Polimika – die Kolumne

Die Jack-Wolfskin-Illuminati

Es beginnt mit den ersten fallenden Blättern und zieht sich bis zu den ersten blühenden Bäumen und Heuschnupfen-Anfällen: Ein geheimes Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst-Spiel, an dem mit besonderer Hingabe Pärchen in ganz bestimmten Klamotten teilnehmen.

02. September 2015 - 11:48
SPIESSER-Autorin Individuot.
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Beigetreten: 01.07.2014

Es geht um die passionierten Jack-Wolfskin-Träger, die am liebsten auch den eigenen Hund in die Multifunktions-Pracht hüllen würden und das mit Sicherheit in den eigenen vier Wänden auch tun. Den ganzen Sommer lang wahren sie eine Fassade, grillen mit zusammen gebissenen Zähnen Tonnen von Würstchen in ihrem Vorgarten und hüpfen mit gestellter Lebensfreude in einige Seen. Denn eigentlich warten sie nur. Sie warten auf die ersten kühlen Tage, die ersten Blätter auf den Straßen und die ersten Beschwerden über kürzer werdende Tage. Mit dem Herbstanfang beginnt für diesen ominösen, geheimen Bund die Zeit eines zumindest deutschlandweit gespielten Spiels. Ausrüstung und Teilnahmeberechtigung für dieses Spiel sind: Realitätsverweigerung und ein umfangreiches Globetrotter-Sortiment.

Ganz ehrlich, anders kann ich es mir nämlich nicht erklären, warum mit dem ersten grauen Himmel plötzlich überall Paare wie Unkraut aus dem Boden schießen, gehüllt in absolut abgefahrene Multifunktionsjacken von Jack Wolfskin und Co. Denn kalt ist es ja nicht. Und Schnee ist mittlerweile eh mehr eine Erinnerung als ein alljährliches Wetterphänomen. Aber wofür dann eine Montur, mit der man locker im Norden Norwegens, bei minus zwanzig Grad Celcius stundenlang eine Husky-Safari mitmachen könnte, ohne auch nur ein bisschen kalte Fingerchen zu haben?

Meine Theorie deswegen: Die Jack-Wolfskin-Träger sind die neuen Illuminati. Sie sind eine Geheimgesellschaft des geheimen Globetrotter-Ordens und ihre Hauptaktivität ist es, unter den Unwissenden Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst zu spielen. Wenn sie dann aus ihrem Hummer auf dem Aldiparkplatz mit der Dame des Herzens an der Hand steigen, sehen sie nicht tristen Beton, sondern eine Schneelandschaft, über die eisiger Wind weht und der Supermarkt selbst ist eigentlich ein Berg, der bestiegen werden soll. Das Wolfskin-Paar kauft auch nicht ein, sondern jagt seine Beute in der gefährlichen Wildnis. Den Großstadt-Dschungel im Kopf, wird dann nach Hause geritten, wo das Weib die Beute über der selbst entzündeten Feuerstelle brät.

Vielleicht ist es eine Reaktion auf unseren sehr gemütlich gewordenen, westlichen Lebensstil. Oder ein zu lange gespieltes Rollenspiel, das die Wahrnehmung extrem verändert hat. Oder es ist Vorbereitung auf eine an stehende Eiszeit, von der auch nur der neue Geheimorden weiß. So oder so – aber das haben Unwissende und Uneingeweihte ja immer gesagt – es sieht ganz schön albern aus. Denn in unserem ahnungslosen Blick seht ihr Jack-Wolfskin- Pärchen eher verweichlicht und auch ein bisschen verwöhnt aus, wie ihr da in einer Montur umher spaziert, die bei den Wetterverhältnissen hier nicht nur komplett unnötig, sondern auch noch ziemlich teuer ist. Vielleicht nehmt ihr stattdessen mal die Kohle, die ihr für all das Outdoor-Zeugs ausgebt, und fahrt mal wirklich in den Norden Norwegens. Da werdet ihr übrigens sehen, dass auch ein bis zwei Pullover mehr schon Wunder wirken und dass das Führen eines Husky-Schlittens so anstrengend ist, dass ihr überhaupt keine Multifunktionsklamotten braucht.

Text: Polina Boyko
Collage: Anja Nier

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