Polimika – die Kolumne

Anti-YOLO

You only live once – war wohl die nervigste möchtegern philosophische Weisheit der letzten Jahre. Jaja, es stimmt schon, wir leben nur einmal, aber was daraus im Twitter-Universum gemacht wurde, ist ganz schöner Quatsch. Ein Plädoyer gegen YOLO und für die Faulheit.

04. Dezember 2015 - 11:05
SPIESSER-Autorin Individuot.
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Beigetreten: 01.07.2014

Oh, wie gerne bin ich faul. Das kann jeder unterschreiben, der mich kennt. Einfach mal nicht an Deadlines denken, nicht um soziale Kontakte kümmern, gepflegt eine Runde dem Egoismus und der Ignoranz frönen. Etwas, was ich allen von euch ans Herz lege. YOLO hingegen, von der Hashtag-Generation vom guten alten Carpe Diem (Nutze den Tag!) und Memento Mori (Bedenke, dass du stirbst!) abgekupfert, zielt auf das genaue Gegenteil ab.

Verschwende dein Leben nicht. Nutze jede Minute. Oder schön in Blockbuchstaben auf einem Sonnenuntergang in Polaroid-Optik: Lebe jeden Tag, als wäre er dein letzter. Alter Falter, was für ein Stress! Dabei befinden die meisten von uns sich in der besten Lebensphase, um einfach mal einen gediegenen Lenz zu machen: Wir haben keine Familien zu ernähren, keine Eltern zu pflegen, keine Hypotheken abzubezahlen. Die meisten von uns zumindest nicht. Und wir sind aus der gröbsten Phase der Abhängigkeit raus – wir gehen aus bis wann wir wollen, suchen uns Nebenjobs und eigene Wohnungen und entscheiden selbst über unsere Zukunft, indem wir uns für ein Studium oder eine Ausbildung entscheiden.

„Das Leben, hasse oder ignoriere es, lieben kannst du es nicht“, stöhnt der geniale, melancholische Roboter Marvin in „Per Anhalter durch die Galaxis“. Gut, ganz so pessimistisch muss man es nicht sehen, aber man muss das Leben auch nicht ganz so ernst nehmen. Ein guter Tag ist nicht der, den man im Sinne von YOLO gelebt hat, sondern einer, an dem man glücklich war. Wenigstens einen Moment lang.

Ich bin gegen YOLO. Gegen den Anspruch, aus jeder Handlung eine verdammte Heldentat und aus jedem gelebten Tag einen Abenteuerspielplatz machen zu müssen. Ich mag langweilige Tage, gewöhnliche Filmabende und unkreative Kaffeekränzchen. Und auch euch möchte ich ans Herz legen, euch mal lieber zu überlegen, was euch glücklich macht, und nicht was YOLO von euch verlangt. Und dann zieht euch die nächste Episode eurer derzeitigen Lieblingsserie rein. Oder haut euch noch ’ne Runde aufs Ohr.

Text: Polina Boyko
Teasergrafik: Claudia Wehner

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