SPIESSER unterwegs

Albanien – ein Land im stockenden Umbruch

Eine Woche war SPIESSER-Autorin Helen in Albanien unterwegs und traf dort auf viel Natur, Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Gleichzeitig jedoch auch auf ein Land, das von Auswanderung geplagt und gefangen zu sein scheint zwischen seiner kommunistischen Geschichte und Mentalität und dem Weg in die EU.

02. September 2019 - 10:31
SPIESSER-AutorIn Helen16.
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Helen16 Offline
Beigetreten: 02.01.2018

Ich komme mit der Fähre an der albanischen Küste an und bin überrascht. Ich hatte versucht, ohne Vorurteile an die Sache zu gehen, bin jedoch trotzdem die gesamte Zeit, die ich Albanien erkunde, beeindruckt. Ein so schickes Fährterminal, die übersichtlichen englischen Schilder und die Offenheit und Weltgewandtheit der Bevölkerung hatte ich nicht erwartet. Im Laufe der Woche, die ich im Norden des kleinen Landes verbringe, beginne ich die Einzigartigkeit der Geschichte und politischen Situation Albaniens zu verstehen, das in Westeuropa gerne in den großen homogenen Topf namens „Osteuropa“ geworfen wird. Ich bekomme das Gefühl, dass mich mein begeisterter erster Eindruck trügt und es darunter, vor allem unter jungen Menschen, brodelt.


Im Kommunismus war Religion verboten. Daher
sind die meisten Moscheen, wie hier in Shkodra,
relativ neu.
Der „einzig wahre Kommunismus“

Albanien war seit dem Zweiten Weltkrieg bis 1991 eine kommunistische Diktatur mit geschlossenen Grenzen, Überwachungsstaat und großer Armut. Die meiste Zeit dieser Jahre herrschte Enver Hoxha, der meinte, Albanien wäre der einzig wahre kommunistische Staat der Welt. So beendete er nach und nach die Beziehungen zu Russland und China – beide waren ihm nicht kommunistisch genug. 1967 ließ Hoxha alle Kirchen und Moscheen entweder zerstören oder in Kulturzentren umwandeln: Religion hatte im Kommunismus nichts zu suchen.

1991 schließlich öffnete sich dann das Land und alle westlichen Entwicklungen kamen fast über Nacht nach Albanien. Plötzlich gab es eine freie Marktwirtschaft, in welcher viele Albaner unwissentlich in nicht nachhaltige Geschäftsmodelle investierten. Diese kollabierten schon 1996, viele verloren ihr gesamtes Vermögen und die albanische Wirtschaft erfuhr ihre „Stunde Null“. Seitdem wächst sie wieder, jedoch langsam, und nach und nach siedeln sich Ketten an, wie wir sie in Deutschland schon lange kennen. Erst diesen Sommer eröffnete der erste KFC in der Hauptstadt Tirana, ironischerweise direkt gegenüber des ehemaligen Wohnsitzes Enver Hoxhas.


Thailand oder Albanien? – Das kleine Land überzeugt nicht nur durch
einzigartige Geschichte und Gastfreundschaft, sondern
auch durch wunderschöne Natur.
Eine tolerante Gesellschaft!?

Nach dem Ende der Diktatur kamen die Religionen zurück, gerade wird eine große Moschee in Tirana fertiggestellt. 60% der Albaner sind Muslime, 10% Katholiken, 6% albanisch-orthodox. Kaum jemand ist jedoch praktizierend, Religion ist noch immer kein großer Bestandteil der Gesellschaft. Oft wird mir gegenüber betont, dass religiöse Toleranz in Albanien großgeschrieben würde. Man scheint stolz auf diese Vielfalt zu sein.
Homosexualität jedoch erfährt diese Toleranz nicht. Outen würde sich hier niemand öffentlich. Oft höre ich von jungen Menschen, ausschließlich auf direkte Nachfrage, dass es ihnen nichts ausmache, wenn Leute so lebten. Etwas mit ihnen zu tun haben, möchten sie dann aber doch nicht.

Der Auswanderungsdrang hält an

Der Doppelkopfadler auf Albaniens Flagge erinnert an einen großen
Nationalhelden des Landes.

Demographisch weist Albanien eine Besonderheit auf: Es leben mehr Albaner außerhalb der Landesgrenzen als innerhalb. Dieser Trend setzt sich fort. Oft erzählen mir junge Menschen, dass sie weg wollen, viele nach Italien oder Deutschland, da dort meist schon Verwandte von ihnen leben.
Die Hauptgründe hierfür sind Korruption und das Fehlen eines freiheitlichen Lebensstils.

Obwohl heute eine Demokratie, liegt Albanien laut Transparency.org auf der Korruptionsskala in Europa ganz hinten. Indro, ein Student, der in meinem Hostel jobbt, erzählt mir, dass es in Albanien völlig egal sei, welche Qualifikationen man habe. Um einen guten Job zu bekommen, müsse man die richtigen Leute kennen und vor allem zum richtigen Zeitpunkt die richtige Partei unterstützen. In Tirana gibt es seit langem Proteste, organisiert vor allem von Studierenden. Hier sitzt die Uni jedoch am längeren Hebel und droht, sie nicht zur Prüfung zuzulassen, wenn sie nicht aufhören zu demonstrieren.

Viele wünschen sich außerdem mehr persönliche Freiheit wie im Westen, von der sie über soziale Medien mitbekommen. Becky, eine junge Hostelmitarbeiterin, erzählt mir, dass sie sich sehr eingeschlossen fühle in Albanien. Sie könne nicht das anziehen, was sie möchte und Statussymbole wie Autos und Luxusartikel seien sehr wichtig. Auch Antonio, ein weiterer Tourguide, möchte mehr individuelle Freiheit. Ihn nervt es, dass es in Albanien die Regel ist, bis zur Hochzeit bei seinen Eltern zu wohnen und dass er als junger Mensch so wenig Selbständigkeit erfährt.


Albanien hat eine über 350 Kilometer lange Küste und die Hälfte
des Landes ist gebirgig.
Klares Ziel: EU-Mitgliedschaft

Der Haupthoffnungsträger ist hierbei die Europäische Union. Seit 2014 ist Albanien Beitrittskandidat, die Gespräche haben jedoch noch nicht begonnen. Viele junge Menschen hoffen, dass sich Albanien durch die Mitgliedschaft in allen Aspekten des Lebens den westlichen EU-Ländern annähern und sich die Wirtschaft verbessern würde. Kritische Stimmen geben jedoch zu bedenken, dass auch die Europäische Union die Probleme Albaniens nicht beheben könne. Das Land müsse zuerst seine Strukturen selbst verändern, um bereit für den äußeren Einfluss der EU zu sein.

Vielen jungen Albanern geht die Entwicklung jedoch zu langsam und sie kehren ihrer Heimat, Sprache, Kultur und Familie den Rücken, um sich im Westen ein besseres Leben aufzubauen.

 

Text und Bilder: Helen Pörtner

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