kälte vernommen hat, offenbart sich ihr dort eine neue Welt der Leichtigkeit und Schönheit.

  • breakfastatspiesser
    Kinofeeling

    Licht

    Wenn du blind wärst und die Chance hättest, wieder sehen zu können, würdest du sie um jeden noch so schmerzhaften Preis nutzen? Im Film „Licht“ sieht sich Maria Theresia damit konfrontiert. Rebekka hat den Film gesehen und weiß, was der Preis ist.

  • breakfastatspiesser
    Kinofeeling

    The Killing of a Sacred Deer

    Steven Murphy hat die grausame Wahl: Entweder er selbst tötet eines seiner Familienmitglieder – oder er erlebt, wie sie alle sterben. SPIESSERin Rebekka hat sich für euch ins Kino gesetzt und versucht, sich so wenig wie möglich die Augen zuzuhalten.

  • breakfastatspiesser
    5
    Kinofeeling

    Dieses bescheuerte Herz

    Lennart macht beruflich „nicht sehr viel“ und lässt sich's auf die Kosten seines reichen Vaters gut gehen. Bis er den totkranken Jungen David trifft und sein eigenes Leben in Frage stellt. SPIESSERin Rebekka hat für euch mit den Tränen gekämpft.