SPIESSER unterwegs

Che Che Che
und Cha Cha Cha

Kuba, die Insel in Sichtweite von Miami, die eine der wenigen sozialistischen Staaten dieser Welt ist, in der die Geschichte Spanisch zur Landessprache machte und beibehielt, wo Zigarren und Rum gelebtes Klischee sind, wo überall Musik aus alten Radios schallt und der Rhythmus von Salsa bereits durch die Nabelschnur wandert. Wo die Handelsbeziehungen belastet sind, Exportgüter teuer, aber Grundversorgung für alle da ist. SPIESSER-Autor Christian berichtet von seinen Einblicken.

01. Juni 2018 - 13:02
SPIESSER-Autor Der Mann den Sie Pfirsich Nannten.
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Der Mann den Sie Pfirsich Nannten Offline
Beigetreten: 24.04.2015

Ganz nah neben dem Vorbildkapitalisten Uncle Sam liegt seine Tante und hat nicht viel – aber genug zum Leben. Ich sitze in einem kleinen Restaurant, aus dem knarzenden Radio läuft eine Neuauflage von Macarena als Reggaeton-Version. Ich starre an die pastellgrün gestrichene Wand, von der sich die Farbe stillvoll abnutzt. An der Wand hängen Schwarz-Weiß-Fotografien von den langen Straßen, den romantischen Häusern und den sorgsam gepflegten Oldtimern von Kuba. Ich bezahle, verlasse das Lokal und blicke mich um. Es hat sich nicht viel getan, seit die Fotografien entstanden: Die Männer tragen weniger Hut, die Hosen sind kaputter und alle besitzen mehr bedruckte Oberteile. Es ist wie die Vergangenheit nur bunt – willkommen auf Kuba.


TUI-Idylle? Nicht mit Kuba!

Für die Dokumentation eines Jugendaustauschs mit Fokus auf urbanen Tanz, das HaBer-Projekt (Anm. d. Red.: HaBer steht für Havanna Berlin), durfte ich als Foto- und Videograf für zwei Wochen nach Kuba, gemeinsam mit zehn Tänzerinnen und Tänzern aus Deutschland. Ich wusste nicht recht, was mich erwarten würde: TUI-Idylle oder eine andere Welt. Am Ende war es zum Glück eher die zweite Version. Man kann auf Kuba natürlich die schönen Strände, die bunten Oldtimer und den günstigen Rum genießen. Günstiger als auf der Schwesterinsel Dominikanische Republik, die bereits mit dem Kosenamen „DomRep“ zum Malle für Besserverdiener verkommen ist. Kuba ist gottseidank zu kurz für bekloppte Abkürzungen. Das und der Fakt, dass durch die sozialistische Ausrichtung der Gesellschaft und strengen Regelungen für ausländische Unternehmen im Land deutlich weniger auf Tourismus gesetzt wird, überlassen auf Kuba mehr Möglichkeiten des Entdeckens als den Pauschalreiseneinblick. Wer sich an meine Kolumne „Die Kunst, modern zu reisen“ erinnert, wird mein Lobeslied auf die Erfahrung ein Land zu versuchen von innen kennenzulernen, noch in den Ohren haben. Dem Rest erspare ich es.

Und sparen ist ein gutes Stichwort. Der Verzicht ist das überwiegende Manko, das man als Gast im Sozialismus spüren sollte. Kontrolle über öffentliche Meinungen und hohe Staatsgewalt sollen nicht ausgeblendet werden, aber das bleibt mir als Tourist fern. Ich merke aber, dass es dem Lebensgefühl der Bevölkerung guttut, wenn sich nicht alles um Gelderhalt dreht. Wer auf Kuba vom „Markt“ redet, meint den Obststand, nicht die Wirtschaftszwänge. Und die Ruhe steckt an. Wenn man in der Schlange steht für sein Frühstück, bevorzugt Eibrot und Kaffe aus alten Plastikflaschen, und die ersten Male wegen der Wartezeit noch ungeduldig wird, stellt man sich die Frage: Machen die was fasch oder wir? Der deutsche Fleiß, das Dienstleistungsgefühl, die Identifikation über die eigene Arbeit, das alles hat auch seine Schattenseiten.


Haber – ein Jugendaustausch für urbanen Tanz
Tanz – Muttersprache für alle

Gerne hätte ich noch mit ein paar Anwohnern über den Alltag geredet, aber ich kann kein Spanisch. So blieb nur die Sprache, die das Haber-Projekt auszeichnet und so besonders macht: der Tanz. Die mitgereiste Gruppe wird innerhalb von zwei Wochen eine Bühnenshow gemeinsam mit Tänzerinnen aus Havanna auf die Beine stellen und ein großes Tanzbattle veranstalten. Urbane Kultur, HipHop, Bboying und Krump – dafür gibt es auf Kuba nur wenig Orte, weshalb das seit drei Jahren existierende Projekt für alle Leute der Szene ein echtes Highlight geworden ist. Die deutschen Tänzerinnen und Tänzer mit denen ich danach spreche, sagen alle, wie faszinierend es ist, dass der Austausch über Tanz immer funktioniert. Wer die Leidenschaft zum Tanz teilt, zur Bewegung auf den Takt der Musik, der spricht bereits dieselbe Sprache und kann sich gegenseitig begeistern und unterrichten. Trotz brütender Hitze und tropischer Luftfeuchtigkeit nehmen die Kubaner strahlend an allen Workshops teil.


Harmonie in allen Gassen 

Die täglichen Trainings schränken unsere Zeit zum Entdecken ein, aber dennoch bin ich gefangen von den in allen Pastellfarben reihenden Häuserfassaden, den Lachfalten auf sonnengebräunter Haut und der angenehmen Harmonie in allen Gassen. Auf Kuba ist die Kriminalität extrem gering, auch wegen martialischer Strafen, aber beim stundenlangen Laufen zur nächsten „Bar direkt um die Ecke“ fühle ich mich sicherer als nachts in meiner Heimat Berlin. Keine Aggression in der Luft, kein Reiz jemanden um seine Exportgüter zu erleichtern – hier trage ich die Kamera offen. Der DJ des Projekts sagt zu mir, dass in den letzten Jahren nur zwei Touristen gestorben seien auf Kuba, beide durch Herzinfarkt. Er lügt, aber in dem Moment will ich es glauben.

Text und Fotos: Christian Schneider

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