Ins Netz gegangen

Death and Data

Was passiert mit unseren Daten im Netz, wenn wir einmal nicht mehr sind? Dafür gibt es Bestatter, die den digitalen Nachlass verwalten. SPIESSER-Autorin Julia hat einen solchen Bestatter getroffen und sich das mal genau erklären lassen.

14. Januar 2014 - 15:45
SPIESSER-Autorin JULES..
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JULES. Offline
Beigetreten: 29.08.2012

Er ist nicht mehr hier, er ist tot. Fassungslosigkeit, Trauer, dunkle Stunden und Momente, Tränen, Einsamkeit und dieser schwache Trost: „In unseren Herzen lebt er weiter!“ Aber nicht nur in unseren Herzen, sondern auch … bei Facebook. Heutzutage werden die Angehörigen von verstorbenen Menschen meist auch mit der Frage konfrontiert: „Was passiert mit der zweiten, digitalen Existenz?“ Es gibt Eltern, die ihr Kind bewusst in den sozialen Netzwerken weiterleben lassen. Manche aber möchten auch im Internet die Spuren des Verstorbenen löschen.

Ich besuche das Bestattungsinstitut Hanrieder in Dachau bei München. Tod und Trauer findet man hier nicht, eher Ruhe und Entspannung. Die weichen Sessel laden zum Sitzenbleiben ein und das dunkle Holz, die pfirsichfarbenen Wände und geschmackvoll drapierten Blumenbouquets erwecken eher den Eindruck, man befände sich im Wohnzimmer eines guten Bekannten. Möglicherweise fällt es Trauernden leichter, sich bei fruchtig-frischem Raumduft und gedämpftem Licht zu verabschieden, zu verarbeiten, zu trauern? Ich bin aber nicht zur Entspannung oder zum Trauern hier, sondern wegen Informationen über die Daten der Toten.

SPIESSER: Herr Hanrieder, Sie sind also ein „digitaler Bestatter“?

Ralf Hanrieder: Ich? Ein digitaler Bestatter? Nein, sicher nicht! Was soll denn das überhaupt genau sein? Diese Bezeichnung klingt zwar gut, aber niemand weiß, was ein digitaler Bestatter genau macht. Das kann unter Umständen auch zu unseriösen Geschäften führen, bei denen die Trauer der Angehörigen ausgenutzt wird. Deshalb distanziere ich mich von diesem Begriff. Zu meinem Beruf als Bestatter gehört nun mittlerweile auch die Verwaltung von digitalem Nachlass. Diese Bezeichnung passt am besten!“


Seit Anfang des Jahres verwaltet Ihr Bestattungsinstitut und der digitale Nachlassdienst Columba die Spuren, die Verstorbene zu ihren Lebzeiten im Internet hinterlassen haben. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Dem Gründer von Columba, Oliver Eiler, ist folgendes Problem aufgefallen: Wie gehen wir mit den Daten von Verstorbenen seriös und überlegt um? Die vielen Spuren, die wir im Internet bei PayPal, Google Mail, Facebook oder Amazon hinterlassen, sind wertvoll und sollten nicht in falsche Hände geraten. Stellen Sie sich außerdem den Image-Schaden für ein Unternehmen vor, das Glückwunschkarten an tote Menschen versendet – wie soll es auch vom Tod des Kunden erfahren? Deshalb arbeitet Columba seit Anfang des Jahres mit verschiedenen Bestattungsinstituten zusammen, um den digitalen Nachlass strukturiert verwalten zu können.

Wie funktioniert diese Verwaltung der Spuren im Netz genau?

Wir haben mit verschiedenen Unternehmen einen gemeinsamen Server. In diesen geben wir den Namen des Verstorbenen ein und sehen auf einem sogenannten „Report“, auf welchen Seiten er tätig war. Die Angehörigen können dann entscheiden, wie sie mit diesen Informationen umgehen wollen: Was passiert mit dem Amazon-Konto und soll das Facebook-Profil gelöscht werden? Wir versuchen so, auf die speziellen Wünsche der Hinterbliebenen einzugehen.

Eine Gutschrift auf dem Amazon-Konto, das Facebook-Passwort, heimlicher Besucher einer Erotik-Website. Wie gehen Sie mit diesen teilweise sehr intimen Informationen um?

Natürlich weisen wir die Angehörigen auf etwaiges Geld im anonymen Netz hin, das dem Verstorbenen zusteht. Als Bestatter weiß ich, wie wichtig Sensibilität und Diskretion sind. Daher habe ich keinen Einblick in die Passwörter, sie werden direkt von Columba an die Verbliebenen weitergeleitet. Außerdem muss eine Witwe beispielsweise nichts von der Erotik-Website erfahren; sie kann vorher angeben, welche Informationen sie bekommen möchte. 

Warum kümmert sich die Familie nicht selbst um den digitalen Nachlass?

Durch den Tod eines geliebten Menschen ist erst mal nichts mehr so, wie es einmal war. Zunächst einmal denkt in der Trauerphase kein Mensch an das Amazon-Konto oder eine Internet-Gutschrift. Zudem ist vielen Trauernden nicht bewusst, wie aktiv der Verstorbene im Internet war. Für diese Fälle sind wir gewappnet und können in dieser Phase die Trauernden unterstützen.

Übrigens:

Das komplette Online-Schutzpaket kostet 249 Euro. Es gibt aber auch andere Pakete für 49 Euro, die man ganz individuell upgraden kann. So wie Ralf Hanrieder mir das alles erklärt, könnte es auch um einen Handyvertrag gehen. Vor- und Nachteile, Privatsphäre, Kosten und Nutzen... Für ihn ist es ein Geschäft. Und für viele Angehörige von Verstorbenen wahrscheinlich trotzdem eine große Hilfe, sich nicht selbst durch die digitalen Hinterlassenschaften wühlen zu müssen.

 

Text und Fotos: Julia Mayer
 


 

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Kommentare

Vier Kommentare
  • An Mae und Mitro, vielen Dank für euer Lob. Darüber freue ich mich sehr.
    Little Sunshine, du hat eigentlich recht. Mit dem Tod eines Menschen kommen so viele Dinge auf einen zu, da ist das Internet erstmal wirklich egal. Aber (und das habe ich während des Interviews gemerkt) sind wir im Internet so präsent, dass man sich um diese "zweite Identität" irgendwann auch kümmern muss ..

  • An so etwas denkt man als Lebender garnicht! Wieder etwas schlauer! Danke für den Artikel....sagt die Omi von mitro!!

  • sehr interessanter Artikel :)
    Mae

  • an was man alles denken muss bei einer Beerdigung.
    Ich glaube mir wäre es erst mal egal, was der oder die Verstorbene im Internet gemacht hat.
    Ich würde mich erst viel später darum kümmern....

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