Kinofeeling

Born To Be Blue

In „Born To Be Blue“ zeigt Ethan Hawke die ganze Klaviatur der Schauspielkunst und der Film beweist, dass es auch Sex, Drugs und Jazz sein kann, nicht immer nur Rock'n'Roll.

13. Juni 2017 - 12:00
SPIESSER-Autor Der Mann den Sie Pfirsich Nannten.
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Der Mann den Sie Pfirsich Nannten Offline
Beigetreten: 24.04.2015

Worum geht's?

Chet Baker. Der Rest ist bekannt. Okay, für alle, die jetzt denken: Den kenn‘ ich doch als stimmgewaltigen Popsänger, der immer mal wieder mit viel elektronischem Drumherum im Radio auftaucht. Das ist Chet Faker. Hier geht’s um richtige Musik: Jazz.


Ethan Hawke und Carmen Ejogo.

Das würden zumindest Jazzmusiker sagen. Und Chet Baker war eine Legende, der beste Trompeter seiner Zeit. Oftmals als „James Dean des Jazz“ bezeichnet, ließ er durch seine ikonisch-melancholische Romantik die Frauenherzen auf 2 und 4 springen. Ich würde ja eher sagen, er war der „Morrissey des Jazz“, aber mich zitiert keiner.

„Born To Be Blue“ zeigt das Leben dieses Musikers, der in seinen größten Momenten zu wenig Hero und zu viel Heroin war und seinen mühsamen Weg aus dem Entzug von Freiheit, Musik und Drogen heraus. Dabei berücksichtigt der Film eine bedeutende Regel und hält sich in der Moralität bedeckt. Wer weder die Musik, noch die Geschichte und nicht einmal den Namen Chet Baker kennt, der darf diesen Film als Weiterbildung abrechnen.

Wer spielt mit?

Ethan Hawke („Training Day“, „Boyhood“ u.v.m.) legt hier eine ganz große Nummer auf das Parkett und trägt den stellenweise recht zähen Film mit jeder Spielminute etwas mehr. Ich hoffe, dass er diese Leistung ohne Drogen aus sich herauskitzeln konnte und hebe anerkennend den Hut, der zur Zeit der 60er im Jazzclub für mich als jungen Gentleman eh Pflichtgarderobe wäre.

Seine Frau und Ex-Frau (Ja.) spielt Carmen Ejogo wie eine junge Halle Berry und man bemüht sich wenig, sie mehr als die Frau an Chet Bakers Seite sein zu lassen.

Einen kurzen aber beeindruckenden Auftritt hat Stephen McHattie, der den Vater Bakers spielt, und den harten Hund derart heraushängen lässt, dass selbst Clint Eastwood ihm eine Fahrt in seinem Gran Torino angeboten hätte.

Filmischer Augenschmaus?
Auf einen Blick
Action:
Romantik: ✪ ✪ ✪
Humor: ✪ ✪
Niveau: ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪ ✪

Bis auf die etwas überzeichneten Schwarz-Weiß-Sequenzen ruht sich der Film tatsächlich wenig auf seinem Dokumentationsvorhaben aus und kreiert schöne Aufnahmen vom Trompetieren an allen möglichen und einer ganzen Reihe unmöglich Orten. In den Sequenzen, in denen Baker mit seiner Frau im Wohnmobil an der Küste lebt, hat es etwas den Look eines Reisebloggers, der zufälligerweise eine Trompete besitzt. Viel goldene Sonne am Meer, nebelige Hügellandschaften und weite Felder. Ein Urlaub in Stockvideovillage, aber bei weitem nicht so wahllos und durchaus schön anzusehen.

Ansonsten spiegelt der Film schön wieder, wie das Rockstarleben mit Drogen, Frauen und Ruhm seine bitteren Schatten mit sich zieht und wie ein Mann gleichzeitig leidenschaftlich und diszipliniert ein Musikinstrument perfektionieren kann und sein Leben achtlos ruinieren. Hier weckt der Film Begeisterung und Abscheu im Wechsel und nimmt sich dabei meist zurück.

Gibt's was zu meckern?

Wie es bei Jazz so oft die Gefahr gibt, verliert der Film in der Mitte etwas die Aufregung und begibt sich ins seichte Gewässer des Künstler-Egos und der ihm Verfallenen. Außerdem würden ein wenig mehr Zwischentöne dem Film gut tun. Ich weiß, ein Klavier hat keine grauen Tasten, aber mit ein wenig mehr Feingefühl, hätte man dem Publikum die Chance geben können, das Wesen dieses Anti-Helden der Musikgeschichte für sich selbst zu entdecken und dessen Reinkarnation durch den fantastischen Hawke zu genießen.

Braucht man Taschentücher?

Ein edles Stofftaschentuch, um die Hornbrille anzuhauchen und anschließend zu polieren.

Mit wem angucken?

Mit jedem, der Chet Baker nicht kennt. Mit jedem, der Jazz mag.

Was macht man danach?

Danach kann man sich erst Mal auf YouTube stundenlang Jazz anhören (Ich empfehle „7 Steps To Heaven“), die Dokumentation über Chet Baker gucken – „Let’s Get Lost“, mal in die Jazzbar in der eigenen Stadt gehen und stilvoll mitnicken.

In 3 Worten:

Sex. Drugs. Jazz.

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Jazz bleibt gerne in kleinen Räumen. Eigentlich müsste der Film in Raucherkinos laufen, aber da das mit der Projektion sicher überschaubar praktikabel wäre, muss der Künstler in euch darauf verzichten. Die Bilder sind schön, aber hier geht’s um die Geschichte. Ich empfehle dennoch weiter einfach die kleinen Kinos, woanders wird „Born To Be Blue“ eh nicht laufen.

Mainstream oder Independent?

Ich wiederhole mich, aber es geht um Jazz. Macht doch mal einen Song von Miles Davis in die Spotify-Playlist der nächsten Party und guckt mal, wie mainstreamig das ist. Es geht zwar auch um Menschen, Leben, Tanzen, Welt. Aber es ist ein Film für Speziellinteressierte. Speziell an Musik, an den fallenden Helden, am bitteren Beigeschmacks des Lebens.

Born To Be Blue

Regie: Robert Budreau („That Beautiful Somewhere“)
Schauspieler: Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie
Kinostart: 8. Juni 2017
Länge: 97 Minuten
Genre: biografisches Drama (Biopic)

 

 

 

Text: Christian Schneider
Bildmaterial: © 2017 Alamodefilm

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