Kinofeeling

Deutschstunde

Während des zweiten Weltkrieges verbietet das Nazi-Regime expressionistische Kunst. Der Maler Max bekommt die Botschaft von seinem Freund und Dorfpolizisten Jens überbracht – und ein erbitterter Streit entwickelt sich. Mittendrin: Jens‘ Sohn Siggi, der auch das Patenkind von Max ist. „Deutschstunde“ zeigt, wie es den kleinen Siggi innerlich zerreißt. SPIESSER-Autorin Dana hat den Film für euch angeschaut.

09. Oktober 2019 - 13:58
SPIESSER-AutorIn Dana Marie.
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Dana Marie Offline
Beigetreten: 01.07.2019

Worum geht’s?

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs soll der junge Erwachsene Siggi Jepsen in einer Strafanstalt einen Aufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ schreiben. Er gibt ein leeres Heft ab – nicht, weil ihm nichts einfällt, sondern weil er darüber zu viel zu sagen hat. Die Folge: Isolationshaft und der Aufsatz als Strafarbeit. Dann beginnt Siggi doch zu schreiben – und füllt ganze Bücher mit Erinnerungen aus seiner Kindheit: Als Siggi elf Jahre alt ist, überbringt sein Vater, Dorfpolizist Jens Ole Jepsen, seinem alten Freund Max Ludwig Nansen ein Malverbot. Dessen expressionistische Werke werden vom Nazi-Regime als „krank“ angesehen. Max malt aber heimlich weiter und stiftet dann sogar den kleinen Siggi zum Mitmachen an. Gleichzeitig wird Siggi von seinem Polizisten-Vater beauftragt, zu überwachen, ob Max sich an das Malverbot hält. Zu wem ist Siggi loyal? Zu seinem Vater, der die Befehle aus Berlin pflichtbewusst durchsetzt? Oder zu Max und seiner Frau Ditte, bei denen er die Zuneigung und Wärme erfährt? Der Film basiert auf dem Erfolgsroman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz aus dem Jahr 1968.

Wer spielt mit?

Der junge Siggi wird von Levi Eisenblätter gespielt, der ältere von Tom Gronau. Dass mit Siggi etwas nicht stimmt, sowohl im Kindesalter als auch als Erwachsener, bringen beide Schauspieler von Minute eins an rüber. Ulrich Noethen verkörpert Jens Ole Jepsen, den pflichtbewussten Dorfpolizisten. Noethens Filmografie reicht von „Comedian Harmonists“ über den „Tatort“ bis hin zu „Das Tagebuch der Anne Frank“. Theater- und Filmschauspieler Tobias Moretti („Das Finstere Tal“) gibt den Maler Max Ludwig Nansen und Johanna Wokalek („Die Päpstin“, „Der Baader Meinhof Komplex“) seine Frau Ditte. Maria Dragus bleibt als Siggis große Schwester Hilke in Erinnerung. Als einzige in der Familie zerbricht sich nicht an der Kälte des Vaters.

Filmischer Augenschmaus?

Zwischendrin tost die See, das Dünengras rauscht im Wind, der Donner grollt in der Ferne, der Regen prasselt und der Sturm heult. Das unberechenbare Nordseewetter hängt über dem Dorf, als stünde es für das Unheil, das über Siggi schwebt. Diesen wunderschönen, wenn auch manchmal ungemütlichen Bildern wird im Film viel Zeit gegeben.

Auf einen Blick
Action: ✪ 
Romantik:
Humor:
Niveau: ✪ ✪ ✪ ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪ ✪ ✪
Gibt’s was zu meckern?

Der Film ist lang – über zwei Stunden! Aber er ist eben nicht einer von diesen Filmen, bei denen die Zeit vorbeirast. Sondern bei denen man irgendwann darauf wartet, dass jetzt mal wieder etwas passiert. Was dann geschieht, kommt mit einem Knall, es nimmt mit, ist eindrücklich – aber zwischen diesen Momenten vergeht viel Zeit.

Braucht man Taschentücher?

Taschentücher nicht, aber dafür starke Nerven: etwa wenn der Vater mal wieder einen Gewaltausbruch hat, die Mutter der Tochter an die Gurgel geht, der Sohn gezüchtigt wird und die Anspannung und Angst, die am Abendbrottisch der Familie und zwischen Polizist Jens und Maler Max herrscht, von der Leinwand ins Mark der Kinobesucher kriecht.


Siggi Jepsen und Max Ludwig Nansen am Strand
Mit wem angucken?

Der beste Kinopartner für diesen Film ist jemand mit echtem Interesse an Filmen über den Nationalsozialismus, mit viel Sitzfleisch und Lust, sich hinterher über die verstörenden Details, die nicht vom Film aufgeklärt werden, auszutauschen. Zum Beispiel über den Moment, in dem wir Siggi dabei sehen, wie er in einem verlassenen Haus Tierskelette und Kadaver zu einem Kunstwerk auf dem Fußboden anordnet.

Was macht man danach?

Danach freut man sich über die Freiheit: dass wir uns frei bewegen können (zum Beispiel ins Kino) und nicht in der Haut des wehrlosen Siggi stecken, dass wir nicht gefangen sind im engen reetgedeckten Haus, unter dunklen Nordseewolken, nicht der Tyrannei des Vaters ausgeliefert und in den Zwängen eines Regimes gefangen sind.

In drei Worten:

authentisch, brutal, ehrlich

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Sowohl als auch. Die drückende Stimmung kommt so oder so beim Zuschauer an.

Mainstream oder Independent?

Der Film setzt ein Interesse am Thema und ein wenig Vorwissen voraus. Außerdem ein Einlassen und Mitdenken des Zuschauers. Wer gerne ohne viel Nachdenken durch einen Film getragen wird, wie es bei vielen Hollywood-Streifen der Fall ist, geht besser nicht in „Deutschstunde“. Also: Independent.

Deutschstunde

Regie: Christian Schwochow
Protagonisten: Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Levi Eisenblätter, Johanna Wokalek

Kinostart: 3.10.2019
Filmlänge: 125 Minuten
Genre: Drama
FSK: 12

 

Text: Dana Marie Weise
Bildmaterial: 
Network Movie / Wild Bunch Germany 2019 / Georges Pauly

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