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Ein schöner Ort ( - Der Beginn einer Geschichte)

Er blickte nicht zurück. Seine Finger zitterten als sie sich um das Lenkrad schlossen. Hinein in die Nacht. Hinaus aus seinem alten Leben. Schwere, zahlreiche Tropfen schlugen auf der Windschutzscheibe auf, der Scheibenwischer schien Mühe zu haben, den Blick auf die dunkle Straße freizugeben.

18. Juni 2012 - 22:52
von SPIESSER-Autorin Li-La-Lotta.
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Li-La-Lotta Offline
Beigetreten: 05.05.2012

Nur das unermüdliche Prasseln des Regens auf dem alten Autodach hielt er nicht mehr aus. Er schaltete das Radio ein. Die Musik rieselte, obwohl auf voller Lautstärke, wie durch eine dicke Steinmauer an sein Ohr. Was hatte er getan? Was hatte er bloß getan? Er klammerte sich am Lenkrad fest, wie an einem Rettungsring. Wo war er überhaupt? Wo sollte er hin? Es war egal. Alles war egal. Solange er nur wegkam. Weg von dort. Der Regen und die Schwärze – Sie waren überall. Der Sturm toste nicht nur vor dem Fenster, er toste ebenso in seinem Kopf. Draußen peitschte er einen mageren abgerissenen Ast gegen ein Seitenfenster, im nächsten Moment rissen ihn der Wind und der Regen wieder fort. Was hatte er nur getan? Sein altes Leben loszulassen, würde es ihn trotzdem nie vergessen lassen. Wohin, woher? Warum? Warum? Die Fragen brachten seinen Kopf beinahe zum Platzen.

Die Musik, der Regen, diese unerträglichen Gedanken, und der brausende Sturm überall um ihn herum wurden zu einem reißenden Strudel, der ihn gefangen nahm und ihn langsam zu ertränken versuchte, dieser ganze Strom, diese… KRACH! Nein, das konnte nicht sein! Was war das?! Mit quietschenden Reifen riss es ihn zurück in die Realität auf die nachtschwarze nasse Straße irgendwo im Nirgendwo. Hatte er ein Tier angefahren? Das Radio war mit dem Ausgehen des Motors nach der abrupten Bremsaktion verstummt. Nur noch prasselnder Regen und heulender Wind waren zu vernehmen und das Hämmern seines eigenen aufgewühlten Herzens. War es Einbildung gewesen? Plötzlich erklang ein Wimmern. Das Tier! Es lebte noch! Oh mein Gott! Er war kein grausamer Mensch. Ohne Rücksicht auf sich selbst riss er die Autotür auf und stürmte auf die Straße, hinaus in die Nacht, den Sturm.

Er versuchte im Licht der Scheinwerfer etwas zu erkennen, rannte schließlich um den Wagen herum und … - Da! Im roten Rücklicht seines Autos erkannte er unscharfe Umrisse auf dem Boden. Klein und zusammengekrümmt. Was war das für ein Tier? Es war dem erbarmungslosen Trommeln des Regens ausgesetzt. Schutzlos. Und es lebte. Er hätte sich einfach umdrehen können und wieder ins Auto steigen. Wegfahren. Noch ein Geheimnis, noch eine Flucht. Doch er tat es nicht. Ohne es richtig zu begreifen war er schon losgerannt, hatte das Bündel, das Geschöpf am Boden gepackt und war mitsamt ihm zurück zum Wagen gehastet. Das konnte kein Tier sein!

Die wenigen Minuten, die er außerhalb des Autos verbracht hatte, hatten ihn von Kopf bis Fuß durchnässt, Wasser tropfte von seinen Schläfen und seiner Nasenspitze. Das Geschöpf in seinen Armen wog so gut wie nichts, schwerelos lag es in seinen Armen und rührte sich nicht. Er riss die Hintertür auf und legte sie Gestalt behutsam hinein, nass, kalt, leblos und klein. Die Sorge erfüllte seinen Kopf. Er setzte sich ebenfalls hinein, schlug die Tür zu, kam erstmals zum Denken, zum Atmen. Er hatte einen Menschen überfahren! Es war ein Mädchen, ein winziges, schutzloses, blasses, kleines Mädchen! Sei nicht tot, dachte er, sei doch bitte nicht tot! Er fühlte mit klopfendem Herzen nach ihrem Puls. Schwach aber regelmäßig und wenigstens vorhanden. Ihre Augen waren geschlossen. Er strich ihr ein paar nasse klebende dunkle Haarsträhnen aus dem blassen Gesicht. Sie war bewusstlos und ohne, dass er es überhaupt realisierte, wandten sein Verstand und seine Hände die Erste Hilfe aus der Fahrschule an, brachten das Mädchen in die stabile Seitenlage, holten eine Wolldecke aus dem Kofferraum und hüllten es darin ein. Erst dann fuhr er das Auto an den Rand der menschenleeren schwarzen Landstraße, auf der er vollkommen allein mit der bewusstlosen Fremden war.

Er hatte keine Ahnung wo er war, er hatte kein Handy, keine Karte, kein Navi und weder ein Notfalltelefon, noch eine Tankstelle hatte er irgendwo gesehen. Nicht einmal ein Ortsschild oder einen Wegweiser. Nur rabenschwarze Nacht, dunkle Bäume, und die Straße. Er beugte sich nach hinten und sah ihr in das weiße schlafende Gesicht. Sie hätte ausgesehen wie eine Tote, wäre da nicht das leichte Zittern, das ihren gesamten erbeben ließ, kaum wahrnehmbar. Hoffentlich wachte sie bald auf. Er wollte sie lachen hören und reden, sehen ob alles in Ordnung war. Aber was sollte er ihr sagen? Wohin fahren? Er wollte doch nur weg. Sie würde etwas merken. Er wollte nur weg. Ins Nirgendwo. Dort war er jetzt. Aber sie, diese kleine Gestalt mit den feinen Zügen und dem dunklen Haar, sie sollte nicht sein Unglück mittragen. Er legte ihr einen Sicherheitsgurt um die Hüfte. Sie war so klein und zierlich, dass sie nicht mal die ganze Rückbank ausfüllte, so zusammengekauert lag sie da.
Wach auf, dachte er. Nicht sterben! Doch ihre Augen blieben geschlossen. Da waren nur immer dieses schwache Atmen und das kaum wahrnehmbare Zittern ihres Körpers. Er vergewisserte sich, dass ihr Gurt festsaß, dann fuhr er zurück auf die Straße. Die Musik ließ er ausgeschaltet. Er dachte nicht mehr an seine Flucht. Der Sturm in seinem Kopf war verstummt, während der Sturm draußen in einem Fort weiterging. Er dachte nicht mehr an sich, an das was er getan hatte. Zumindest nicht im Moment. Hinter seiner von nassem Haar verklebten Stirn hegte sich nur ein einziger Gedanke, der Gedanke an ihr kleines Gesicht und daran, dass er nun für sie verantwortlich war.

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Kommentare

Zwei Kommentare
  • danke für den netten kommi :)freut mich dass es dir gefällt

  • ...wow,wie detalliert und damit anschaulich du alles beschrieben hast.Große Klasse!
    Weiter so!
    LG Elena

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