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Bushra Al-Maktari: „Was hast du hinter dir gelassen?“

Seit fünf Jahren herrscht in Jemen ein gewaltiger Krieg. Die Journalistin Bushra Al-Maktari möchte den Hinterbliebenen eine Stimme geben und hat in „Was hast du hinter dir gelassen?“ die Schicksale der Menschen aus ihrem eigenen Land aufgeschrieben. SPIESSER-Autor Vincent verschlägt es die Sprache.

03. April 2020 - 08:13
SPIESSER-Autor Kalendermensch.
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Kalendermensch Offline
Beigetreten: 14.12.2015

Worum geht’s?

Im Süden der arabischen Halbinsel liegt das Land Jemen. Seit fünf Jahren tobt dort ein Krieg, der nur selten in den Medien auftaucht. Die sogenannten Huthi-Rebellen wollen sich dort die Autokratie gewaltsam erkämpfen. Unter der Führung saudi-arabischer Militäreinheiten versucht eine andere Konfliktpartei, bestehend aus Anhängern des Präsidenten Hadi, die Huthis zu stoppen. Die Lage ist natürlich noch sehr viel komplexer. Aber wer glaubt, in „Was hast du hinter dir gelassen?“ etwas mehr Übersichtlichkeit zu erlangen, der hofft vergeblich. Bushra Al-Maktari bemüht sich nicht, die komplizierten Zusammenhänge und das Entstehen dieser „toxischen“ Schlachten aufzuarbeiten. Nicht den Extremisten und Kriegstreibern, die das Land zerstören, will sie eine Stimme geben, sondern jenen, die darunter leiden. Da ist Naoma, deren Sohn beim Wasserholen von einer Granate getroffen wurde. Da sind Ahmads Fischerfreunde, die bei einem Bootsbeschuss ertranken. Und da sind Alis Enkelkinder, die nie mehr die Früchte seines Mangobaums kosten werden.

„Was hast du hinter dir gelassen? – Stimmen aus dem vergessenen Krieg im Jemen“

Autor: Bushra Al-Maktari
Veröffentlichung: 30. März 2020 (E-Book, Hardcover erscheint später)
Seitenzahl: 320

Wer steckt dahinter?

Bushra Al-Maktari hat insgesamt 43 Protokolle von Hinterbliebenen aufgezeichnet. Al-Maktari selbst lebt in Jemens Hauptstadt Sanaa und ist dort als Schriftstellerin und Journalistin tätig. Für das Buch, schreibt ihr Verlag, sei sie zwei Jahre lang durch Jemen gereist und habe mit 400 Menschen gesprochen. Das Manuskript sei nachts und bei Kerzenlicht entstanden, weil der Strom in Sanaa nicht mehr fließe. Ihr Mann habe den Laptop einmal am Tag zum Aufladen in eine Apotheke gebracht. Al-Maktari schreibt: „Schreiben ist für mich eine Form des Widerstands, gegen das Vergessen, gegen die Gleichgültigkeit. Wir würdigen die Verstorbenen und schreiben dagegen an, dass sie als bloße Zahlen in einer Statistik vergessen werden.“ Al-Maktari führte 2011 Friedensproteste gegen die autokratische Regierung an, woraufhin konservative Führer ihren Tod forderten.

Kurz und knapp oder dicker Schinken?

280 Seiten kann man wohl kaum als einen dicken Schinken bezeichnen. Es tut in diesem Buch nichts zur Sache, wie viele Geschichten erzählt werden und wie lang das Buch dadurch wird. Je mehr Geschichten man liest, desto eindrücklicher und unaushaltbarer entsteht das Bild eines Krieges, der dafür sorgt, dass Menschen „keinen Hauch Leben“ mehr besitzen. Umfangreich und dicht ist das Buch vor allem in narrativer Hinsicht.

Für die Bahn, den Sessel oder den Pausenhof?

Ich präferiere die eigenen vier Wände. „Was hast du hinter dir gelassen?“ ist keine Lektüre für Zwischendurch. Man sollte jeder Geschichte seine besondere Aufmerksamkeit schenken. Nicht, um die Kriegsursachen zu verstehen, die nebenbei in den Fußnoten erläutert werden (was durchaus anstrengt). Aber zumindest um zu spüren, was die Opfer tagtäglich erleben müssen. Existenzangst, das sollten wir uns gerade Corona-Zeiten dringend vor Augen führen, bedeutet auf anderen Kontinenten dieser Erde weitaus mehr als die wohl unnötige Angst davor, kein Klopapier mehr zu bekommen.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie schwer ist es, das Buch wegzulegen?

Wenn man in Erwägung zieht, dieses Buch wegzulegen, dann nur, weil einen die Geschichten so berühren. Ansonsten: eine 7. Al-Maktaris Portraits sind von einer ungeheuren Dringlichkeit durchzogen, der Welt endlich begreifbar zu machen, dass der Krieg in Jemen nicht vergessen werden darf. Sie erzählt aus der Ich-Perspektive und schafft es, mitunter poetisch zu werden. Ich wage, bei Al-Maktari von einer schwarzen Poetik zu sprechen. Ihre Sprache ist einfühlsam und subtil. Ein „blutdurchtränktes Haargummi“ folgt auf die Beschreibung einer Person, die das Gehirn ihres Sohnes „gerade zu rücken versucht“. Die Wut über diesen „sinnlosen“ Krieg wird mit jedem Kapitel stärker. Oftmals werden ihre Gespräche von Beschreibungen wie „Sie schluchzt. Ihr Mann versucht sie zu beruhigen“ begleitet.

Wem borgt man es nach dem Lesen als erstes?

Allen.

Lieblingszitat:

„Mama, ich will Saft. Mama, das Spiel mit dem Tod ist so traurig. Mama, ich will nicht sterben.“

In drei Worten:

Zeit für Frieden.

 

Text: Vincent Koch
Coverfoto: ullstein
Teaserbild: Lina Malers

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