Kinofeeling

Capernaum – Stadt der Hoffnung

Zain hat eine große Klappe und viel Mut und er tritt vor Gericht, um seine Eltern anzuklagen: dafür, dass sie ihn auf die Welt gebracht haben. SPIESSER-Autorin Sophia hat die Geschichte und die schauspielerische Leistung des unperfekten Helden tief beeindruckt.

22. Januar 2019 - 08:58
SPIESSER-Autorin Sophia Marti y Schiebel.
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Sophia Marti y Schiebel Offline
Beigetreten: 21.11.2018

Worum geht's?

„Capernaum“ steht im arabischen für einen Ort voller Unordnung und genau das beschreibt das Leben von Zain. Er ist 12 Jahre alt, so wird er zu mindestens geschätzt, denn Papiere hat er keine. Ebenso wenig wie seine Geschwister, mit denen er in einem Armenviertel im Libanon lebt. Doch er hat eine große Klappe und viel Mut. Damit steht der Junge nun vor Gericht, um seine Eltern zu verklagen: dafür, dass sie ihn auf die Welt gebracht haben. Er erzählt dem Richter seine Geschichte: Wieso er von zu Hause fortgelaufen ist, wie er bei einer äthiopischen Mutter einen Platz zum Schlafen fand, warum er sich auf einmal darum sorgen musste, genug Windeln aufzutreiben und wieso er den Gerichtssaal in Handschellen betreten musste.

Wer spielt mit?

Alle Schauspieler standen zuvor noch nie vor einer Kamera. Besonders hervorzuheben ist Zain Alrafeea, der Zain spielt. Er selbst ist mit seiner Familie aus Syrien in den Libanon geflohen und musste anstatt zur Schule arbeiten gehen, um der Familie zu helfen, sich über Wasser zu halten. Yordanos Shifera spielt die Rolle der verzweifelten äthiopischen Mutter. Kawthar al Haddad und Fadi Kamel Youssef verkörpern Zains Eltern.

Auf einen Blick
Action: ✪
Romantik:
Humor: ✪ ✪
Niveau: ✪ ✪ ✪ ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪ ✪ ✪ ✪
Filmischer Augenschmaus?

Enge Gassen, zugemüllte Straßenränder und dunkle Wohnungen – irgendwie möchte man jede einzelne Figur umarmen. Ja, selbst die vermeintlich Bösen sind auf einmal gar nicht mehr so böse, sondern bloß verzweifelt.

Und all das liegt vor allem an den schauspielerischen Leistungen, besonders der von Zain. Denn er scheint den Schmerz nicht nur zu spielen, er versteht ihn. Seine Flüche wirken nicht wie dahingeschmissene Floskeln, sondern überzeugt und wütend. Er spielt nicht nur ein zu schnell erwachsen gewordenes Kind, er scheint auch eins zu sein. Zain verkörpert die Rolle des unperfekten Helden so, als sei er es selbst und das macht den Film besonders. Vermutlich ist es auch ihm zu schulden, dass die harte Materie von Kindesmissbrauch und illegaler Einwanderung den Mantel des Spielfilms behalten und nicht gänzlich in einem Dokumentationsfilm verschwimmen.

Gibt’s was zu meckern?

Es ist kein Film, in dem man so ganz nebenbei noch Instagram checken kann, so viel ist klar. Zwei Stunden lang dauert er und bei so vielen unterschiedlichen Themen und zwischendurch wenig Action könnte es für den ein oder anderen auch ganz schnell zwei ziemlich lange Stunden werden.

Braucht man Taschentücher?

Definitiv. Haltet gleich mehrere Pakete bereit oder ihr müsst wohl oder übel auf eure Ärmel zurückgreifen.

Mit wem angucken?

Mit jedem, der weiß, dass die Welt nicht nur aus Konfettiregen besteht und auch mit denen, die das viel zu oft vergessen.

Was macht man danach?

Vielleicht könnte man schreien oder einfach nur schweigen. Doch am besten wäre es wahrscheinlich, über das Gesehene, über die angerissenen Thematiken und über Zains Worte im Gericht zu reden. Denn nur so wird klar, dass all das nicht nur in der Fiktion existiert und dass wir unser Leben ein wenig mehr wertschätzen sollten.

In 3 Worten:

berührend, herzergreifend, wichtig

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Auf der Leinwand, denn dort ist der Blick auf und über die Dächer des Armenviertels, der Slums und der Basare eine Spur beeindruckender.

Mainstream oder Independent?

Würde man nach dem Ende und den Preisen urteilen, ist die Einstufung in einen „Am Ende wird dann doch alles gut“-Mainstreamfilm unumgänglich. Aber was bleibt, ist ein Funken Etwas, der dazu führt, dass sich „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ dann doch nicht in die Reihen von den ewig gleichen Dramen einordnet.

Capernaum – Stadt der Hoffnung

Regie: Nadine Labaki
Darsteller: Zain al Rafeea, Yordanos Shifera, Kawthar al Haddad, Fadi Kamel Youssef u.v.m
Kinostart:.17.01.2018
Filmlänge: 123 Minuen
Genre: Drama
FSK: ab 12 Jahren
 

 

Text: Sophia Marti y Schiebel
Bildmaterial: © 2019 Alamodefilm. Alle Rechte vorbehalten.

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