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Ein schlechtes Wort „Müll“, ein gutes Wort „Trennung“

Mülltrennung ist eine Praktik, an die sich die allermeisten Westeuropäer längst gewöhnt haben. Die allgemeine Vorstellung ist es, dass es immer schlechter um die Sortierung von Plastik, Papier und Biomüll steht, je östlicher man geht. Aber auch in Russland wird Mülltrennung immer mehr zum Trend. Gastautorin Olja fragt sich wie man dazu beitragen kann, die Müllmassen zu reduzieren und wirft einen Blick in die Geschichte des Recyclings Russlands.

09. Januar 2020 - 09:33
SPIESSER-Autorin VeryMary94.
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VeryMary94 Offline
Beigetreten: 13.08.2012

Artikelreihe von Gastautorinnen und Gastautoren aus Russland
Dieser Text ist der erste aus einer Reihe von Artikeln, die in Zusammenarbeit mit SPIESSER-Autorin Marie Robinski entsteht. Marie lebt und arbeitet derzeit in Russland und unterstützt die russischen Gastautorinnen und Gastautoren bei der Erstellung und Veröffentlichung von Artikeln auf Deutsch. Viele der Autorinnen und Autoren planen ein Studium in Deutschland zu absolvieren.

Die Geschichte fängt in Deutschland 1961 an, als in der Bundesrepublik mit der Gründung des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) das Sammeln von Abfällen und Wertstoffen besser organisiert wurde. Es entstanden Dienstleister, die später mit Hilfe des Gesetzgebers den Recyclinggedanken industriell umsetzten. Etwa zur gleichen Zeit entstanden Systeme, bei denen der Hersteller und nicht der Staat für das Recycling zahlt. Dieses System ist auch heute noch erhalten.

In Russland begann die Kultur der Mülltrennung in der UdSSR, in der es spezielle Aufnahmepunkte für Glas, Altpapier und Metall gab. Für die Abgabe von Glas in ausgewählten Geschäften gab es verhältnismäßig viel Pfand und viele Sowjetbürger sammelten fleißig Flaschen. Altpapier wurde auch von Studenten gesammelt, um daraus Kartons herzustellen. Plastik wurde dennoch nicht recycelt und zusammen mit Bioabfällen jeden Tag weggeschmissen.

Recyclingbewegung in Russland

Heutzutage gibt es in meinem Heimatland Unternehmen und ökologische Vereine, die sich mit der Recyclingfrage beschäftigen. Einer dieser Vereine heißt „Green Bull“ (@greenbullsaratov). Der Verein organisiert einmal pro Monat Mülltrennungsaktionen und ich bin schon seit drei Jahren dabei! Zu diesen Terminen können die Bewohner ihren Müll getrennt abgeben: Glas, Metall, Kunststoff, Altpapier und alte Kleidung werden von „Green Bull“ angenommen. Anschließend werden die Rohstoffe in die Müllverarbeitungsanlagen transportiert. Bis heute gibt es in Russland 243 solcher Anlagen und 50 Müllsortierplätze. Für so ein großes Land ist das fast nichts. Zwei dieser Müllsortieranlagen befinden sich immerhin in der Nähe meiner Heimatstadt, im Saratower Gebiet.


Besucherzahlen regelmäßiger Mülltrennungsaktionen zeigen, dass die
Bevölkerung die Bedeutung der Müllsortierung erkennt.

Russland hat 2017 ein Recycling-Programm gestartet, das ein einheitliches System zur Verlagerung und Verarbeitung von Abfällen schaffen soll. In dem Moskauer Gebiet wurden spezielle Tonnen für Altpapier, Kunststoff, Glas und Metall installiert. Bis dahin landete alles unsortiert in einer Tonne. Das Experiment hat sich mittlerweile auf andere russische Bezirke ausgeweitet, die Wertstoffe aufnehmen.

Darüber hinaus hat die Regierung ein Verbot der Vergrabung einzelner Abfallarten erlassen. So ist seit 2018 die Endlagerung von Eisen- und Nichteisen-Metallen und quecksilberhaltigen Abfällen im Boden verboten. Seit 2019 sollen Papierverpackungen, Reifen und Polyethylen-Verpackungen sowie Glas- und Glasbehälter getrennt entsorgt werden, 2021 sollen Computertechnik und Akkus folgen. Dafür sollen spezielle Anlagen und neue Lagerplätze gebaut werden. Außerdem verzichten mittlerweile viele große Supermärkte (wie „Lenta“ und „Aschan“) auf Plastiktüten und bieten den Kunden stattdessen Stofftaschen oder Papiertüten an.


Gastautorin Olga
Müll und nochmals Müll

Der Berechnung von Wissenschaftlern zufolge wirft der Durchschnittsrusse pro Jahr 400 Kilogramm Müll weg. Nur 7% werden recycelt. Im Vergleich dazu wirft ein Deutscher 626 Kilogramm Müll pro Jahr weg, wovon sind 60 Prozent recycelbar sind. Daher sollten wir alle darüber nachdenken, unser Wegwerfvolumen zu reduzieren.

„Zero Waste Livestyle“ wird auch in Russland immer populärer. Ich gehe zum Beispiel mit meiner eigenen Tasche in den Laden, statt mir dort eine Plastiktüte mitgeben zu lassen. Außerdem gibt es die Aktion „My cup, please“, bei der Aktivisten mit Kaffeehäusern einen Rabatt für alle Kunden vereinbart haben, die ihren eigenen Becher mitbringen.

Tut es für die Welt, nicht für euch!

Diese Beispiele geben Hoffnung, dass in Russland der Recyclinggedanke weiter wächst und es in naher Zukunft ein einheitliches System der Müllsortierung so wie in großen Teilen Europas geben wird. Die Hauptsache ist es nun, diesen Prozess zu organisieren und die dafür notwendigen Bedingungen zu schaffen. Soziale Umfragen, die Zahl der Anhänger von Umweltinitiativen in sozialen Netzwerken und die Besucherzahlen regelmäßiger Mülltrennungsaktionen zeigen, dass die Bevölkerung die Bedeutung der Müllsortierung erkennt. Das bedeutet, dass die Menschen langsam verstehen, dass sie es nicht für sich tun müssen, sondern für die Welt.

 

Text: Olja Listsyna
Bilder: Green Bull Organisation

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