Ein Leben mit der Angst

18 Jahre im Zeichen der Angst

Wovor ich Angst habe: „alleine zu reisen, öffentliche Plätze, im Mittelpunkt zu stehen, vor der Angst“. Was ich liebe: „Ich liebe es alles zu planen, mein Leben zu strukturieren und mich selbst zu organisieren. #Sheldon. Und natürlich liebe ich es, wenn alles nach Plan verlauft!“ Ein 18-jähriger SPIESSER-Leser berichtet von seinem Leidensweg:

30. Oktober 2015 - 13:30
SPIESSER-Redakteurin Onlineredaktion.
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Beigetreten: 25.04.2009

Es fängt mit feuchten Händen an. Aus dem harmonischen Pulsieren in der Brust wird ein Klopfen, das immer intensiver wird. Der Puls steigt – mir wird warm. Meine Augen benetzen sich. Mein Atem wird unkontrolliert und hektisch. Ich fange an zu weinen und zerfließe in Tränen. Ich hyperventiliere. Ein Zittern erfasst Hände, Beine und lässt meine Knie weich werden. Mir wird schwindelig. Ich breche zusammen – Panikattacke.

Solche Panikattacken treten vor allem auf, wenn ich einen Erwartungsdruck spüre, wie in der folgenden Situation: Ein Mann, den ich gerade erst kennengelernt hatte, forderte mich auf, etwas aus dem Supermarktregal zu holen, das nur ein paar Meter von mir entfernt war. Ich stand vor einem Konflikt: Denn ich hatte panische Angst alleine zum Regal zu gehen, aber genauso viel Angst ihm genau das zu sagen. Ich erlitt sofort eine Panikattacke.

Je älter ich wurde, desto belastender wurde die Angst. Während andere in meinem Alter immer selbstständiger wurden, wurde ich immer abhängiger von meiner Familie. Wie ein Schatten hängte ich mich an die vertrauten Gesichter. Selbstständigkeit – ein Fremdwort. Nicht in der Lage alleine das Haus zu verlassen oder soziale Kontakte aufzubauen – das war mein Leben. 18 Jahre im Zeichen der Angst.

Obwohl ich meine Ängste schon seit dem Kindergarten besitze – als unnormal habe ich sie nie empfunden. Im Alltag konnte ich die Angst unterdrücken, indem ich phobische Situationen vermied. Das hatte jedoch zur Folge, dass die Angst immer stärker wurde und sich weiterentwickelte

Die Angst, mich vor anderen sportlich zu betätigen, wurde ein großes Problem. Ich konnte ja nicht ohne Konsequenzen einfach den Schulsport meiden. Jahrelang musste ich unter großer Anspannung daran teilnehmen. Die Angst wurde immer größer, bis ich eines Tages im Sportunterricht – zum ersten Mal in meinem Leben – eine Panikattacke erlitt.

2012 ließ ich einen psychologischen Test durchführen, der mehrere psychische Erkrankungen diagnostizierte. Ich begab mich freiwillig in stationare Behandlung in einer Psychiatrie, die ich nach einem Vierteljahr – befreit von meiner Agoraphobie – verließ. Es war ein Neuanfang, doch was blieb, war die Soziale Phobie und meine Panikstörung.

Meine Familie hatte sich in all den Jahren daran gewöhnt wirklich immer Rücksicht auf mich zu nehmen, mich überall hinzufahren, mich zu begleiten, Telefonate und Gespräche für mich zu führen. Sie verzichteten auf ihre eigenen Bedürfnisse – mir zuliebe. Freunde hatte ich lange nicht, im Gegenteil. Ich war ein Außenseiter und wurde regelmäßig mit Beleidigungen konfrontiert. Während ich kein soziales Leben hatte, wurden meine schulischen Leistungen immer besser. Schließlich hatte ich den besten Schulabschluss in meinem Jahrgang und mein Selbstvertrauen stieg. Mit dem Wechsel auf das Gymnasium öffnete sich eine neue Welt für mich. Freunde, Selbstvertrauen – ein Neuanfang.

Prof. Dr. Höll: „Welche Art der Therapie wichtig und richtig ist, muss immer ein Experte im Einzelfall entscheiden. Oft ist es sinnvoll eine ambulante Therapie zu machen. In besonders krassen Fällen kann aber auch eine Behandlung im Krankenhaus nötig werden.“

Im Fall meiner Agoraphobie habe ich mich für eine stationare Therapie entschieden und die Soziale Phobie ließ ich ambulant therapieren. Mit der Angst sich vor anderen sportlich zu betätigen, lebe ich Tag für Tag, auch heute noch. Es war ein harter Kampf, da sich Schule und Ärzte weigerten, meine Angst, die sich in Panikattacken äußerte, zu entschuldigen. Ich wurde unter Druck gesetzt und eine Lösung war nicht in Sicht. Bis ich eine Ärztin fand, die den Mut hatte, sich als Einzige gegen die Behörden zu stellen und, anders als ihre Kollegen, mich verstand. Ich danke ihr! Bis heute bin ich nicht in der Lage am Schulsport teilzunehmen und kann mir trotzdem meinen Wunsch vom Abitur erfüllen.

Ich führe ein ganz normales Leben, bin selbstständig und habe gute Freunde. Ich bin glücklich und blicke der Zukunft positiv entgegen.

Wer Prof. Dr. Höll ist, erfahrt ihr hier.

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