Ein Leben mit der Angst

Der schmale Grat

Wovor ich Angst habe: „dick zu sein“. Was ich liebe: „Ziellinien zu durchbrechen“. Ein 19-jährige SPIESSER-Leser berichtet von seiner Krankheit:

30. Oktober 2015 - 13:31
SPIESSER-Redakteurin Onlineredaktion.
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Beigetreten: 25.04.2009

Mein Herz pocht. Sengende Hitze lässt mich schwitzen. Mit letzter Kraft versuche ich den letzten Anstieg, die letzten zwei Kilometer zu bewältigen. Das ist das letzte Mal. Ich verspreche es.

Ich bin weder Spitzensportler, noch bereitet mir mein Treiben besonders Spaß. Aber ich bin krank. Meine Krankheit äußert sich nicht in Fieber oder Atemnot. Im Gegenteil. Sie treibt mich zu Höchstleistungen an. Ob spätabends, in glühender Hitze oder in eiskalten Morgenstunden. Täglich bringe ich meinen Körper mit maßlosen Laufeinheiten an den Rand des Erträglichen – um dünn zu bleiben.

Mit meiner Sucht nach Sport habe ich nicht das Ziel, bei Olympia zu gewinnen. Das wäre angesichts meiner spärlichen Ernährung auch ausgeschlossen. Mittlerweile hat es sich gebessert. Aber zu Tiefzeiten führte ich meinem Körper nicht annähernd genügend Kalorien zu. Und das mitten in der Wachstumphase inklusive einem harten Sportprogramm. Wachstum ist der Grund für meine Sportsucht – Angst vor dem Wachstum in die Breite.

Angefangen hat mein krankhafter Schlankheitswahn während der Pubertät. Ich sei moppelig, wurde mir gesagt, während meine Freunde ihre Sixpacks im Schwimmbad vorführten. Anfangs war mir das egal. Essen hat mir Freude bereitet. Warum sich das schlagartig geändert hat, weiß ich nicht. Nur der Zeitpunkt ist mir noch genau in Erinnerung geblieben: Als ich mich zum ersten Mal im Fitnessstudio anmeldete.

Ich steigerte meine Einheiten auf dem Laufband von Tag zu Tag. Zwanzig Minuten, fünfundzwanzig, vierzig, sechzig. Zweimal die Woche, viermal, sechsmal. Die Kilos purzelten. Anfangs zumindest. Irgendwann muss ich wohl das Maß erreicht haben, das noch gesund für den Körper ist. Aber ich wollte noch mehr Gewicht verlieren. Das ging nur, indem ich bei der Ernährung einsparte.

Prof. Dr. Höll: „Die Angst vor dem Dick sein ist ein Teilsymptom der Anorexie (Magersucht) und ist genauso wie andere Phobien eine psychotherapeutisch behandelbare Angst.“
 

Das Mittagessen wegzulassen war einfach. Die mittlere Tageszeit überbrückte ich eben mit einer Laufeinheit. Ein frühes Abendessen danach ließ mich den oft unerträglichen Hunger aushalten. Dabei merkte ich nicht, wie mein Gewicht immer weiter fiel. Familie, Freunde, immer mehr Leute machten ihrer Sorge Luft.

Mein Charakter erlebte in dieser Zeit eine 180-Grad-Wende. War ich früher bekannt als der Klassenclown, wich dem eine ständige Ernsthaftigkeit, ja sogar Gereiztheit. Ich konnte nicht mehr entspannen, überlegte, wie ich meine Laufeinheiten integrieren konnte und wo ich ein Abendessen einsparen konnte. Meine Familie verzweifelte. Nicht nur, dass die unendliche Sorge um mich und meinen Körper wuchs. Auch war die Freude darüber nicht groß, dass ich mit meiner Suche nach der energieärmsten Ernährung auch den heimischen Essensplan zu diktieren versuchte.

Prof. Dr. Höll: „Es ist gut, dass Freunde und Familie den Betroffenen ansprechen. Gerade bei Anorexie kann das Leben retten.“

In dieser Zeit hat mir meine Familie bewiesen, dass sie hinter mir steht. Das war nicht einfach für sie. Bei meinen Freunden war das leider anders – ich kann es nachvollziehen. Denn wollte man sich mit mir zum Essen verabreden, kam ich mit – bestellte aber höchstens den Salat mit Essig und ohne Öl. Mal ein Bier mit mir zu trinken? Unmöglich. Dazu kam die körperliche Lethargie. Denn außer für mein Lauftraining, konnte ich mich zu keiner körperlichen Aktivität motivieren. Kein Wunder – denn mein Körper war ausgezehrt bis an den Rand des Möglichen.

Doch es geht bergauf. In stundenlangen Gesprächen mit meinen Eltern habe ich begriffen, dass ich mich entscheiden muss: Therapie oder endlich Vernunft ergreifen. Es ist kein einfacher Weg und er ist noch lange nicht vollendet. Aber ich entschied mich für die vernünftige Variante. Mittlerweile treffe ich meinen schmalen Grat zwischen Sport und korrekter Ernährung von Tag zu Tag besser. Aber immer noch ist es mir wichtig, genau über die Zusammensetzung meiner Ernährung Bescheid zu wissen. Angenehm ist das für meine Umwelt nicht immer – aber ich werde gelassener.

Ich bin sicher, dass auch mein Körper unter dieser Wandlung gelitten hat. Doch heute kann ich mit einer ausgewogenen Ernährung und einem abgespeckten Sportprogramm stolz auf meinen Körper sein. Und dieses Selbstbewusstsein ist Gold wert.

Den Berg erklimme ich übrigens immer noch. Doch im Gegensatz zu damals weiß ich, mein Sportprogramm auszusetzen, wenn die Sonne mich fast erschlägt. Denn Spaß und Sport – diese beiden Dinge sind für mich heute untrennbar miteinander verbunden.

Wer Prof. Dr. Höll ist, erfahrt ihr hier.

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