SPIESSER unterwegs

Arbeit, Fiesta,
WG-Leben

SPIESSER-Autorin Lena ist jetzt seit gut drei Monaten in Bolivien und bis Ende Juli bleibt das südamerikanische Land ihr zweites Zuhause. Auch wenn sich der Alltag in der Arbeit langsam einspielt, erlebt sie immer wieder Neues und Aufregendes. Jüngst stand die ganze Stadt Kopf – und sie mittendrin als Teufel.

16. November 2015 - 08:31
SPIESSER-Autorin Adama.
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Adama Offline
Beigetreten: 10.02.2014

Die Tage nach meinem letzten Bericht waren geprägt von vielen Veränderungen. Die Größte: Nach vier intensiven Wochen zusammen, haben wir unsere anderen Mitfreiwilligen verabschiedet. Ich bleibe mit acht anderen weiterhin hier in Sucre. Was unser WG-Leben betrifft, hat sich inzwischen etwas Alltag eingespielt – obwohl mich dir Größe noch immer überfordert. Natürlich sind gelegentliche Meinungsverschiedenheiten an der Tagesordnung. Konfliktthema Nummer eins sind dabei die beiden WG-Katzen Minka und Mufflon: Diese wurden uns von den Freiwilligen des letzten Jahres überlassen und keiner fühlt sich so recht für die Tiere verantwortlich. Hier ist das letzte Wort aber noch lange nicht gesprochen!

Stressiger Alltag

So sehen die kleinen Micros in Bolivien
übrigens aus.

Ich habe vor kurzem angefangen, an meiner Schule zu arbeiten. Die „Unidad Educativa Alegría“ liegt mit dem Micro – so heißen die kleinen Busse, die hier rumfahren – rund zwanzig Minuten außerhalb von Sucre. Die letzten Meter bis zu meiner Schule muss ich zu Fuß bewältigen. Ich sollte hier eigentlich immer von 14 bis 18 Uhr in der Oberstufe arbeiten und den Schülern Englisch „beibringen“. Bereits am ersten Tag wurde ich ins kalte Wasser geschmissen. Ohne eine andere Lehrkraft im Raum sollte ich eine neunte Klasse beschäftigen. Ich war hoffnungslos überfordert. Ich wusste nicht, wie gut die Schüler Englisch können, aber diese wiederum merkten sehr schnell, dass ich mehr schlecht als recht Spanisch spreche und tanzten mir gepflegt auf der Nase herum, bis ich die Schüler irgendwann komplett entnervt nach Hause schickte.

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich trat entnervt den Heimweg an, der sich als komplettes Desaster entpuppt hat: Ich war anderthalb Stunden unterwegs und saß schließlich in Tränen aufgelöst im vierten Bus, weil ich mich verfahren hatte. Irgendwann kam ich dann doch noch in meinem Hostel an. Irgendetwas musste passieren. Ich redete mit meinem Mentor Don Arturo und dem Schulleiter, sodass es mir nun möglich ist, jeden Tag von morgens um acht Uhr bis halb eins in der ersten bis sechsten Klasse zu verbringen. Mein Mentor und der Schulleiter haben mich gefragt, ob ich mich nicht sicher genug fühle, eine eigene Klasse zu übernehmen. Ja, vielleicht ist es das. Aber vielleicht ist das von einer 17-jährigen Freiwilligen am ersten Tag auch einfach nicht zu erwarten. Auch nicht in Bolivien.

Der holprige Start in der Schule geht weiter

Die Schule, in der Lena arbeitet, liegt ganz schön
weit außerhalb von Sucre.

Oft besteht der Alltag im Unterricht nur aus rumschreien und Einschüchterungen von Seiten der Lehrer. Es ist einfach alles anders hier. Auch der Gebrauch von Rohrstöcken ist für mich weder nachvollziehbar noch akzeptabel. Die Schüler stellen mir trotzdem viele Fragen. Die meisten Kinder kommen aus ärmlichen und einfachen Verhältnissen – viele Kinder strahlen aber dennoch so viel Lebensfreude aus, dass sie mich ihre Herkunft schnell vergessen lassen.

Im Moment begleite ich die Lehrer nur und nehme selten am Unterricht teil. Ich hoffe, das wird sich noch ändern, denn ein Jahr nur zuschauen ist langweilig. Gelegentlich darf ich aber auch schon etwas Englisch unterrichten, deswegen gehe ich frohen Mutes in die nächsten Wochen.

Eine Stadt steht Kopf

Am Wochenende vor meinem Geburtstag durften ich und die anderen Freiwilligen die Feierfreudigkeit der Bolivianer kennenlernen. Die Stadt Sucre feierte ihren „Día de la Virgen de Guadaloupe“.  Riesige Paraden fanden statt. Tanz- und Musikgruppen aller Art präsentierten sich von ihrer besten Seite und wurden von den Zuschauern bejubelt. Und mitten unter all den Profitänzern bewegte sich auch unser kleiner Trupp Freiwilliger durch die Menge.


Gringos, die als Teufel auf einer Parade
tanzen? Das sieht man in Bolivien selten.

Wir wurden im Hostel gefragt, ob wir mit der Gruppe „Tantó Morenas“ mittanzen wollen. Ich war sofort dabei! So tanzte ich, verkleidet als „Diablo“ (Teufel) acht Stunden lang durch Sucre. Die ganze Anstrengung und die schmerzenden Füße haben sich gelohnt, als wir im großen Finale auf dem „Plaza 25 de Mayo“ einzogen. Auch wenn unsere Choreographie nicht die anspruchsvollste war, wollten viele mit uns ein Foto machen und feuerten uns an: „Baile, Baile!“ („Tanzt! Tanzt!“)  Rund zwanzig „Gringos“, die sich an bolivianischen Tänzen und Traditionen probieren. So etwas sieht man hier eben nicht alle Tage.

Zwei Tage nach der Parade feierte ich dann meinen 18. Geburtstag. Kleine Geschenke und Nettigkeiten aus der Heimat haben mir mein Mittagessen versüßt. Trotzdem fühlte es sich irgendwie komisch an. Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere. Positiv überrascht mich, dass ich hier in Sucre kaum Heimweh verspüre und es gar nicht schlimm fand, nicht im großen Rahmen mit Familie und Freunden zu feiern. Dieses positive Gefühl möchte ich mir für die nächsten Wochen bewahren. Ob ich mich dann schon besser in meiner Schule zurechtfinde und was hier ansonsten noch alles passiert, lest ihr in meinem nächsten Bericht.

Hasta luego!

Ein internationaler Freiwilligendienst auch was für euch?
In ihrem ersten Beitrag hat Lena bereits beschrieben, wie es zu ihrem Dienst gekommen ist und was sie alles auf der Reise eingepackt hat. In ihrem zweiten Artikel hat sie zudem ihre ersten Eindrücke beschrieben.

Text: Lena Apke
Fotos: Lena Apke

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