Frühling 2019: Feminismus

Der Weg zur Gleichberechtigung – große Unterschiede, große Hürden

SPIESSER-Autorin Valentina hat einen Blick auf den globalen Stand der Gleichberechtigung geworfen und dabei zwölf Länder anhand von drei zentralen Indikatoren miteinander verglichen. Interessante länderspezifische Fakten hat sie ebenfalls parat. Hättet ihr's gewusst?

25. März 2019 - 16:39
SPIESSER-AutorIn Valentina Schott.
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Valentina Schott Offline
Beigetreten: 13.10.2017

Die Zahlen zeigen den prozentualen Frauenanteil an Sitzen in nationalen Parlamenten. Die Legislative (das Parlament) wird normalerweise von der ganzen Bevölkerung gewählt und sollte diese deshalb so gut wie möglich repräsentieren. Deshalb soll im Rahmen der „Sustainable Developement Goals“ in allen Staaten bis 2030 ein Prozentsatz von 50% erreicht werden, d.h. die Hälfte aller Abgeordneten sollte weiblich sein. Ein Wert, der bei der heutigen Situation noch utopisch scheint.

Die Anzahl der Menschen, die nicht lesen und schreiben können, sinkt; doch noch immer ist der Anteil der Analphabetinnen höher. Im Durchschnitt stellen sie zwei Drittel der schreib- und leseunkundigen Bevölkerung dar. Besonders Frauen in Nordafrika und Westasien haben keinen Zugang zu Schuleinrichtungen. Keine Bildung heißt häufig: keine Arbeit, keine Unabhängigkeit, keine Perspektive.

Gleiche Arbeit, gleicher Lohn! …Oder? Noch immer klafft die sogenannte „Gender Pay Gap“ zwischen den Gehältern männlicher und weiblicher Arbeitskräfte. Die unterschiedliche Einkommenshöhe von Frauen basiert auf einer Vielzahl von Ursachen, z. B. auf der Wahl von „typisch weiblichen“ (= in der Regel schlechter bezahlten) Berufen oder dem Ausfall am Arbeitsplatz durch den Mutterschutz.

Weder unsere drei Kategorien noch die aktuelle Rankingliste des Global Gender Gap Report 2017 können ein vollständiges Bild der Gleichberechtigung der Geschlechter zeichnen. Nur weil Ruanda unter den Top Ten der Gleichstellungsskala ist, heißt es nicht, dass Frauen in dem zentralafrikanischen Land ein besseres Leben führen als in Deutschland. Trotz fortschrittlicher öffentlicher Maßnahmen für eine bessere Stellung der Frau in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft existieren häusliche Gewalt, schlechte Bildung und patriarchalisches Denken häufig weiter.

Deutschland

Die Bundestagswahl 2017 war ein Rückschlag für den positiven Trend zur Angleichung der Frauen- und Männersitze im Parlament. Wegen der männerlastigen Parteien AfD und FDP schrumpfte die Quote weiblicher Abgeordneter um 6% auf 30,9%. Auch in Sachen „Angleichung von Einkommensunterschieden“ kann Deutschland weder im globalen und noch weniger im europäischen Vergleich glänzen. Trotz der 2016 eingeführten Frauenquote für Aufsichtsräte großer Unternehmen hat sich wenig an der Bevorzugung von Männern in der Wirtschaft geändert. Aufgrund der traditionell hohen Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt in der ehemaligen DDR, haben die neuen Bundesländer in diesem Aspekt die Nase vorn.

Frankreich

Französin, Mutter und Geschäftsfrau zugleich – perfekt geschminkt, die rot glänzende Aktentasche auf dem Kindersitz abgestellt. Gegen dieses Idealbild der „femme“ wehren sich jetzt immer mehr Frauen und entscheiden sich entweder für das eine oder das andere: Kind oder Karriere. Von Seiten der Politik indessen wird ihnen der Rücken gestärkt: Macron versprach in seinem politischen Programm für die neue Legislaturperiode Elternzeit für alle und sagt der Gewalt gegen Frauen und dem Sexismus den Kampf an. So wurden zum Beispiel der Straftatbestand „sexuelle Beleidigung“ sowie Anlaufstellen für Opfer sexistischer Gewalt eingeführt.

Finnland

Wie auch seine Nachbarstaaten Schweden und Norwegen hat Finnland in Sachen Parität (Gleichstellung) die Nase vorn. Nicht ohne Grund belegt es im offiziellen Global Gender Gap Ranking Platz 3 hinter Island und Norwegen. Schon im letzten Jahrhundert war Finnland mit dem im Jahre 1906 eingeführten passiven und aktiven Frauenwahlrecht und ein Jahr später den ersten weiblichen Abgeordneten im Parlament Pionier. Um nicht nur im eigenen Land den Weg zur Gleichstellung zu ebnen, sondern auch Initiativen weltweit zu fördern, schrieb das skandinavische Land zum Internationalen Frauentag 2017 einen Preis für Gender-Gleichstellung aus. Das Projekt des Gewinners soll durch finanzielle Unterstützung gefördert werden.

Albanien

Während in manchen Ländern Frauen die „Männerberufe“ verwehrt bleiben (siehe Russland), bewältigen Mütter und Töchter in Albanien auch häufig körperlich harte Arbeit – neben der Kinderbetreuung und der Haushaltsführung. Denn während des Kommunismus galt auch für Frauen die Arbeitspflicht.

Besonders in der Gebirgsregion Nordalbaniens wird in den Familien immer noch der Vater als Oberhaupt gesehen, der über das Wohl und manchmal auch über das Leben seiner Ehefrau entscheidet. Fast 60% der Frauen geben an, schon einmal Opfer häuslicher Gewalt gewesen zu sein und dennoch laufen für Albanien seit September 2018 die Beitrittsgespräche zur Europäischen Union.

Ruanda

Sicher ist Ruanda kein guter Repräsentant für die Region Zentralafrikas, denn das kleine Land hebt sich mit seinen exzellenten Werten deutlich von den Nachbarstaaten ab. Mit mehr als 60% der Frauen im Parlament führt es sogar in dieser Kategorie die Weltrangliste an und auch hinsichtlich der wirtschaftlichen Stellung ist Ruanda im Ländervergleich unter den Top Ten. Doch die Erfolgsgeschichte der Gleichberechtigung hat einen traurigen Hintergrund: nach dem 100-tägigen Völkermord in Ruanda Anfang 1994, in dem gezielt Männer umgebracht wurden, waren ca. 70% der Bevölkerung weiblich. Sie bauten das Land wieder auf, indem sie die Posten in Verwaltung, Wirtschaft und Politik einnahmen.

USA

Nicht einmal ein Fünftel der Sitze im Parlament, ein sexistischer Präsident und Abtreibungsgegner in der Justiz: die rückschrittliche Entwicklung in den USA lässt Frauen um ihre in den letzten 40 Jahren hart erkämpften Rechte bangen. Doch waren es auch viele weiße Frauen (53%), die sich 2016 für Trump aussprachen – und gegen Hilary Clinton, die mit einem verbesserten Mutterschutz und ihrer Forderung nach „equal pay for equal work“ die frauenfreundlicheren Wahlversprechen hatte. Doch die USA können auch anders: im Jahr 2017 wurde die durch die afroamerikanische Aktivistin Tarana Burke ins Leben gerufene #MeToo-Bewegung, die Frauen in der Entscheidung bestärken soll, sexuelle Belästigung und Übergriffe publik zu machen, zu einem Riesenerfolg.

Mexiko

Die aufgeführten Zahlen (die im Ländervergleich im Mittelfeld liegen) können nicht wirklich die Situation mexikanischer Frauen abbilden. Häusliche Gewalt, Vergewaltigungen, Entführungen, Mord – mit diesen Verbrechen an Frauen taucht Mexiko seit 2006 immer wieder in den internationalen Schlagzeilen auf. Seit 2011 steht der Feminizid, also der gezielte Mord an Frauen, unter Strafe. Doch die Gewalttaten, die sich besonders im familiären Umfeld abspielen, bleiben oft hinter verschlossenen Türen. Oft wird den Frauen vorgeworfen, sie provozierten selbst die Verbrechen durch aufreizendes Auftreten, so zum Beispiel im Fall der 19-jährigen Mara Castilla, die von einem Taxifahrer entführt und vergewaltigt wurde.

Peru

Doppelte Diskriminierung – mit diesem Phänomen werden indigene Frauen in Peru täglich konfrontiert. Neben Armut, geringer Repräsentation in Politik und Wirtschaft und fehlendem Zugang zu Bildung leiden Frauen auch unter häuslicher und sexueller Gewalt, die in vielen Fällen zu ungewollter Schwangerschaft und nicht selten zur Verstoßung aus der Gemeinschaft führt. Die in Argentinien entstandene Frauenbewegung „Ni una menos!“ (spanisch für „Nicht eine (Frau) weniger!“), die mittlerweile in ganz Lateinamerika Anhängerinnen gefunden hat, macht vor allem am Weltfrauentag auf diese Missstände aufmerksam.

China

Die Ein-Kind-Politik wurde 1980 von der kommunistischen Partei China als Reaktion auf das explosionsartige Bevölkerungswachstum in der Republik eingeführt. Die Folge? Paare wünschten sich einen männlichen Nachfolger, Töchter wurden häufig kurz nach ihrer Geburt getötet. War ein zweites oder drittes Kind unterwegs, mussten Frauen abtreiben und sich sterilisieren lassen. Der immense Druck, der auf Ehefrauen, Müttern und Schwiegertöchtern lastet, spiegelt sich nicht zuletzt auch in der Selbstmordrate wieder: China ist das einzige Land, in dem mehr Frauen als Männer Suizid begehen.

Russland

„Die Fortpflanzungsfähigkeit der Frau muss geschützt werden.“ Das ist die offizielle Begründung dafür, dass Frauen in Russland zum Beispiel nicht Metallgießerin, Holzfällerin, Steinmetzin oder Lokführerin werden können. Die Liste mit über 450 verbotenen Berufen für Russinnen stammt noch aus Zeiten der Sowjetunion und spiegelt immer noch den traditionellen und patriarchalischen Charakter des Landes wieder. Dennoch oder gerade deswegen gibt es feministische Bewegungen, die auf die frauenfeindliche Politik Putins aufmerksam machen wollen. Prominentes Beispiel ist seit 2012 die feministische Punkband Pussy-Riot, deren Markenzeichen schrille Kleidung und gehäkelte Kampfmasken sind.

Türkei

Wie geht es Frauen in einem Land, in dem das Staatsoberhaupt die Gleichberechtigung der beiden Geschlechter als „unnatürlich“ bezeichnet? Der türkische Präsident Erdoğan rechtfertigt seine Position gegen die Gleichstellung von Mann und Frau mit der Mutterrolle, die der Islam für Frauen vorsehe. Auch könnte aus rein physischen Gründen das „schwache Geschlecht“ nicht die gleiche Arbeit wie Männer verrichten. Mit diesen Worten provozierte Erdoğan die wütende Reaktion internationaler Frauenrechtsverbände. Mit dem Hashtag #kadinerkekesittir (Frauen und Männer sind gleich) riefen letztere zu mehreren Demonstrationen auf.

Saudi-Arabien

Im Jahr 2017 machte das westasiatische Land Schlagzeilen, als es endlich das Fahrverbot für Frauen aufhob. Auch im internationalen Vergleich machte Saudi-Arabien hinsichtlich des Frauenanteils im Parlament in den letzten Jahren einen großen Sprung nach oben. Durch die Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts 2015 stieg der Anteil von 0% (2010) auf fast 20% (2015) an. Auch in Sachen Bildung und im Bereich der Wirtschaft gleicht sich das islamisch-konservative Land seinen westlichen Handelspartnern an. Doch dass das Umdenken nicht von jetzt auf gleich geschieht, spiegelt sich in der Verhaftung von sieben Frauenrechtlerinnen im Juni 2016 wider. Ebenfalls besteht das Vormundschaftsgesetz weiterhin und hindert Frauen am selbstständigen Reisen und Arbeiten.

 

Text: Valentina Schott
Grafiken & Teaserbild: Lena Schulze

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