Meinung

Dem Monster in den Rachen schauen

Theater gilt als staubig, altbacken und langweilig. Kurz gesagt: Es ist out. Vor allem bei Leuten wie mir – jungen Menschen. Angeblich. Denn ich kann es nur empfehlen.

16. August 2018 - 13:11
SPIESSER-AutorIn Pinguin von Nebenan.
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Pinguin von Nebenan Offline
Beigetreten: 31.05.2017

Schon mal zweitausend meterlange Schnüre nebeneinander aufgespannt gesehen? Schon mal eine zwölfminütige Tirade über Facebook-Scheiße gehört? Schon mal zusammen mit hundert anderen Menschen klaglos akzeptiert, dass dieser Stein sowohl ein Radio als auch ein Stück Käse ist? Im Theater kann ein Stuhl jeder erdenkliche Gegenstand sein. Stellt euch vor, ihr würdet beim Mittagessen mit der Familie plötzlich so tun, als seien die Stühle Hochhäuser und niemand würde sich darüber wundern. Unmöglich? Im Theater nicht. Ein Saal mit vierhundert Menschen akzeptiert in Sekundenschnelle, dass diese Flasche ein Baum ist. Mal ehrlich, ein bisschen wunderbar ist das schon.


Geplant, geprobt und trotzedem „echt“ – Theater geschieht
im Moment des Geschehens.
Foto: D'haus, Ein Käfig ging
einen Vogel suchen, Arno Declair

Wahrscheinlich warst du schon mal mit der Schule im Theater und hast dir dort, passend zur Lektüre, Goethes „Faust“ oder gar „Die Leiden des jungen Werther“ angesehen. Schon hat man keine Lust mehr auf Theater. Aber wie viele schlechte Filme hat man im Kino gesehen? Und dennoch ist das Medium Film damit nicht sofort abgeschrieben! Genauso ist es mit Theater. Es gibt viele verschiedene Genres, genau wie beim Film. Für jeden ist also etwas dabei.

Das Besondere beim Theater allerdings: Jedes Stück ist anders und das Stück selbst ist auch jeden Abend anders. Jeder Theaterabend ist quasi ein Einzelstück, wahre Handarbeit sogar. Das kann ich bezeugen, denn ich habe ein Jahr lang, also für eine ganze Spielzeit, im Theater mitgearbeitet und zwar im Rahmen eines FSJ Kultur.

Ungeheuerlich!

Das (Stadt)Theater ist wie ein riesiges Tier. Wenn man ins Theater geht, nimmt man quasi auf seiner ausgestreckten Zunge Platz, der Vorhang geht auf und man darf ihm für zwei oder drei Stunden in den Rachen schauen. Dir wird präsentiert, woran viele Menschen wochenlang gearbeitet haben. Was sie im wahrsten Sinne des Wortes durchgekaut und ins Hier und Jetzt gebracht haben – sogar die ältesten Stücke. Die vielen Abteilungen arbeiten zusammen wie Organe. Viele davon vor allem im Vorhinein, also bei den Vorbereitungen und Proben. Aber auch während des Stückes sind viel mehr Menschen aktiv als auf der Bühne sichtbar.


Für Autorin Lea ist Theater „quasi 4D“. Foto: Schauspiel
Frankfurt, Kampf des Negers und der Hunde, Arno Declair
Mehr als nur live

Ja, Theater ist geprobt und zum Großteil geplant. Es werden Lichteffekte, Kostüme, Schminke und Technik benutzt. Warum nenne ich es also dennoch „echt“? Weil du in dem Moment wirklich mit allem, was du siehst, in einem Raum sitzt. Der Mann, der da vorne seit 20 Minuten von einer Seite zur anderen rennt, tut das wirklich. Jetzt. Wenn man nah genug ran geht, kann man ihn schwitzen sehen. Jeder Versprecher, jedes Stolpern, alles ist unmittelbar und nicht mehr rückgängig zu machen. Theater ist quasi 4D.

Auch deine Reaktionen und die ganze Stimmung im Raum haben Einfluss auf das Gespielte. So veränderst du durch deine Anwesenheit jeden Abend ein klein wenig den Ablauf des Stückes. Keine Lacher? Der Schauspieler wird vielleicht etwas nervös oder versucht zum Beispiel übertriebener zu spielen. Vielleicht fällt ihm auch genau in dem Augenblick etwas ein, was er vorher noch nie gemacht hat. Publikum und Schauspieler beeinflussen sich gegenseitig.


Bunt und schrill wird es in der Welt des Theaters oft. Foto:
Schauspiel Frankfurt, Der alte Schinken, Felix Grünschloß

Was mich am Theater so begeistert, ist, dass trotz all dieser „Echtheit“ ein sehr großer Teil des Stückes im Kopf aller Beteiligten stattfindet. Im Theater kann ein rotes Tüchlein klarer und schmerzhafter wirken, als eine lebensechte Fleischwunde in der Nahaufnahme.

Theater macht den Kopf frei

Im Theater wird klar, wie viel Platz da im Kopf noch ist. Für neue Gedanken, eigenartige Ideen und Fantasie. Denn Theater kann Geschichten auf viele verschiedene Weisen erzählen, politische Aussagen treffen, ein Loblied anstimmen oder einfach unterhalten. Oft geht man raus und hat viel mehr Fragen als vorher. Viele Leute mögen das nicht. Diese Offenheit, diese Unklarheit. Genau dadurch ist aber genug Freiraum für unsere eigene Meinung. Man kann sich über Stücke freuen, wundern, darüber streiten oder sie einfach scheiße finden.

Ich persönlich bin froh, Theater für mich entdeckt zu haben und es würde mich freuen, wenn ich zukünftig mit mehr Menschen meines Alters im Saal sitzen würde. Denn wir brauchen andere Sichtweisen und ungewöhnliche Ideen, nicht die handelsüblichen Hollywood-Abläufe. Das Theater ist dafür ein gutes Labor, ein guter Anfang.

 

Text: Lea Massel
Teaserbild: Emilia Galotti, Schauspiel Frankfurt, Foto: Thomas Aurin

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Kommentare

Zwei Kommentare
  • Danke, Lea, dass du deine Gedanken zum Theater für die SPIESSERchen verschriftlicht hast. Ich selbst bin schon länger am Theater aktiv und weiß genau, wie das mit den theater-, ach nein, kulturverdrossenen Jugendlichen so ist. Schade. Bleibt zu hoffen, genau, dass immer mehr Menschen sich dafür interessieren. Einen ersten Schritt in diese Richtung hast du mit diesem Beitrag auf jeden Fall schon getan!

  • Danke, dass du deine Begeisterung so fühlbar gemacht hast und teilst. :)

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