SPIESSER unterwegs

Die Macht des Schönen

Russland – der Ursprung des Balletts. Nussknacker, Schwanensee und Tschaikowski hat jeder schon gehört oder gesehen. Aber wie sieht es hinter den Kulissen eines russischen Balletts aus? SPIESSER-Autorin Marie war für euch in Moskau unterwegs.

05. Dezember 2018 - 09:26
SPIESSER-Autorin VeryMary94.
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VeryMary94 Offline
Beigetreten: 13.08.2012

Ich stehe mit einer Handvoll anderer Journalisten vor dem Nebeneingang des Theaters des Staatlichen Russischen Ballett Moskaus. Es ist Ende Oktober und schon richtig kalt in Russlands prächtiger Hauptstadt. Am kleinen Eingangstor huschen im Minutentakt warm eingepackte, unauffällig aussehende Frauen und Männer vorbei. Der Arbeitstag für die Tänzer beginnt nicht erst kurz vor der Vorstellung, sondern schon vormittags. Einige Augenblicke später werden wir herzlich von einer älteren, kleinen Dame begrüßt und hineingeführt. Ich habe soeben der leitenden Trainerin Olga Kokhanchuk die Hand geschüttelt.


Olga Kokhanchuk beim Training mit Asuka Ichimura.
Foto: Klauke-PR

Wir bewegen uns zügig durch die engen, mit Neonlicht beleuchteten Gänge. Zu beiden Seiten stehen aufgerollte oder zusammengestaute Kulissen in allen möglichen Farben aus Holz und Plastik. Auch Teppiche, Stangen und etwas das aussieht, wie ein riesiger, aufgewickelter Rasen, stehen hier. Plötzlich fangen Kleiderstangen meine Aufmerksamkeit, auf denen wunderschöne Kostüme hängen. Von Nahem stelle ich fest, dass sie aus robustem Material und gut vernäht sind, mit feinen Details wie Perlen, Pailletten und Stickereien verziert. Sie sind weiß, golden, lila und grau.

 

Hier und da hört man es knacken

Wir werden in den Proberaum gebracht: Ich trete in einen bespiegelten, mit großen Fenstern bestückten Raum, in dem sich bereits einige Tänzerinnen auf dem Boden dehnen. Sie müssen meinem schmerzverzerrten Gesicht entnommen haben, dass ihre extreme Beweglichkeit bei mir Phantomschmerzen hervorrufen – eine Ballerina hatte im Sitzen ihr Bein soeben einmal um die eigene Achse gedreht. Hier und da hört man es knacken.


Matisse Love. Foto: Klauke-PR

Sie tragen alle eine Art Betthausschuhe, um ihre Füße zu wärmen. Mir fällt sofort auf wie dünn sie sind – und hübsch. Obwohl das lediglich eine Probe ist, tragen fast alle der Tänzerinnen glitzernde Ohrringe und haben ihre Haare geflochten oder anders elegant zusammengepinnt. Alle bewegen sich grazil, lautlos und extrem aufrecht. Ich komme mir ziemlich normal und überdurchschnittlich plump vor – dabei schaue ich nur zu.

Wenn Sport zu Kunst wird

Die Pianistin beginnt, auf einem alten Piano sowjetische Melodien zu spielen. Damit fängt die Probe an und alle stehen ordentlich aufgereiht an ihren Stangen und folgen Olga Kokhanchuks Anweisungen. Sie spricht ununterbrochen und berichtigt jede Kleinigkeit an den Mädchen. Die Einzige, die sie nicht korrigiert ist Anna Shcherbakova – die Primaballerina des Balletts. Tatsächlich sehen die Bewegungen bei Anna leichter und schwebender aus als bei ihren Mittänzerinnen. Die Präzision der Bewegungen und die Eleganz der Mädchen wirken auf mich geradezu meditativ. Genau das macht es so unvorstellbar, wie anstrengend und kräftezehrend dieser Sport in genau demselben Augenblick ist. Es ist die Überwindung jenes Widerspruchs, der diesen Sport in meinen Augen Kunst werden lässt.


Anna Shcherbakova im „Schwanensee“. Foto: SRBM

Später sitzen mir Anna Shcherbakova und Matisse Love gegenüber. Zwei großartige Ballerinen. Sie wirken wie bodenständige Mädchen, die uns ausländischen Journalisten etwas schüchtern gegenübertreten. Im Gespräch zeigt sich, dass beide seit frühester Kindheit wussten, was sie ihr Leben lang machen möchten: Ballett. Und so muss das wohl auch sein. Auf die Frage hin, wann man ein Stück perfekt tanzen kann, antwortet Anna: „Niemals. Man kann nur üben, üben, üben aber Perfektion erreicht man nie.“

Warme Worte und Wodka

Am nächsten Tag kehren wir noch einmal zum Theater zurück, um uns „Giselle“, eines der beliebtesten Ballettstücke weltweit, anzusehen. Bevor ich mich gemütlich in meinen Sessel sinken lasse, sind wir noch zum Interview mit Wjatscheslaw Gordejew, dem künstlerischen Leiter des Balletts, verabredet. Empfangen werden die anderen Journalisten und ich in einem romantischen Raum mit dezent gemusterter Tapete, Holzverkleidung an den Wänden und angenehmem Licht, welches von elektrischen Kerzenleuchtern in den Raum scheint. Ein massiver Holztisch ist liebevoll gedeckt. „Fühlen Sie sich bitte wie Zuhause“, meint Herr Gordejew und füllt jedem ungefragt einen Wodka ein. Er selbst trinkt zwar nicht, aber die russische Gastfreundschaft sieht das so vor.


Wjatscheslaw Gordejew als Spartakus. Foto: SRBM Archiv
Werte, Tradition, Klassik

Gordejew berichtet darüber, wie gut sein Ballett jedes Jahr vom deutschen Publikum auf der Deutschlandtournee empfangen wird. Er spricht von der hochwertigen klassischen Ballettausbildung und über modernes Ballett, von dem er nicht besonders viel hält. Auf meine Frage hin, ob in Russland auch viele junge Menschen ins Ballett gehen, heißt es: „Natürlich. Alle Russen, egal welchen Alters, gehen gerne ins Ballett.” Besonders rührend fand ich jedoch Olga Kokhanchuks Worte. Ihr zufolge mögen junge Menschen in Russland allgemein alles Schöne und somit auch Ballett. Wenn sie etwas Schönes gezeigt bekommen, ist das ein guter Ansporn für sie selbst, Gutes zu tun und ihr Bestes zu geben. Deshalb gehört Ballett zur Erziehung. Es ist ein Mittel zur Wertschätzung von Geschmack und Schönem.


„Schwanensee“. Foto: Dietmar Scherf

Wer sich ein Ticket für eine Aufführung vom SRBM kauft, der will klassisches Ballett sehen. Und genau das bekommen sie auch. Gordejew sowie Trainerin Olga Kokhanchuk legen viel Wert auf eine konservative Ausbildung. Viel Platz zum Experimentieren bleibt den Tänzern dabei nicht. Anna verrät: „Veränderungen sind hier nicht üblich. Die Trainer sehen gleich, wenn wir etwas anders machen.“ Ihre Kollegin Matisse fügt noch kichernd hinzu: „Ich bin erst zwei Jahre hier, habe aber sofort gemerkt, dass das Theater viel Wert auf Korrektheit legt und dem sollte man nachkommen. Sonst heißt es bald: Aufwiedersehen.”

Für mich bleibt die jahrelange Arbeit, die eine Ballerina in ihre Karriere stecken muss, etwas Unbegreifliches. Doch diese absolute Hingabe zu ihrer Berufung konnte ich tatsächlich spüren. Die Aufführung von „Giselle“ hat mich verzaubert. Mein Blick war bis zum Erklingen der Pausenglocke ununterbrochen auf die Bühne fixiert und auch nach der Pause fiel ich mühelos wieder in den Bann des Schönen.

Staatliches Russisches Ballett Moskau
Tournee 2018/2019

26.12.2018 | Bonn | Maritim Hotel | 16:00 Uhr | Schwanensee
27.12.2018 | Essen | Philharmonie | 19:00 Uhr |Schwanensee
28.12.2018 | Essen | Philharmonie | 19:00 Uhr | Schwanensee
29.12.2018 | Recklinghausen | Ruhrfestspielhaus | 19:00 Uhr | Der Nussknacker
02.01.2019 | München | Philharmonie | 16:00 Uhr | Schwanensee
02.01.2019 | München | Philharmonie | 20:00 Uhr | Schwanensee
03.01.2019 | Singen | Stadthalle | 17:00 Uhr | Der Nussknacker
04.01.2019 | Stuttgart | Liederhalle | 16:00 Uhr | Schwanensee
04.01.2019 | Stuttgart | Liederhalle | 20:00 Uhr | Schwanensee
05.01.2019 | Reutlingen | Stadthalle | 17:00 Uhr | Schwanensee
06.01.2019 | Freiburg | Konzerthaus | 17:00 Uhr | Schwanensee
07.01.2019 | Dresden | Kulturpalast | 20:00 Uhr | Schwanensee
08.01.2019 | Berlin | Admiralspalast | 20:00 Uhr | Der Nussknacker
09.01.2019 | Berlin | Admiralspalast | 20:00 Uhr | Schwanensee
10.01.2019 | Berlin | Admiralspalast | 20:00 Uhr | Schwanensee
11.01.2019 | Berlin | Admiralspalast | 20:00 Uhr | Schwanensee
12.01.2019 | Berlin | Admiralspalast | 20:00 Uhr | Schwanensee
13.01.2019 | Hamburg | Mehr! Theater | 15:00 Uhr | Schwanensee
13.01.2019 | Hamburg | Mehr! Theater | 19:00 Uhr | Schwanensee
15.01.2019 | CH – Thun | KKThun | 20:00 Uhr | Schwanensee
16.01.2019 | CH – Zürich | Halle 622 | 19:30 Uhr | Schwanensee
17.01.2019 | CH – Basel | Musical Theater | 19:30 Uhr | Schwanensee
19.01.2019 | Kassel | Stadthalle | 19:00 Uhr | Schwanensee
20.01.2019 | Frankfurt | Jahrhunderthalle | 15:00 Uhr | Schwanensee
20.01.2019 | Frankfurt | Jahrhunderthalle | 19:30 Uhr | Schwanensee
22.01.2019 | Bochum | Jahrhunderthalle | 20:00 Uhr | Schwanensee
23.01.2019 | Münster | Halle Münsterland | 20:00 Uhr | Schwanensee
24.01.2019 | Düsseldorf | Capitol Theater | 20:00 Uhr | Schwanensee
25.01.2019 | Düsseldorf | Capitol Theater | 20:00 Uhr | Schwanensee
26.01.2019 | Braunschweig | Stadthalle | 19:30 Uhr | Schwanensee
27.01.2019 | Chemnitz | Stadthalle | 18:00 Uhr | Schwanensee
29.01.2019 | Rostock | Stadthalle | 20:00 Uhr | Schwanensee
Weitere Infos unter: www.srb-moskau.de

Text und Teaserbild: Marie Robinski

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