Frühling 2019: Feminismus

Das Simone-Prinzip

„Heute habe ich mein Buch ‚Das Simone-Prinzip‘ im Gepäck, um euch, der Klasse 10d, über die Frau im Wandel der Zeit zu erzählen, denn dem weiblichen Geschlecht wurden viele Steine in den Weg gelegt“, so begann ich im Alter von 16 Jahren ein Referat zum Thema „Feminismus“.

03. Mai 2019 - 15:13
SPIESSER-Autorin teaserette.
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teaserette Offline
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Und ja, ich bastelte ein kleines Büchlein dafür und nannte es „Das Simone-Prinzip“. Ich bezog mich damit auf eine Debatte, die 2006 rund um Eva Hermans „Das Eva-Prinzip“ stattgefunden hatte. Darin heißt es, dass die Frau zurück an den Herd müsse, Emanzipation die Frauen „vermännliche“ und überhaupt, die einzige Pflicht der Frau sei es, eine Reproduktionsmaschine zu sein. Es war großer, großer Quatsch und ich wollte meinen Standpunkt klarmachen.

„Ich kam aus einer Welt, in der wir alle gleich waren.“

Ich bin in einem Hippiehaushalt aufgewachsen und in meiner Welt waren die Frauen schon immer emanzipiert. Auf den Begriff „Feminismus“ sollte ich erst im Teeniealter durch vier Musikerinnen stoßen: „The Donnas“ spielten rotzigen Rock’n’Roll und sangen davon, sich zu nehmen, was sie wollten – weil es ihnen halt auch zustand. In diesem Zusammenhang wurden immer wieder die „Riot Grrrls“ referenziert. So tauchte ich in das Thema ein und stellte bald fest, dass ich den Vornamen mit der berühmten Feministin Simone de Beauvoir teile!

Das Referat hielt ich übrigens in einer reinen Mädchenklasse. Wir alle standen kurz davor, die verschiedensten Karriererichtungen einzuschlagen, nichts schien uns unmöglich. Meine Wahl fiel auf einen kaufmännischen Beruf, bei dem die jungen Männer deutlich in der Unterzahl waren. Zum ersten Mal sollte ich beim Bewerben auf Stellen nach der Ausbildung spüren, was es heißt, eine Frau zu sein: Ich hörte ständig von Fällen wie dem einer Freundin bei einer anderen Firma, die beim Vorstellungsgespräch sehr unauffällig gefragt wurde, wann sie denn plane, schwanger zu werden. Und die Stelle dann nicht bekam. Natürlich war es im Prinzip so: Ich kam aus einer Welt, in der wir alle gleich waren. Aber spätestens mit Ende meiner Ausbildung erfuhr ich am eigenen Leib, was es heißt, einem Geschlecht anzugehören, dem aus irgendeinem Grund nachgesagt wird, das schwächere zu sein.

„Hört in Gottes Namen auf, mir zu sagen, dass ich lächeln soll, wenn ich gerade nicht lächeln möchte!“

Und ich bin wütend. Ich bin wütend auf diese Welt voller Manspreader (sich ausbreitende Typen in der U-Bahn) und Mansplainer (Kerle, die versuchen, dir deinen Job und die Welt zu erklären). Stinksauer bin ich darüber, dass Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, trotz seiner ständigen Herabwertung (und Belästigung!) von Frauen. Dass man darüber diskutiert, ob man über Abtreibungen informiert, spricht Frauen ab, selbst über ihren eigenen Körper zu entscheiden. Und hört in Gottes Namen auf, mir zu sagen, dass ich lächeln soll, wenn ich gerade nicht lächeln möchte! Ich habe genug von den Frauen, die sagen, sie können mit anderen Frauen nicht, „wegen dem Rumgezicke“. Sie hätten ja nur männliche Freunde – und wollen damit insgeheim die Männer beeindrucken. Ich hingegen suchte mir bewusst für mein Buchcover eine Grafikerin aus, denn ich möchte andere Frauen unterstützen. Klar, letztlich ist das Wichtigste, dass die Frau aus freien Stücken ihre Entscheidungen fällt.

Und darum reicht es mir mit Victim Blaming – ein kurzer Rock ist kein Freischein für eine Vergewaltigung! Wenn in meinem Umfeld ein sexistischer Spruch fällt, halte ich dagegen, zeige den Schwachsinn hinter den Pauschalisierungen auf. Bei Artikeln benenne ich Künstlerinnen altersgerecht und nicht lapidar als „Mädel“. Mein wichtigstes Anliegen ist der Schutz burschikoser Frauen. Es gibt keinen Grund, auszuflippen, wenn eine Butch ganz normal auf die Frauentoilette gehen möchte, denn sie gehört dort hin. Über „Sailor Moon“, eines der größten Girlpowermanifeste überhaupt, habe ich meine Freundin Su kennengelernt. Auch sie wurde durch ihr Elternhaus geprägt. „Geboren und aufgewachsen bin ich in Deutschland, meine familiären Wurzeln jedoch sind ausländisch“, erzählt sie, die so zwischen zwei Welten groß wurde. Während ihre Verwandten eher konservativ und traditionell lebten, wurde sie von ihrem Vater modern erzogen. Während sich seine männlichen Landsleute einen Sohn als Erstgeborenes wünschten, war es schon immer sein Traum, ein Mädchen zu bekommen.

„Frau zu sein, ist die totale Macht! Man kann einfach alles sein.“

„Für alle anderen war das natürlich absolut unverständlich. Aber er hat sich schon als junger Mann oft für Frauen starkgemacht. Für seine Freundinnen, seine Kolleginnen, seine damalige Chefin. Mein Vater war schon immer durch einen starken Gerechtigkeitssinn geprägt.“ Diesen Gerechtigkeitssinn übertrug er in all den Jahren auf Su. Sie ist da verdammt stolz drauf „und unendlich dankbar dafür, dass er mich gelehrt hat, den Wert meines Geschlechtes zu kennen und stets zu bewahren“. „Sailor Moon“ zeichnet sich durch ein großes Ensemble mit vielfältigen Frauencharakteren aus. Su und ich sind uns einig – diese starken Figuren brachten uns bei, einfach die zu sein, die wir sein wollen und nicht das, was die Gesellschaft uns aufzwingt. Mal schwach, mal stark. Mal zickig, mal sanft. Mal ängstlich, mal mutig. Durch die Serie erkannten wir: Frau zu sein, ist die totale Macht! Man kann einfach alles sein.

 

Text: Simone Bauer, findet Geschlechtsenthüllungspartys schlimm, da sie noch vor der Geburt Geschlecht und Sexualität aufdrücken.
Fotos: Linus Ziegler  
Teaserbild: Lena Schulze

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