Härtetest

Als Spargeltarzan
in Beelitz

Saisonfinale? Höchstens in der Bundesliga! Die Spargel-Saison nimmt jetzt erst richtig Fahrt auf. Gourmets und Freunde der deutschen Küche freuen sich gleichermaßen auf das Sommer-Gemüse schlechthin. Wie der Spargel vom Acker auf den Teller kommt, hat SPIESSER-Praktikant Niklas in Ostdeutschlands bekanntester Spargel-Region am eigenen Leib erfahren.

09. Juni 2015 - 17:13
SPIESSER-Autor CarlosVomDach.
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CarlosVomDach Offline
Beigetreten: 28.02.2015


Unter den wachen Augen von Thomas,
probiert sich Niklas an den ersten
Spargelköpfen.

Mittwochmorgen, 9 Uhr Ortszeit Beelitz in Brandenburg. Die Sonne scheint, es geht ein brausender Wind. Ich komme eine halbe Stunde zu spät, weil ich auf der Landstraße hinter einem Traktor hertuckern musste. Thomas, das selbsternannte „Mädchen für Alles“ des Spargelhofs Elsholz, empfängt mich direkt mit dem Hinweis, dass ich zu spät bin. Meine gute Ausrede wird von ihm wortlos zur Kenntnis genommen. Er drückt mir graue Handschuhe in die Hand und wir fahren direkt auf eines der vielen Spargelfelder.

Wo man auch hinschaut: Überall riesige Acker mit schwarzen Bahnen. Die sogenannten Dämme, in denen die Spargelstangen wachsen, sind mit schwarzen Plastikplanen abgedeckt. „Sonst wird der Spargel lila, am Geschmack ändert sich aber nix“, erklärt mir Thomas. Lila Spargel? Wäre doch eigentlich ziemlich fancy.

Nachdem wir die Plastikplanen abgeräumt haben, führt mich Thomas in die Kunst des Spargelstechens ein. Zuerst muss man die Augen offen halten, um einen reifen Spargel zu entdecken. Entweder der Kopf lunzt bereits aus der Erde oder auf der Oberfläche haben sich Risse gebildet, weil sich darunter ein Spargel hochkämpft. In jedem Fall muss man erst vorsichtig mit Zeige- und Mittelfinger und viel Fingerspitzengefühl die Erde sanft um den Spargel herum wegkratzen. Steht der Spargel einigermaßen frei, kommt das Stecheisen zum Einsatz. Damit der Spargel beim Stechen nicht sofort abbricht, hält man ihn mit der anderen Hand fest. Ein kurzer Stoß mit dem scharfkantigen Eisen und zack – mein erster Spargel ist geerntet. Eigentlich ganz leicht. Anschließend wird alles wieder zu gebuddelt und mit einem Maurerspatel platt gedrückt, damit man die kommenden Spargel genauso gut erkennen kann.

Vom Winde genervt

Vorsichtig sticht Niklas Stück für Stück.

„Es ist nicht kompliziert, aber körperlich anstrengend“, fasst Thomas das Spargelstechen gut zusammen. Das könnte ich so unterschreiben. Es ist wirklich eine mühsame Arbeit, ständig halb gebückt in der Erde zu buddeln. Trotz kühlem Wind, komme ich schon nach wenigen Minuten ins Schwitzen. Am nervigsten ist aber der Sand, der sich überall verteilt: er weht ins Gesicht oder kriecht in die Schuhe und Handschuhe. Das reibt gewaltig, vor allem an den Fingern. Dabei hatte ich  Glück, dass es in der Nacht zuvor geregnet hat, sonst wäre die ganze Angelegenheit noch trockener und sandiger verlaufen.

Nach rund anderthalb Stunden und einer vollen Kiste, darf ich endlich aufhören. Mein Rücken schmerzt bereits und die Hände sind aufgerieben. Thomas ist zufrieden mit meiner Leistung, auch wenn ich in seinen Augen etwas schneller hätte arbeiten können. Qualität vor Quantität, sage ich mir. Für professionelle Spargelstecher ist meine Leistung natürlich ein Witz: Sie schaffen bis zu 150 kg an einem Tag -  ich habe gerade einmal fünf Kilo Spargel geerntet. Und das hat mir fürs Erste gereicht.

Sortieren geht über Schnabulieren

Thomas und ich fahren mit der Kiste frischem Spargel zurück zum Hof. Aber statt den ersten selbst geernteten Spargel zu essen, wie ich es mir erhofft hatte, wartet die Wasch- und Sortieranlage auf mich. Rund 80 Mitarbeiter schuften in der Spargel-Saison auf dem Hof: als Kurier, an der Sortieranlage, zum Spargel schälen oder auf dem Feld.

An der Sortieranlage wird im Akkord gearbeitet: Eine Kiste Spargel nach der anderen landet auf dem Fließband, das die Ernte in eine große ominöse Metallkiste weiterleitet. Hier wird jede einzelne Stange fotografiert und automatisch nach Größe, Form und Zustand sortiert. Auch ich darf kurz ran. Mit beiden Händen verteile ich den Spargel aus den Kisten gleichmäßig auf dem Fließband. Als erster in der Kette muss ich mich ständig ranhalten, die Kisten zu leeren. Kurz innehalten ist nicht drin, denn die anderen Arbeiter warten schon auf die nächste Ladung.

Weil der Spargel in den Kisten in kaltem Wasser schwimmt, bin ich nach kurzer Zeit vor allem eines: nass. Glücklicherweise werde ich schnell abgelöst, wahrscheinlich weil ich doch zu langsam war und die Abfertigung aufgehalten habe. Ich überlasse das lieber den Profis. Nicht nur das Sortieren, sondern auch das Stechen des Spargels.

Trotz Schweiß und Schmerz: Ich war zu langsam.

Geschafft, aber mit 1,5 Kilo selbst-
geernteten Spargel in der Hand, tritt
Niklas die Rückreise an.

Der Rücken schmerzt, in allen möglichen Körperöffnungen knirscht Sand. Die Arbeit auf dem Spargelhof ist ein Knochenjob, das war mir vorher schon klar. Wenn ich jetzt jedoch Spargel esse, werde ich immer an den harten Job der Spargelstecher denken – inklusive viel Schweiß und Schmerz. Es ist zwar keine komplizierte Arbeit, aber körperlich und psychisch sehr anspruchsvoll. Wenn ich einen Tag auf dem Spargelhof arbeiten müsste, würde ich vermutlich nach wenigen Stunden zusammenklappen. Ich habe allerhöchsten Respekt vor den Spargelstechern.

Zum Schluss bewertet Thomas meine Leistung: „Man kann sich steigern, mit der Übung wird man immer schneller. Ansonsten hast du dich toll geschlagen.“ Ich denke, mit dem Urteil kann ich leben. Zufrieden mache ich mich auf dem Weg zurück, meine Ernte im Gepäck - und freue mich auf den leckeren Spargel und vor allem auf eins: eine warme Dusche und mein Bett.

Text: Niklas Kaulbersch
Fotos & Video: Adriana Dongus

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