Kolumne

Die Flucht nach vorn

Wenn der Wahlkampf etwas Gutes hatte, dann das ein Thema wieder Platz findet in den zeilensprunghaften Leitmedien: Migration. In der Debatte wird das Thema Integration genutzt, um sich vom politischen Gegenüber abzugrenzen.

04. Dezember 2017 - 14:24
SPIESSER-Autor Der Mann den Sie Pfirsich Nannten.
Deine Bewertung bewertet mit 5 5 basierend auf 1 Bewertungen
Der Mann den Sie Pfirsich Nannten Offline
Beigetreten: 24.04.2015

Zynismus ist, was bleibt. Die Debatte ist erfolgreich nach rechts gedrängt worden. Wie schützen wir uns vor Gefährdern? Wie vor ungebildeten Menschen? Wie vor zu vielen Menschen? Und wie schützen wir uns vor dem Menschsein, um die Situation weiter zu ertragen? Angst und Wut überrollen das Land wie ein Grippevirus, das Spiel damit lohnt sich für Politik und Medien. Der Mechanismus ist bekannt, aber er funktioniert weiter und das Wehren fällt schwer. Elektronische Fußfesseln tragen wir damit schon längst freiwillig, wenn auch nicht in der Form, wie es für terrorverdächtige Geflüchtete gefordert wurde.

Wir gefährden damit aber trotzdem – und zwar die Integration. Die Nachrichten verstummten lange, die Meere blieben laut. Was wir nicht sehen und hören, ist trotzdem da. „Es ist ruhig geworden um die Flüchtlingskrise“, hieß es im Wahlkampf in vielen Diskussionsrunden. Ruhig ist es hier. Ruhig ist es, weil es kaum noch jemand bis nach Deutschland schafft. Ruhig ist es, weil mit einem schmutzigen Flüchtlingsabkommen mit dem Irren vom Bosporus, härteren Kontrollen in den Ursprungsländern und einer geschlossenen Balkanroute das Flüchten nach Deutschland verdammt schwer geworden ist.

Die Fluchtursachen bleiben: Kriege, humanitäre Katastrophen, ein Leben, das so weit weg von unserer Sicherheit ist, dass nur eine Hoffnung besteht: Fliehen. Egal, wie hoch das Risiko, wie hoch der Preis. Jeden Tag. Wie eine Krankheit werden „Flüchtlingsherden“ beobachtet, Zahlen und Verbreitungswege geschätzt, Prävention versucht und gleichzeitig kühl kalkuliert, wie viel Waffenlieferungen in Staaten Afrikas und der arabischen Halbinsel noch öffentlich vertretbar sind. Was ist der Preis?

Unser Vergessen ist schwerwiegend, unser Verdrängen feige. Wir flüchten vor der Herausforderung des Umgangs mit Geflüchteten. Eine globalisierte Welt hat die Verantwortung, sich auch um die Gefangenen des Freihandels zu kümmern und ich bin froh, dass so viele junge Leute diese Zusammenhänge teilen und sich als eine Welt fühlen, solange keine Fußball-WM ist zumindest.

Entschuldigt mich, in dieser Ausgabe keine Pointen. Es wurde schon zu viel Kluges gesagt zu diesem Thema, als dass ich mich befähigt sehe, dies zu übertreffen. Ich möchte nur das tun, was wir alle regelmäßig sollten: daran erinnern.

Text: Christian Schneider
Teaserbild: Lena Schulze

Dir gefällt dieser Artikel?

Kommentare

Was meinst du dazu? Schreib' jetzt einen Kommentar!
Mehr zum Thema „Kolumne
  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    5
  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    5
    Kolumne

    Geheime Wahl,
    geh heim

    Es gibt zwei Aussagen, die mich aktuell regelmäßig verzweifeln lassen. Gern auch in Kombination. Einerseits hat beim Datenschutz keiner was zu verbergen. Andererseits wird auf die Frage „Wen wählst du?“ sich gesetzestreu aufs Wahlgeheimnis berufen. Als würde man ein Stück

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    5
    Kolumne

    Die Kunst,
    modern zu reisen

    Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Einen Selfie-Stick, einen Marco- Polo-Reiseführer und Desinfektionstücher. Ich möchte heute mit einem Vorurteil aufräumen. Mit dem Vorurteil, dass Reisen automatisch bildet. Reisen kann bilden, in letzter Zeit bekomme ich aber vermehrt Fälle

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    5
    Kolumne

    Im Lebensfrühling überwinten

    Die Pubertät. Für die meisten von euch sicher, ebenso wie für mich, eine Zeit in Ketten gelegt. Vor allem, was die Zähne anbelangt. Mündig werden und Zahnspange tragen – da sind Probleme vorprogrammiert.

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    5
    Kolumne

    Wo ist der Logout beim Stammbaum?

    Es gibt Sätze, die möchte man bei Facebook einfach nie angezeigt bekommen. Zum Beispiel „Deine Freundin hat ihren Beziehungsstatus auf ,Es ist kompliziert‘ geändert“ oder „JETZT RAY BAN BRILLE 50% RABATT!“ Oder eben „Deine Mama hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt.“

  • Individuot
    5
    Polimika – die Kolumne

    Mädchen-Mädchen-Tag

    Liebe Freundinnen des Rosas und Pinks, der Blumen und Schokolade – der Valentinstag ist mit seinem Kitsch und seinen Klischees mal wieder über uns geschwappt. Und wisst ihr was? Ihr könnt ihn haben, euren Prinzessinnen-Tag. Besser gesagt: Haltet ihn uns ja vom Leib!

  • Henk Marzipan
    Kolumne

    Auf Pilgerfahrt für
    Gott und Instagram

    Ihr könnt mich alle mal! Ich bin dann mal weg! Wer hat das noch nicht gedacht? Ich jedenfalls schon oft. Damit kann ich wirklich jeden verstehen, der aus der Zivilisation ausbrechen will: kein Smartphone, kein Facebook, kein Alltag. Mal volle Dröhnung auf sich selbst konzentrieren und schauen,

  • Henk Marzipan
    Kolumne

    Durchschnitt und
    stolz darauf

    Ich verstehe Mode nicht. So grundsätzlich und überhaupt. Ich bin der Typ, der immer noch seine zwei Jahre alten H&M-Standard-Shirts trägt und darin kein Problem sieht. Immerhin bin ich dabei dünn.

  • Henk Marzipan
    Kolumne

    Nur das Pech
    ist gerecht

    Manchmal versagt einfach das System. Im Niedersächsischen Mathe-Abi war es wieder soweit. Fragen zu schwer, Zeit zu kurz, Schülerproteste und dann mussten Noten angepasst werden. Reichlich unangenehm für alle Beteiligten, und die Schüler sind die Leidtragenden.

  • Henk Marzipan
    Kolumne

    Ich sporte, also bin ich!?

    Wir müssen alle gesund sein, und schön, und zwar sofort! Und da die meisten von uns ihre Arbeit am Schreibtisch erledigen, wenn uns vorher die Maschinen nicht komplett ersetzen, bleibt uns nur der Sport. Als Millennial gehe ich natürlich nicht zum örtlichen Sportverein auf aschebedeckten

  • Henk Marzipan
    5
    Kolumne

    Hauptsache, das Label stimmt

    Nachhaltigkeit ist so 2007. Da gewann Al Gore für eine Umweltdoku noch einen Oscar. Der Klimawandel war neu, aufregend, sexy. Die große Bedrohung, die uns alle zu vernichten droht. Das ist so lange her, da war MTV (gerade) noch ein wichtiger Jugendsender. Und auch der machte eine sexy Kampagne

  • Henk Marzipan
    5
    Kolumne

    Schon mal gevögelt wie im Porno?

    Wenn ich ins Netz gehe, umgibt mich nackte Haut. Meist weibliche. Seltener männliche, dann aber mit Waschbrettbauch. Sexappeal verkauft sich gut – von der Strumpfhose bis zur Schlagbohrmaschine. Wir leben im Jahr 2016.

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    Zepter abzugeben

    Etwas Selbstreflexion steht jedem gut zu Gesicht – definitiv auch unserer Polimika. Doch auch dabei kommt sie nicht ohne ihre geliebte Meckerei aus. Aber: Genug gemeckert, jetzt müssen mal andere ran. Du vielleicht?

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    Anti-YOLO

    You only live once – war wohl die nervigste möchtegern philosophische Weisheit der letzten Jahre. Jaja, es stimmt schon, wir leben nur einmal, aber was daraus im Twitter-Universum gemacht wurde, ist ganz schöner Quatsch. Ein Plädoyer gegen YOLO und für die Faulheit.

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    Heul doch

    Stressresistenz macht einen evolutionären Vorteil aus. Das müssen wir nutzen – jetzt wo das Leben immer schneller wird. Sich regelmäßig Horrorstreifen reinzuziehen ist schon mal ein guter Ansatz. SPIESSER-Autorin Polina meint, dass wir mit Angst noch viel mehr bewirken können.

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    Die Jack-Wolfskin-Illuminati

    Es beginnt mit den ersten fallenden Blättern und zieht sich bis zu den ersten blühenden Bäumen und Heuschnupfen-Anfällen: Ein geheimes Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst-Spiel, an dem mit besonderer Hingabe Pärchen in ganz bestimmten Klamotten teilnehmen.

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    Baby-Fame

    Wenn Kleinkinder und Babys in die Öffentlichkeit gedrängt werden, ist das immer fragwürdig. Die Royal Babys haben sogar eigene Fanpages mit einer halben Million Likes. Eine Fan-Seite für das eigene Sandwich ist mindestens genauso sinnvoll, findet SPIESSER-Autorin Polina.

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    Hinter Schloss und Liebe

    Liebesschlösser bringen nicht nur Brücken zum Einstürzen, sondern sorgen bei SPIESSER-Autorin Polina auch für dezenten Brechreiz. Vor allem, weil sie so nach passiv aggressivem Heile-Welt-Getue stinken.

  • Individuot
    5
    Polimika – die Kolumne

    Wollen dürfen

    Ausschlafen und Nickerchen sind was für faule Säcke, Fleischesser sind Mörder und Kohlenhydrate sind sowieso die Ausgeburt des Teufels. Sich selbst etwas zu verbieten gehört immer mehr zum guten Ton. Aber was soll das Ganze eigentlich? Ich plädiere ja für mehr Kompromisse und weniger Selbstgeißelung.

  • Individuot
    5
    Polimika – die Kolumne

    Gewissenhaft die Schnauze halten

    Zwölf Redakteure eines Satire-Magazins werden erschossen, 150 Menschen sterben bei einem Flugzeugabsturz, 950 Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer – wir schweigen, hashtaggen und ändern unser Profilbild. Alles natürlich aus Anteilnahme. Auf SPIESSER-Autorin Polina wirkt das viel

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    April am Arsch

    Das Wetter war selten so nervig und ekelhaft wie in den letzten Tagen und Wochen. Es ist kalt, es regnet, es schneit, verdammte Hacke! Ich finde, es wird höchste Zeit sich mächtig aufzuregen über diese Frechheit.

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    You hast Now
    ganz schön ’n Rad ab

    Statt die Achterbahn des echten Lebens zu fahren, hängen immer mehr Jugendliche bei „YouNow“ rum und streamen sich selbst in die gruseligen Untiefen des Internets. SPIESSER-Autorin Polina fragt sich, wie man so unsozial und leichtsinnig sein und gleichzeitig so sehr auf die eigene Privatsphäre

  • Individuot
    4.333335
    Polimika – die Kolumne

    Wer hat Angst vorm bärtigen Mann?

    Laut einer Umfrage ist ein Großteil der Deutschen weltoffen, fühlt sich aber durch Muslime fremd im eigenen Land. SPIESSER-Autorin Polina fragt sich, wie das zusammenpasst. Und stellt die alles entscheidende Frage: Hääää?

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    Anwesend – sein oder nicht sein?

    Heute geh ich zur Uni, heute geh ich nicht zur Uni, heute geh ich zur Uni... Die Abschaffung der Anwesenheitspflicht an den Unis in NRW wird heiß diskutiert und ich denke mir: Wieso? Ist doch gut! Schließlich ist jeder seines Glücks und seiner Prioritäten Schmied. 

  • Individuot
    4
    Polimika – die Kolumne

    WSV: Die Jagdsaison ist eröffnet!

    Alle Jahre wieder nehmen zahlreiche Frauen ein vermeintlich männliches Attribut auf – sie werden zu gnadenlosen Jägerinnen. Und die Einkaufsmeile wird zu ihrem Revier.

  • Individuot
    5
    Polimika – die Kolumne

    „Salto mortale ins Menschenleben“

    Als die kleine Dorothy loslatschte, um den Zauberer von Oz zu finden, gab es da drei Pappnasen, die ihr auf dem Weg Gesellschaft leisteten. Natürlich das nicht ganz uneigennützig, denn allen dreien fehlte etwas, das sie vom Zauberer zu bekommen hofften: Herz, Mut und Verstand. Diese drei unvollständigen

  • Individuot
    5
    Polimika – die Kolumne

    „Wird's besser?

    Wird's schlimmer?“ fragte sich schon mein Lieblingsdresdner, Erich Kästner. Gut, bei dem Blödsinn, der sich derzeit in Dresden formiert, PEGIDA nennt, ganz scheinheilig jeden Montagabend „spazieren“ geht, und sich wie ein lästiger Grippevirus ausbreitet, würden

  • Individuot
    5
    Polimika – die Kolumne

    Back to the Wunschliste

    Wenn man „groß“ wird, sind Wunschlisten out. Plötzlich muss man einander in- und auswendig kennen, überraschen können und dabei möglichst als allwissender Geschenke-Guru davon kommen. Dass das nur selten klappt, brauch‘ ich keinem erzählen. Und was war