Schwerpunkt

Deutsches Erdöl: aus dem Wattenmeer in den Tank

Erdöl kommt nicht immer aus fernen Ländern. Auch vor der deutschen Nordseeküste wird Öl gefördert. SPIESSER-Autor Khaled zeichnet den Weg des Öls nach.

26. November 2010 - 17:41
von SPIESSER-Autor Khaled Awad.
Noch keine Bewertungen
Khaled Awad Offline
Beigetreten: 24.11.2010

Die Bohrinsel Mittelplate in Wattenmeer vor der Nordseeküste. Foto: Southgeist / http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de

Mittelplate heißt das Gebiet im Wattenmeer vor Schleswig-Holstein, in dem 65 Prozent der deutschen Ölvorkommen lagern, deren Förderung wirtschaftlich lohnenswert ist. Mit zurzeit 1,4 Millionen Tonnen gefördertem Öl pro Jahr ist Mittelplate die wichtigste Ölquelle Deutschlands. Insgesamt werden allerdings nur etwa drei Prozent des jährlich in Deutschland verbrauchten Öls in Deutschland gefördert.

Großes Misstrauen

Nach den Ereignissen im Golf von Mexiko ist das allgemeine Misstrauen gegenüber Bohrinseln groß. Da lässt eine Bohrinsel, die mitten im Wattenmeer, einem einzigartigen und geschützten Ökosystem, steht, Skepsis aufkommen. Zumal eine sieben Kilometer lange Ölpipeline von der Bohrinsel mitten durchs Watt zum Festland verläuft.

Seit der Explosion auf der Plattform Deepwater Horizon am 20. April 2010 und der anschließenden Ölpest im Golf von Mexiko ist die Skepsis gegenüber Ölbohrungen im Meer gewachsen. Foto: US Coast Guard 

Derek Möscher, Pressesprecher von RWE Dea, verweist darauf, dass Mittelplate von Greenpeace als Beispiel für „naturbewussten Rohstoffabbau“ herangezogen werde. RWE Dea betreibt die Bohrinsel zusammen mit der Firma Wintershall. Tatsächlich sind die Sicherheitsvorkehrungen hoch: Mittelplate ist mit einem festen Betonfundament ausgestattet. So thront die Förderanlage wie eine Festung im Wattenmeer und hält den Gezeiten stand. Auch wenn Spritzwasser und Regen auf die Bohrinsel treffen, gelangt keinerlei Ölgemisch ins Watt. Denn alles Wasser, das auf die Bohrinsel kommt, wird aufgefangen und an Land zur Wiederaufbereitungsanlage Diecksand transportiert. Hinzu kommt, dass der Bohrer ein elektrisch betriebener sanfter Riese ist, der keine Abgase ausstößt, kaum Lärm macht und somit die Tiere im Nationalpark Wattenmeer nicht stört.

„Unterirdischer Zuckerwürfel“

Doch woher wussten die Betreiber der Plattform überhaupt, dass es sich lohnt, gerade hier nach Öl zu bohren? Exploration ist der geologische Begriff für das Erkunden von Rohstofflagerstätten – nicht nur von Erdöl, sondern auch von Erdgas, Braunkohle und dergleichen. Um Lagerstätten unter Wasser erkunden zu können, fährt man mit speziellen Schiffen auf See. Diese sind mit einer Druckluftkanone ausgestattet, mit der sie komprimierte Luft auf den Meeresgrund befördern. Die Luft erzeugt beim Aufeinandertreffen mit dem Meeresgrund Schwingungen. Je nach unterschiedlicher Beschaffenheit des sich im Boden befindlichen Materials werden sie unterschiedlich zurückgeworfen. Aus den aufgezeichneten Schwingungen lässt sich nun ein dreidimensionales Bild herstellen, das man – fast wie im Kino – mit einer 3D-Brille analysieren kann. Hier entscheidet sich ob eine Ölquelle wirtschaftlich rentabel betrieben werden.

Ob ein Lagerstätte zum Abbau geeignet ist, hängt von ihrer Beschaffenheit ab. Derek Möscher beschreibt die Lagerstätte als einen „unterirdischen Zuckerwürfel“. Zwischen den einzelnen Zuckerkörnen des Würfels ist nun das Öl gelagert. Sind die Zwischenräume groß genug, lässt sich das Öl einfach lösen – die Förderung lohnt sich.

Wie ein riesiger Wattwurm

Das Öl von Mittelplate lagert 2.000 bis 3.000 Meter unter der Erde – das entspricht ungefähr der Entfernung Hamburg–Istanbul. Der elektrische Bohrer besteht aus vielen einzelnen, neun Meter langen, beweglichen Segmenten. Wie ein riesiger Wattwurm bahnt er sich seinen Weg durch die Erdschichten. Nur fängt der Bohrer im Gegensatz zum Wattwurm nicht einfach irgendwo an zu graben, sondern wird durch sogenannte Slots, eine Art Gullideckel im Meeresgrund, langsam ins Erdreich eingeführt. So verfehlt der Bohrer nie sein Ziel.

Was passiert in der Raffinerie?

Ist das unterirdische „Ölfass“ erst einmal angezapft, wird das 60 bis 80 Grad heiße Öl durch ein sehr langes Rohr mit einer druckregulierende Pumpe an die Oberfläche befördert und nach Diecksand transportiert. Dort wird es raffineriefertig aufbereitet, das heißt: Es werden alle Fremdstoffe wie Wasser, Sand, Steine, Erdölgas und Salz vom Öl abgetrennt.

Das gereinigte Öl wird durch Pipelines teils zum Weiterverkauf nach Brunsbüttel nahe der Elbmündung und teils in die Raffinerie Heide transportiert. In der Raffinerie findet die Destillation statt. Destillation bedeutet, dass das Öl durch Erhitzen in einzelne Bestandteile zerlegt wird. Ähnlich wie kochendes Wasser verdampft das Öl, kondensiert und wird aufgefangen. Das geschieht allerdings, anders als beim Wasser, in mehreren Stadien: Das Öl wird in Bestandteile zerlegt, die sich in ihrem Flüssigkeitsgrad voneinander unterscheiden.

Die dünnflüssigste Produktgruppe sind die Leicht- bis Schwerbenzine. Daraus werden die so genannten Ottokraftstoffe gewonnen – das, was am Ende in den Tanks unserer Autos landet. In den meisten zumindest, denn einige Fahrzeuge laufen auch mit Diesel. Diesel ist ein sogenanntes Mitteldestilat und befindet sich in der Destillationskette eine Stufe unter den Leicht- und Schwerbenzinen. Bis aus dem Rohöl, das unter dem Wattenmeer lagert, der Kraftstoff geworden ist, den wir am Ende tanken, sind also viele Bearbeitungsstufen nötig.

Text: Khaled Awad
Teaserfoto: Andreas Morlok / pixelio.de

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit der Initative „MINT – Zukunft schaffen“ erstellt.

Dir gefällt dieser Artikel?

Kommentare

Sag' uns deine Meinung!
Mehr zum Thema „Tour de MINT
  • Anzeige
    Coline
    Schwerpunkt

    Musik aus keiner Hand: Ein MINT-Instrument

    Ein Instrument, das man zum Spielen nicht anfassen darf – klingt komisch, gibts aber. Was das genau ein Theremin ist, wie es funktioniert und wie man es sich selber basteln kann, erfahrt ihr hier.

  • Anzeige
    Katja Schmieder
    Schwerpunkt

    Auf Vettels Spuren: Studenten im Rennfieber

    In der Formula Student sitzen Studenten hinterm Lenkrad ihres selbstgebauten Rennwagens. Sarah-Kristin vom Team Elbflorace und Georg-Friedrich vom Team TUfast erzählen, wie bei ihnen eine Rennsaison aussieht.

  • Anzeige
    Tobit
    Schwerpunkt

    FORSCHA in München: Wenn Roboter tanzen

    Letztes Wochenende war die FORSCHA-Messe in München. SPIESSER.de-Autor Tobias hat sich dort Augen und Ohren offengehalten. Denn wo sonst kann man Roboter tanzen sehen und noch was dabei lernen?

  • Anzeige
    KieselaStein
    Schwerpunkt

    Sonnenstrahlen machen glücklich – Röntgenstrahlen retten Leben

    Diesmal macht die Tour de MINT in Hamburg Halt. Die 18-jährige medizinisch-technische Radiologieassistentin Lea aus Großenrade hat uns erzählt, was sie in ihrer Ausbildung lernt, worauf es ankommt und wie man selbst MTRA werden kann.

  • Anzeige
    Coline
    Schwerpunkt

    Schiffe verschieben

    Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sind langweilig?! Lasst euch mit einem kleinen Spiel vom Gegenteil überzeugen.

  • Anzeige
    Coline
    Schwerpunkt

    MI(N)T Migrationshintergrund punkten

    Mit Migrationshintergrund in einen MINT-Beruf – könnte das die Leiter zum sozialen Aufstieg sein?

  • Anzeige
    Bine
    Schwerpunkt

    Autorost ist Chemie

    In der Autostadt in Wolfsburg werden nicht nur Autos an ihre neuen Besitzer ausgeliefert. Gemeinsam können Schüler aller Altersklassen interessante Workshops besuchen und völlig neue Seiten an sich entdecken.

  • Anzeige
    Bine
    Schwerpunkt

    Lebendig und zum Anfassen

    Wem die Begriffe Endoplasmatisches Retikulum und DNA normalerweise einen Schauer über den Rücken jagen, der sollte sich im phaeno Wolfsburg umsehen, so wie SPIESSER.de-Autorin Bine.

  • Anzeige
    Coline
    Schwerpunkt

    Der schwere Weg zur Biotechnologie

    Lena ist 21 und studiert Biotechnologie. Bis dahin war es ein schwerer Weg. Doch sie hat sich durchgekämpft. Mit SPIESSER.de redet sie über ihre Studienwahl, die Schwierigkeiten und ihre Wünsche.

  • Anzeige
    dunkelbunt
    Schwerpunkt

    Physik lernt man doch nicht in der Schule!

    SPIESSER-Autorin Tine war beim „MäTa“, dem Techniktag für Mädchen in Rostock. Dort traf sie auf fußballspielende Roboter und Jean Pütz.

  • Anzeige
    klutti94
    Schwerpunkt

    Wie kann man Naturwissenschaften interessanter machen?

    Naturwissenschaften gelten bei vielen als langweilig und spießig. Doch gerade diese Berufe in den naturwissenschaftlichen Bereichen werden in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt immer gefragter sein.

  • Anzeige
    Zimmerpflanze07
    Schwerpunkt

    „Mikrotechnologie wird sehr gefragt sein“

    Johannes Flex ist 23 Jahre und arbeitet bei Bosch Solar Energy in Erfurt. Dort steht er am Ende seiner Ausbildung im Bereich Mikrotechnologie und erzählt, was ihn an diesem Beruf reizt.

  • Anzeige
    Bine
    Schwerpunkt

    Warten auf den Windkanal

    Ein Abitur in Luft- und Raumfahrt. Das klingt ungewöhnlich, gibt es aber seit 2006 an zwei Gymnasien in Bremen.

  • Anzeige
    Bine
    Schwerpunkt

    Wenn Meerestiere Lachgas pupsen

    Auch Lachgas kann zum Weinen bringen. Wieso wir unsere Gartenpflanzen künftig weniger düngen sollten, hat SPIESSER.de im Gespräch mit einer Biologin des Max-Planck-Institutes Bremen herausgefunden.

  • Anzeige
    epsle
    Schwerpunkt

    Durchstarten mit Fraunhofer

    Wer Karriere in einem MINT-Beruf machen möchte, ist auf der „MyTalent“-Website  und in den Nachwuchsförderprogrammen des Fraunhofer-Instituts bestens aufgehoben. SPIESSER.de-Autorin Eva hat sich auf deren Portal umgesehen und mit einer Teilnehmerin des „Talent Take Off" gesprochen.

  • Anzeige
    epsle
    Schwerpunkt

    Was hat Mathe mit Seifenblasen zu tun?

    Was genau hat World of Warcraft eigentlich mit Zahlen zu tun? Wenn es nach den Wissenschaftler bei „MathInside“ geht, eine ganze Menge. Mehrere hundert Schüler konnten sich in Berlin davon überzeugen.

  • Anzeige
    Janatorium
    Schwerpunkt

    Auf Kurs

    Roxana* arbeitet neben ihrem Studium bei der Deutschen Börse in Frankfurt am Main. Wie es dazu kam und was sie dort macht, hat sie SPIESSER.de-Autor Jan in einem Interview verraten.

  • Anzeige
    epsle
    Schwerpunkt

    Die richtige Chemie bei ThyssenKrupp

    Jan Koepernik, 21, macht bei ThyssenKrupp in Essen eine Ausbildung zum Chemielaboranten. Im Interview mit SPIESSER.de-Autorin Eva erzählt er von seiner vielfältigen Ausbildung.

  • Anzeige
    Fabienne Kinzelmann
    Schwerpunkt

    Einstein kennt man – aber wer ist bloß Mendelejew?

    Gibt es einen schlauen Kopf, eine besondere Person oder einen beutetenden Wissenschaftler, den ihr bewundert? SPIESSER.de wollte es genau wissen ...

  • Anzeige
    epsle
    Schwerpunkt

    Südwestmetall macht in MINT!

    Südwestmetall will uns  von Kindesbeinen an für Natur und Technik interessieren. SPIESSER.de-Autorin Eva hat sich die Website start2000plus.de angesehen und mit Geschäftsführer Stefan Küpper über MINT in allen Altersgruppen gesprochen.

  • Anzeige
    epsle
    Schwerpunkt

    Naturwissenschaften bis zum Abi – doof oder gut?

    Seit 2008 ist in Sachsen das Wahrheit geworden, was für viele wie der pure Alptraum klingt: Die Naturwissenschaften – Physik, Chemie, Biologie – müssen bis zum Abitur belegt werden. Wahlmöglichkeiten gibt es nicht mehr. Doch wie finden das die, die es etwas angeht? SPIESSER.de-Autorin

  • Anzeige
    Onlineredaktion
    Schwerpunkt

    Bettina und die Wirtschaftsinformatik

    Bettina, 22, studiert an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mannheim Wirtschaftsinformatik. Das Studium umfasst neben den Theoriephasen im dreimonatigen Wechsel Praxisphasen beim Software-Riesen SAP in Walldorf.

  • Anzeige
    epsle
    Schwerpunkt

    Zwei Studenten – gleiche Gedanken?

    Autos, Autos, Autos – und zwei junge Studenten aus Baden-Würrtemberg stecken bei Daimler Stuttgart mittendrin. Michael Schalk, Student der Inormationstechnik, und Daniela Oefele, angehende Wirtchaftsingenieurin, machen beide ein duales Studium bei der BA Stuttgart – ihre Praxisphasen

  • Anzeige
    Lilientiger
    Schwerpunkt

    Mein Roboter schmeißt den Haushalt

    Wird unsere Welt in Zukunft von Robotern regiert? SPIESSER.de traf Doktor Rashid Nawaz und Diplom-Ingenieur Christoph Lehmann von der Fakultät für Maschinenbau, Verfahrens- und Energietechnik der TU Freiberg. Die beiden arbeiten für das Institut für Automatisierungstechnik im Bereich Robotik.

  • Anzeige
    gelöschter Nutzer
    Schwerpunkt

    Superschnell in Leipzig

    Er hat den Job, von dem viele Jungs träumen: Andreas Spichalski ist mit 27 Jahren der jüngste Ingenieur im Porsche-Werk Leipzig.SPIESSER.de Autorin Melanie hat ihn über seine Arbeit ausgequetscht.

  • Anzeige
    Lilientiger
    Schwerpunkt

    "Kinder sind kleine Lernmaschinen"

    Alle sächsischen Abiturienten müssen die MINT Fächer bis zum Abi belegen. SPIESSER.de fragte den sächsischen Staatsminister für Kultus und Sport, Professor Doktor Wöller, warum das so wichtig ist.

  • Anzeige
    Lilientiger
    Schwerpunkt

    Mein Auto hat keine Abgase

    Leonardo diCaprio hat eins und alle anderen vielleicht auch bald: Ein Hybridauto. SPIESSER.de Autorin Larissa hat mit Hakim Halimi, Product Planer bei Toyota, gesprochen und sich die Hybridtechnik erklären lassen:

  • Anzeige
    donka
    Schwerpunkt

    Talente gesucht!

    Die Deutsche Telekom hat die Un-Konferenzen „Technology meets Talent“ ins Leben gerufen, eine Veranstaltungsreihe, bei der junge Technik-Interessierte mit erfahrenen Experten zusammenarbeiten. SPIESSER.de-Autorin Katrin hat sich auf einer dieser Konferenzen umgesehen.

  • Anzeige
    gelöschter Nutzer
    Schwerpunkt

    Eine Liebeserklärung an die Dampfturbine

    Gute Bezahlung, frauenfreundliches Arbeitsumfeld, Auslandserfahrungen:  Mechatronik-Ingenieurin für Turbo-Antriebe bei MAN in Oberhausen,  Angela Lohberg, erklärte im Interview mit Spiesser-Autor Moritz, warum für sie Weihnachten nicht immer auf den 24. Dezember fällt.

  • Anzeige
    Westerngitarre
    Schwerpunkt

    Ein vollautomatischer Frühstücksapparat

    Alle reden von "neuster Technik". Wir haben uns umgehört. Was sollte denn endlich mal erfunden werden?