SPIESSER unterwegs

Auf jedem Kilometer ein bisschen Privatsphäre

Auf einem Wanderurlaub durch die Highlands hat SPIESSER-Autorin Annika nicht nur Schottland von einer unvergesslichen Seite erlebt, sondern auch ihre Privatsphäre gesucht. Was erlebt man auf 150 Kilometern – und wie kann man trotz Hobbit Houses mal für sich alleine sein?

20. August 2019 - 11:06
SPIESSER-Autorin Little Miss Wonder.
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Little Miss Wonder Offline
Beigetreten: 29.05.2013

Vor zwei Jahren habe ich einen wichtigen Punkt auf meiner To-Do-Liste abhaken können und bin den Jakobsweg gepilgert. Als mich meine beste Freundin im Januar fragte, ob wir gemeinsam den West Highland Way in Schottland laufen wollen, konnte ich gar nicht anders als „ja“ zu sagen. Abgesehen davon, dass ich bis auf Edinburgh noch nicht viel von Schottland gesehen habe, gefiel mir der Gedanke, meine Wanderschuhe wieder auszupacken und mit meinem Rucksack unterwegs zu sein.


Die weiße Distel ist ein schottisches National-
symbol für Widerstandsfähigkeit.
154 Kilometer: Von den Lowlands in die Highlands

Der West Highland Way beginnt in Milngavie bei Glasgow und erstreckt sich bis nach Fort William. Die Strecke umfasst 154 Kilometer und wird von einer weißen Distel in einem weißen Sechseck gekennzeichnet. Während der Weg recht sanft in den Lowlands beginnt und den größten schottischen Süßwassersee Loch Lomond umrundet, führt er schon nach den ersten zwei Tagen hoch in Richtung Highlands. Die letzte Etappe bietet eine großartige Sicht auf den höchsten, schottischen Berg: Ben Navis. Wir haben für die gesamte Strecke acht Tage gebraucht und dabei nicht nur das Land von einer wunderschönen Seite kennengelernt, sondern auch spannende Begegnungen mit anderen Wanderern erlebt, die schönsten Übernachtungsmöglichkeiten gefunden und die überraschendsten Wasserfälle ausfindig gemacht. Nicht zu vergessen die unzähligen Schafe, Steine und Highland Cows, die einem auf dem Weg begegnen.

Wenn ich von dieser Reise erzähle, werde ich immer wieder gefragt, wie man auf so einem Weg ein Stückchen Privatsphäre für sich selber findet. Immerhin ist man den ganzen Tag mit anderen Leuten unterwegs, teilt sich Hostel- und Badezimmer und kann sich kaum zurückziehen. Übrigens: Auf dem West Highland Way übernachten viele Wanderer auch in sogenannten Hobbit Houses. Dabei handelt es sich um kleine Hütten aus Holz, die mit zwei bis fünf Matratzen ausgestattet sind. Meistens findet man sie auf Campingplätzen und ich kann euch nur raten: Probiert sie mal aus – es lohnt sich! Dennoch tragen auch diese niedlichen Übernachtungsmöglichkeiten ehrlich gesagt nicht zu mehr Privatsphäre bei – eher im Gegenteil. Wo findet man sie also? Oder gibt es sie gar nicht?


Das Rowardennan Youth Hostel: Privatsphäre findet man in
den kleinen 6-Bett-Zimmern eher weniger, dafür draußen
auf dem hauseigenen Steg oder am Strand.
Privatsphäre – wo bist du?

Als „Privatsphäre“ bezeichnet man die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Privatsphäre ist ein Menschenrecht und kennzeichnet den Teil des Lebens, der niemanden etwas angeht: Hier kann man sich zurückziehen und sich dem widmen, was einem persönlich wichtig ist. Doch manchmal reicht es auch schon, sie im Kopf zu finden. Schließlich ist man beim Wandern seit Langem einmal für sich alleine unterwegs. Alles, was man nach einer 25-Kilometer-Etappe benötigt, ist ein Bett, eine ausgiebige Dusche und frische Kleidung. Es sind die Basics, die das Leben plötzlich lebenswert machen und die gute Gesellschaft am Abend. Schließlich lebt man für mehrere Tage oder Wochen mit dem, was man auf dem Rücken tragen kann – das muss reichen.


In den ersten Tagen läuft man am Loch Lomond vorbei.
Grandiose Aussichten auf die Highlands und wunder-
schöne, kleine Strände sind garantiert.

Wer jeden Tag Kilometer für Kilometer oder – besser gesagt – Meile für Meile hinter sich bringt, der kann der Privatsphäre fast gar nicht entkommen. So paradox sich dies auch anhören mag: Beim Wandern gibt es keine Alltagsflucht in Richtung Social Media, Netflix oder Smartphone. Hier umgibt einen die Natur, dicht gefolgt von den eigenen Gedanken. Wohin also flüchten? Es bleibt nur der eigene Kopf übrig.

Plötzlich denkt man über Dinge nach, die man im Alltag gerne verdrängt. Seien es Zukunftsfragen, Unsicherheiten oder Emotionen. Für viele Menschen hat das Laufen einen meditativen Charakter. Auf Wanderwegen muss man sich keine Gedanken machen, welche Kleidung man trägt, ob man die nächste U-Bahn erwischt oder die Verabredung am Abend einhalten kann. Hier geht es simpel und einfach ums Ankommen. Nur ist dieses Ankommen viel besser als das tägliche „am-Abend-aufs-Sofa-werfen“. Wer eine Etappe gemeistert hat, kann mit dem Gefühl einschlafen, etwas geschafft zu haben.


Der Campingplatz am Glencoe Mountain Resort:
Links parken die Wohnwagen, rechts stehen
die Hobbit Houses.
Mitten im Hier und Jetzt

Aktuelle Debatten im Bereich Digitalisierung und Social Media gehen immer wieder der Frage nach, ob die Gesellschaft durchsichtig wird. Dies sollte tunlichst vermieden werden, denn jedem steht das Recht zu, nicht jedes Detail aus seinem Leben preisgeben zu müssen. Bei längeren Wanderungen teile ich diese Einstellung jedoch nur bedingt. Manchmal ist es gut, sich zu öffnen und bestimmte Details aus seinem Leben zu teilen. Wanderwege sind dafür ideal geeignet, denn oftmals bieten sie eine Art geschützten Raum. Die meisten Menschen entscheiden sich aus zwei Gründen dafür, einen Weg von mehreren hundert Kilometern zu laufen: Die einen möchten entdecken und etwas Neues ausprobieren. Die anderen möchten etwas „ablaufen“. So wird aus der propagierten post-privaten Ära schnell eine akut-private Zeit.

Auf längeren Etappen gibt es keine Ausflucht wie zu Hause. Dementsprechend lassen sich nicht nur die schönen Momente durchleben, sondern das Umfeld erhält auch einen Einblick in die eigene Zerbrechlichkeit. Das ist kein Muss, das ist ein Kann. Wer wandert, um über etwas nachzudenken, muss sich bewusst sein, dass lang versteckte Emotionen irgendwann hervorbrechen. Das ist und bleibt privat, nur eben nicht in den eigenen vier Wänden, sondern mitten im Wald, auf einem Campingplatz oder auf einer Gipfelspitze. Das Besondere an diesen Momenten ist, dass man nicht alleine ist. Man teilt etwas ganz Privates mit Fremden. Dafür muss man schon der richtige Typ Mensch sein. Wer sich alleine schon bei dem Gedanken daran unwohl fühlt, sollte sich für abends eher Einzelzimmer buchen. Auch auf diese Weise kann man Abstand gewinnen und findet etwas Zeit für sich. Wichtig ist jedoch: Man muss es ausprobieren. Es gibt Orte, an denen kann man sich öffnen und die Menschen um einen herum urteilen nicht. Dies passiert beispielsweise öfter als gedacht in Pilgerherbergen oder in Gottesdiensten. Oftmals sogar in der eigenen Muttersprache, die die Anwesenden nicht verstehen. Fakt ist jedoch: Man hat es gesagt. Ein Problem laut ausgesprochen. Das bringt viele Menschen weiter und sie erhalten die notwendige Unterstützung für den weiteren Weg.


Mit jedem Tag wird es grüner und grüner – so sieht der Sommer in den Highlands aus.

 

Text und Bilder: Annika Stuke
Teaserbild:
Immer in guter Begleitung: Auf dem West Highland Way lassen sich schnell neue Freunde finden.

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