Brief an …

Brief an… meine Essstörung

Eine anonyme Autorin über Mut und Kontrolle.

23. November 2018 - 09:44
SPIESSER-AutorIn Schokoballerina.
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Schokoballerina Offline
Beigetreten: 15.10.2014

Liebe Essstörung,

wer hätte gedacht, dass ich mich eines Tages an dich wenden würde und nicht andersrum? Monatelang hast du mich und mein gesamtes Leben beherrscht, die schönen Dinge von mir ferngehalten, mir die Augen verschlossen vor dem, was wirklich wichtig ist. Deine Stimme übertönte viel zu lange meine eigene. Doch heute bist du es, die schweigt.

Denn ob du es glaubst oder nicht, ich habe ein neues Leben begonnen – ohne dich. Na gut, vielleicht nicht ganz ohne dich. Du weißt ja selbst, wie gut du manchmal noch darin bist, mir Knoten in die Ged anken zu drehen. Aber du hast sicher auch mitbekommen, dass ich mittlerweile viel stärker bin als du und auch ziemlich gut im Knotenlösen. Ich habe mich von dir gelöst. Alles, was ich dafür brauchte, war Mut und einen sehr starken Willen. Den Willen, neu zu beginnen. Den Willen, mich selbst zu lieben. Vor allem aber auch den Mut zuzugeben, dass es mir nicht gut ging. Und daran warst gar nicht du Schuld, sondern nur ich selbst.

Wir haben uns damals kennengelernt, als ich mich sehr einsam gefühlt habe. Es war eine dieser Phasen, in denen man verlassen wird und es scheint, als geriete einfach alles aus den Fugen. Und dann warst da du. Du hast m ir die Möglichkeit gegebe n, wieder Kontrolle zu gewinnen. Mochte das Schicksal noch so unb erechenbar sein, meinen eigenen Körper konnte ich dank dir kontrollieren. So war ich m aximal abgelenkt von der großen Stille meiner Gedanken. Und so nahmst du mir zehn Kilo. Nicht auf einmal, sondern peu à peu, mit jedem „vergessenen“ Abendbrot kamen wir uns näher. Die Sorgen kamen in meiner Familie, später bei Freunden, bis mich Leute auf der Straße wegen dir mitleidig oder gar verachtend anstarrten. Doch da war es schon zu spät. Du und ich, wir waren längst dicke Freunde – oder eben genau das Gegenteil.

Irgendwann ging dann gar nichts mehr. Mir wurde klar, dass unsere Beziehung nichts Gegenseitiges war. Immer habe ich gegeben und du nur genommen. Bis ich so schwach war, dass ich mir Hilfe holte. Erinnerst du dich an das Gespräch, in diesem Raum irgendwo abseits von all dem Lärm? Ich sollte mich damals in dich hineinversetzen und deine Gedanken laut aussprechen. Das kam mir erst albern vor, aber vielleicht habe ich dich so letztendlich verstanden. Vielleicht wolltest du mir damals eigentlich nur helfen. Aber irgendwie hast du nie richtig gewusst, was mir wirklich guttut. Ich selbst weiß das mittlerweile schon. Ich kann jetzt wieder lieben, lachen, tanzen, schreiben und vor allem genießen. Ich weiß, das war alles noch nie so dein Ding. Macht nichts. Wir werden bestimmt trotzdem in Kontakt bleiben, ich kenn uns ja.

Ich wollte dir trotzdem sagen, dass ich über dich hinweg bin. Wenn ich mir heute Fotos von damals ansehe, von unserer gemeinsamen Zeit, schaudert es mich. Alles, was wir waren, war das Gegenteil von dem, was ich jetzt bin: glücklich. Und das habe ich ganz allein geschafft. Denn allein heißt nicht automatisch einsam.

Die Unabhängige*

*Die Autorin dieses Briefs möchte anonym bleiben.

 

Teaserbild: Lena Schulze

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