Kolumne

Auf Pilgerfahrt für
Gott und Instagram

Ihr könnt mich alle mal! Ich bin dann mal weg! Wer hat das noch nicht gedacht? Ich jedenfalls schon oft. Damit kann ich wirklich jeden verstehen, der aus der Zivilisation ausbrechen will: kein Smartphone, kein Facebook, kein Alltag. Mal volle Dröhnung auf sich selbst konzentrieren und schauen, ob man es aushält. Was ich nicht verstehen kann, ist, warum sich manche Menschen dafür den Pilgerpfad aussuchen, der am ehesten einer Autobahn ähnelt.

28. Dezember 2016 - 12:19
SPIESSER-Autor Henk Marzipan.
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Henk Marzipan Offline
Beigetreten: 22.01.2014

Der Jakobsweg ist die Ameisenstraße der Lifestyle-Pilger. Seit 2010 hält sich die Anzahl der Menschen, die auf dem Weg nach Santiago de Compostela wandern, im Schnitt bei 250.000 Pilger! Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur ein Drittel es aus religiösem Eifer tut. Aber einer Millionen Bettwanzen, wie auch allen Herbergsbetreibern auf dem Weg, gefällt das. Und natürlich dem modernen Pilger. Der muss sich ab jetzt nicht mehr mit sich selbst beschäftigen, sondern findet stets einen Pilgerpartner und darf sich in überfüllten Schlafsälen über das Schnarchen der Bettnachbarn freuen. Und weil der Mensch ein soziales Tierchen ist, verkommt das Pilgern zum Massentourismus – wie in Rimini. „Into the Wild“ sah irgendwie
anders aus.

Klar, ich versteh schon: Seit Yoga weiß jeder, dass so eine meditative Erfahrung voll wichtig für das Chakra ist. Oder sind plötzlich alle so religiös geworden, dass sie ihrer Religiosität außerhalb der Kirchenmauern frönen müssen? Ich frage mich, ob es da draußen irgendwo noch Pilger gibt, die tatsächlich pilgern, um den Apostel Jakobus zu ehren. Das gibt immerhin einen Freifahrtschein in den Himmel. Wer den Jakobsweg pilgert, den erwartet eine totale Vergebung der Sünden. Und da wir nach mittelalterlichem Maßstab sowieso alle räudige Sünder sind, erklärt das vielleicht den Pilgerstrom gen Spanien.

Aber nein, daran kann es nicht liegen. Es gibt schließlich tausende und abertausende von Wander- und Pilgerwegen in Europa und der Welt. Warum nicht den St. Olavsweg durch Norwegen oder mal den St. Martinusweg von Frankreich nach Ungarn nehmen? Sind die Leute alle zu faul zum Googeln? Natürlich war Hape Kerkeling in Sachen Jakobsweg ein echter Trendsetter (Für die jüngeren Leser: Der war mal ganz groß im Fernsehen). Er hat den Weg salonfähig gemacht. Mit dem kann mittlerweile jeder was anfangen, auch Mutti und Opi. „Jakobsweg? Das hat meine Tante auch mal gemacht. Voll spirituell und so. Sie hat einen total schönen Blog geschrieben!“

Und da kommen wir zum Kernproblem: Der Jakobsweg hat einen eigenen Hashtag! Der #Caminodesantiago macht sich verdammt gut auf Instagram, Twitter und Co. Die Außendarstellung fällt ungleich leichter. Man, was bin ich für ein bewanderter Mensch, weltgewandt und spirituell! Alles auf einen Streich. Die Anerkennung im Freundeskreis scheint so eine Wanderung allemal wert. Ich sage: Wenn schon pilgern, warum dann nicht richtig? Schmeiß’ das Smartphone weg, setz dir einen Rucksack auf, und geh dahin, wo du nicht ständig von deinesgleichen umgeben bist. Da brauchst du niemanden beeindrucken. Nur dich selbst. Das geht wirklich überall.

Text: Henric Abraham
Teaserbild: Lena Schulze

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Kommentare

Drei Kommentare
  • Ja stimmt, die Frage ist berechtigt. Nee ich bin den Jacobsweg noch nie gelaufen Ist ja auch voll mainstream ;) Ich stütze meine Kolumne lediglich auf meine Erfahrung mit anderen Pilgern, akribischer Recherche, und einen nicht zu kleinen Anteil Schubladendenken ;)

  • Fridas Frage ist berechtigt,meist sind es nur die Eltern,meine eltern haben voriges Jahr das Wandern entdeckt,es ging nicht nach Santiago auf den Jakobsweg, nur auf den Hümmlingweg ,trotzdem sehr gut,weil hier Jugendliche von der Bildungsstätte Clemensweth egal welcher Religion wandern mit Christlichen Segen ,vielleicht wäre das was für Herr Marzipan.Kann Ihm gern die Anschrift geben,jeder Wanderweg ist nicht weit dafür gut ausgeschildert und in der Gruppe macht es Spass. Das ist vielleicht der Faktor Herr Marzipan.Dann kann später praktisch sagen ich war da.

  • Und bist du den Jakobsweg gelaufen?

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