Titelverteidiger

Abgehört: Leslie Clio

Nach einer Pause bringt Leslie Clio mit neuer Energie ihr neues Album heraus. Scharfsinnige Texte kombiniert mit analogen Boutique-Instrumenten und wenig technischem Firlefanz, helfen dem Hörer eine Portion Mut zu sammeln. Über weitere Wirkungen und eine kuriose Gabel berichtet SPIESSER-Autor Vincent.

23. Mai 2017 - 14:55
SPIESSER-Autor Kalendermensch.
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Kalendermensch Offline
Beigetreten: 14.12.2015

Ernsthaft? Sogar die letzte Gabel? Es klingt erstmal ein wenig kurios, was Leslie Clio da veranstaltet hat. Ende 2015 fühlte sie sich plötzlich nicht mehr wohl, wenn sie ihre eigenen Songs spielte. Sie kamen ihr aufgesetzt vor, es waren Lieder, die ihr aufgetragen wurden, nichts Eigenes mehr. Also nimmt sie sich eine Pause. Sie verabschiedet sich von ihren Freunden und verkauft alles, was eine Bedeutung in ihrem Leben hatte. Sogar ihr gesamtes Besteck bis zur letzten Gabel. Wer weiß, was sie damit an ihre alte Zeit verbindet. Jedenfalls ist sie dann Hals über Kopf nach Hawaii ausgeflogen und wagte dort einen dogmatischen Neuanfang – zwischen Palmen, traumhaften Stränden und ganz stressfrei, ohne auch nur ein einziges Musikstudio.

Dass ihr diese Reise gutgetan hat, merkt man – denn mit einer unglaublichen Selbstsicherheit ist die gebürtige Hamburgerin jetzt mit dem neuen Album „Purple“ zurück im Musikbusiness. „Ich musste mich nur kurz aus dem Spektakel ausklinken, um mich wieder hineinwerfen zu können“, sagt sie in der NEON. Nach fünfmonatigem Finden ihrer selbst hat sie in Berlin und München neue Songs produziert, die vor Willenskraft nur so sprühen.

„Purple“ beginnt wie ein guter Film. Mit interessant übereinandergemixten Geräuschen, ungewöhnlichen Beats, einer frischen, aggressiven Stimme und einem facettenreichen Widescreen-Drama, in welchem sogar ein bisschen Hawaii durchschimmert. „Lies Are Gold“ macht unfassbar Lust auf den Rest der Platte, der einfach umhaut. In „And I’m Leaving“ erzählt sie ganz flapsig, aber dennoch mit sprachlicher Virtuosität und bebender Stimme, von ihren letzten Monaten: vom bedingungslosen „Tschüss“ an ihre Umgebung vor der Abreise, ihrer Reise nach Hawaii. „Riot“ ist ein wunderbar wütendes Pamphlet gegen unglückliche Zeitverschwendung, „But It Ruins Me“ und „Fragile“ erzählt vom Herzschmerz, aber keineswegs kitschig, sondern selbstbewusst. Die Popballade „Darkness Is A Filler“, welche bereits vorab veröffentlicht wurde kratzt am internationalen Niveau, kommt stimmlich und inhaltlich an Weltstar Adele heran. „Walls Down“ ist dann wieder ein klassischer, gefühlvoller Soulpopsong – dass Clio dieses Genre einfach beherrscht, wird hier erneut deutlich.

Jeden Song haben wir damit noch nicht abgefrühstückt, aber nur aus einem Grund: weil die vorgegebene Zeichenzahl sonst kollabieren würde. Denn „PURPLE“ ist ohne Frage ein Prachtstück. Auch wenn das Cover einen eher trostlosen Eindruck vermittelt, stecken dahinter zwölf faszinierende Songs, die eindeutig konstatieren, wer Leslie Clio ist. Sie braucht keine 24 cringy Songs wie Helene Fischer auf ihrem neuen Album, um zu zeigen, wem die Zukunft gehört, sondern nur die Hälfte davon. Die Farbe Lila symbolisiert das: Sie steht für Energie und Stabilität. Genauso kommt „Purple“ daher: entspannt, gut durchdacht aber auch mit der typisch schnieken Clio-Note. Das Ganze ist eine musikalische Reise mit vielen unterschiedlichen Klangerlebnissen von ungewöhnlicher, aber überzeugender Konsistenz und scharfsinnigen Texten.

Leslie Clio zeigt in „Purple“, dass ihr eine künstlerische Metamorphose gelungen ist, dass sie jetzt weiß, wer sie ist. Eine Wandlung, die nur wenige schaffen. Ihren bisherigen Erfolg wird die Platte hochtreiben – mit oder ohne die kuriose Gabel.

Ohrwurm: „And I’m Leaving“, „In And Out”, „But It Ruins Me”
Hinhörer: „Darkness Is A Filler”, „Sad Games”, „Riot”
Album in drei Worten: souverän, klangerlebnisreich, light
Passt zu: langen Zugfahrten, wen du jemanden Mut machen willst, eigentlich immer
Erinnert an: niemand anderen als Leslie Clio, auf die Albumgeschichte bezogen aber an Clueso

„Purple“ von Leslie Clio

VÖ: 19. Mai 2017
Label: Embassy Of Music

 

 

 

Text: Vincent Koch
Bildmaterial: Embassy Of Music

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