Brief an …

Brief an... die Bibliothek

SPIESSER-Autoren schreiben Briefe. Diesmal erinnert sich Bettina an jene Stunden, die sie in ihrer Kindheit in der Bibliothek verbracht hat und entschuldigt sich dafür, dass heutzutage Bücher manchmal in Vergessenheit geraten.

18. Juli 2012 - 13:04
SPIESSER-Autorin Senfgruen.
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Senfgruen Offline
Beigetreten: 25.04.2009

Liebe Bibliothek,

viele sagen, deine Zeit sei vorbei. Seit Jahren macht deine jüngere Schwester, das Internet, den Menschen schöne Augen. Sie weiß alles und kann auch alles in bewegte Bilder umwandeln. Copy-und-Paste boomt und du gerätst in Vergessenheit. „Wer braucht dich da überhaupt noch?“, fragst du dich bestimmt inmitten aller verstaubten Bücher. Doch schon die Literaturnachweise bei Wikipedia zeigen: die wirklichen Wissens-Quellen liegen in deinen Regalen. du bist eben nur ein bisschen ins Alter gekommen!

Die Bibliothek erinnert Bettina an ihre Kindheit.

Aber wir sind gemeinsam gewachsen. Ach, das waren noch Zeiten, weißt du noch, wir waren damals Nachbarn. du wohntest direkt gegenüber. Ich konnte noch gar nicht richtig lesen, als ich dich das erste Mal besuchte, damals noch an der Hand meiner Eltern.

Doch später, als ich sieben Jahre alt war, überreichte mir mein Papa meinen ersten eigenen Bücherei-Ausweis. Ich hatte glänzende Augen, denn in meinen Händen hielt ich die Eintrittskarte in eine andere Welt. Ob kleiner Vampir, Hexe Lilli, Pippi Langstrumpf, Hanni und Nanni oder Max und Moritz – jedes Buch war ein Abenteuer. Und ich hatte sie alle. Jeden Mittwoch kuschelte ich mich in eine deiner Leseecken, bis die strenge Dame mit dem Dutt kurz vor 21 Uhr auf mich  zukam und raunte: „Wir schließen in zehn Minuten!“

Ich weiß dich sehr zu schätzen liebe Bibo, doch wir lebten uns auseinander. Ich zog um, wurde älter, ach, du weißt ja wie das so passiert. Schule, Freunde, Sport... da bleibt nicht so viel Zeit alte Geschichten wieder aufzuwärmen. Neue Kapitel fingen an. Zu dir kam ich in dieser Zeit nur noch, wenn ich etwas brauchte. Bücher für anstehende Referate oder Ruhe und Ordnung. Denn hier bist du eine Konstante, ein Ruhepol, der jedem Einkehr gewährt, der genug von Schnelllebigkeit hat. Du magst dich vielleicht nicht so schnell aktualisieren wie eine Internetseite, doch die Urigkeit deiner Bücher hat seinen ganz eigenen Charme. Warme Worte vermitteln eben doch mehr als sinnlose Youtube-Videos.

Wenn das Herz mit jeder Seite schneller schlägt...

Eben dieses Phänomen fiel mir auch bei meinem letzten Besuch auf. Diese Magie, die mir als Kind diese glänzenden Augen schenkte. Ich wollte eigentlich für eine Prüfung lernen, leider entdeckte ich ein wahnsinnig spannendes Buch. Ich war wieder deine kleine Nachbarin von gegenüber, bis es hieß: „Sehr geehrte Besucher, die Landesbibliothek schließt in 30 Minuten. Wir bitten Sie, sich rechtzeitig zum Ausgang zu begeben. Vielen Dank für Ihren Besuch!“ Es war 20.30 Uhr.

Ein paar Stunden war ich versunken, habe die Alltagssorgen vergessen und die Ruhe genossen. Da wusste ich wieder, warum ich dich früher so gerne besucht hatte – und wurde etwas wehmütig, weil ich es nur noch so selten schaffe.

Liebe Bibo, auch wenn wir uns nicht mehr so oft sehen: Ich bin froh, dass es dich gibt! Ich danke dir, für all die Antworten, die ich bei dir gefunden habe und all die schönen Stunden mit dir und deinen Büchern. Weißt du, das Leben ist oft spannender als ein Abenteuer-Roman, aber manchmal eben auch nicht.
 

Danke für alles,

Deine Bettina.

 

Text: Bettina Schneider

Fotos: Petra Hegewald, Dorothea Jacob / pixelio.de

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Kommentare

Zehn Kommentare
  • Merci, für die netten Kommentare. :)

  • Ein so schöner Text!!! ;-)
    Heute war ich auch mal wieder in der Bibliothek.
    Eine Welt für sich wo am sich verlieren kann, wo
    man vor sich hin träumt und so viel Wissen lagert.
    Für mich einfach nur wunderbar denn bei uns in der Dorf
    Bücherei habe ich schon mit 12. Jahren alles aus gelesen.
    Ich nutze auch mal für Referate das Internet, aber darauf kann man sich nicht immer verlassen. Also ab in den Bus und zur Bibliothek und die Bücher suchen gehen bzw. man liest zwischendurch andere Bücher oder Zeitschriften.
    ups... fast mal wieder den Bus verpasst.

  • In Hamburg blühen die Bücherhallen grade wieder etwas auf. =) Also zumindest wurde grade eine Neue eröffnet. Für wenig-Leser gibt es inzwischen auch CD's, Filme und Co in den Bücherhallen. Und wer dann erstmal da ist sucht sich eigentlich immer auch ein Buch aus, das er mit nach Hause nimmt. Ob es dann gelesen wird ist eine andere Frage. Leider lesen ja heute immer weniger Jugendliche freiwillig.

  • Superschöner Text!
    Leider verlieren Bibliotheken für die Generationen die nach uns kommen (eigentlich auch schon in unserer Generation) immer mehr an Reiz.
    Ich sehe es an der Bibliothek in unserer Stadt. Als Kind war ich dort oft, habe mir Bücher geliehen und die Stimmung und das Klima genossen.
    Aber leider ist sie in den letzten Jahren auch ziemlich zusammengefallen, weil die Gelder zur Instandhaltung fehlen. Ein Großteil der Bücher hat schon bessere Zeiten erlebt...das ist wirklich sehr schade.
    Es tut mir weh, so was immer mehr zerfallen zu sehen...viele alte Werte und Erfahrungen gehen damit auch verloren. :(

  • Eigentlich mag ich Stille nicht so richtig. Aber in die Bibliothek und Bücherei gehört sie einfach. Richtig schöner Brief, hat mich an mich selbst erinnert. Schade. Ich muss echt mal wieder in die Bibliothek. Irgendwas findet man immer.
    Außerdem finde ich das Internet und die Bücherei schwer zu vergleichen. Mir geht es bei Büchern nicht so sehr um Lernen sondern eher um die Geschichten.

  • Also ich habe eine Gänsehaut bekommen, als ich letztes Jahr den Vorraum der Anna Amalia Bibliothek in Weimar betrat und "nur" die Erstausgabe der Luther Bibel vor mir lag. Die Bibliothek selbst konnte ich leider wegen Überfüllung gar nicht besuchen.

  • Da kann ich mich meinen Vorschreibern nur anschließen- der Text ist wirlich sooo schön geschrieben... :)

    Und es ist nichts anderes als die Wahrheit, die dahinter steckt. In den Ferien lese ich unglaublich gerne, aber während der Schulzeit sind es leider nur die Schulbücher, die ich zum Lesen in der Hand habe und nicht mehr die schönen Romane...

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