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Ein Tag ohne Geld: Currywurst mit einem Hauch Armani

SPIESSER.de-Autor Theo lebt einen Tag ohne Geld und versucht sich an einer Karriere als Pfandflaschen-Sammler – ohne großen Erfolg.

24. September 2010 - 17:09
von SPIESSER-Autor TheoMueller.
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TheoMueller Offline
Beigetreten: 24.09.2010

Geld spielt eine Rolle!

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Schwarz gefahren bin ich vorher noch nie, deswegen bin ich etwas aufgeregt. Ohne zu bezahlen fahre ich mit dem Bus in die Innenstadt. So etwas macht man ja nicht, eigentlich, und Schiss vor den Strafgebühren hatte ich bis jetzt auch immer. Heute bleibt mir für mein Experiment keine andere Wahl: Ich werde den Tag verbringen, ohne einen einzigen Cent auszugeben. Und will die Annehmlichkeiten der Zivilisation dennoch nicht komplett missen.

Der Tag in Bildern

Mehr Bilder von Theos Versuch, einen ganzen Tag ohne Geld über die Runden zu kommen, seht ihr in der Bildergalerie.

Schwarzfahren ist eigentlich ganz einfach 

Ich habe ein elektronisches Ticket zum Busfahren, das man hinten im Bus in einen Kasten steckt. Der Kasten bucht dann das Geld vom Konto ab. Normalerweise. Heute wedele ich beim Einsteigen lässig mit meiner giftgrünen Karte und setze mich hin. Der Fahrer merkt nichts, vielleicht kennt er sich auch nicht so genau damit aus.

In der Innenstadt steige ich aus. Mir ist nach einem guten Frühstück und einer druckfrischen Zeitung zumute. Ich erblicke einen Promotion-Stand unserer Lokalzeitung, an der ein sonnengebräunter Herr mit Gelfrisur versucht, den Passanten Probe-Abos anzudrehen. Ohne weiteres bekomme ich eine Zeitung und einen Kugelschreiber umsonst. Fast schon zu einfach.

Chillen hinterm Grill
Dick Soße drauf, dann sieht man nicht mehr, dass die Gratiswurst angebranntist. 

Vor der Fleischerei ein paar Schritte weiter müht sich ein Junge in meinem Alter, einen altersschwachen Grill in Gang zu setzen. Bilal ist 22. Neben seinem Job als Wurstverkäufer arbeitet er auch noch beim Metzger, in einem Restaurant und einem Supermarkt. Eines Tages will er sich seinen Traum erfüllen und Medizin studieren.

Ich bitte um ein Brötchen, er bietet mir sogar eine etwas angebrannte Currywurst für lau an. Auch für Obdachlose habe er mal eine Wurst übrig: „Wer mit Fleisch arbeitet, wirft ungern etwas weg.“ Bilal hat viel zu erzählen: Von Senioren, die kostenlosen Ersatz verlangen, wenn ein Regentropfen auf ihren Leberkäs gekommen ist – und den auch bekommen – der Kunde ist König. Er verabschiedet mich freundschaftlich: „Wenn du zwischendurch mal chillen willst, komm vorbei.“

Jetzt werde ich mutiger. Im nächstgelegenen Salon ordere ich spontan einen Gratis-Haarschnitt. Friseur Cihan, 26, lässt sich gerne darauf ein, wohl auch, weil der Laden ansonsten menschenleer ist. Ein ganzer Haarschnitt ist dann aber doch nicht drin, nur die Spitzen werden etwas in Form gebracht. Cihans Kolleginnen gucken unsicher zu.

Zahnpasta und Internet
Der Magen knurrt, aber der Duft stimmt.

Auch der Parfümerie statte ich einen Besuch ab und staube eine Handvoll Proben ab. Nach Armani stinkend steuere ich mein nächstes Ziel an: den Optiker. Der wirbt groß mit einer kostenlosen Augenprüfung. Eine Angestellte ist nach der Messung der Meinung, dass ich blind wie ein Maulwurf bin und dringend eine neue Brille brauche. Die bekomme ich nicht umsonst, einen Kaffee hat sie aber übrig.

In der Apotheke esse ich anschließend kleinen Kindern die Traubenzucker-Vorräte weg und bekomme ein Päckchen Zahnpasta zugesteckt. Nach einem Klobesuch bei McDonalds’ entdecke ich in der Nähe eine ketchupverkrustete „Internetzapfsäule“ mit Touchscreen, an der man kostenlos Nachrichten lesen und nach dem Wetter gucken darf. Mehr geht ohne Kleingeld nicht. Nur in der stets offenen Kirche am Marktplatz darf ich sitzen, solange ich will.

Eine kurze Karriere als Pfandflaschen-Sammler

Im Fernsehen sieht das immer so leicht aus: Die Leute klauben Pfandflaschen aus Mülleimern und verdienen damit Cent für Cent ein kleines Zubrot – manche gar ihren ganzen Lebensunterhalt. So viel verlange ich ja gar nicht: Eine vernünftige Mahlzeit würde mir völlig genügen.

Leider hat Oldenburg eine zuverlässige Stadtreinigung. Mehr als klebrige Kaugummis, halb geleerte Pappbecher und schmierige Taschentücher fische ich am Abend nicht mehr aus den halbleeren Körben. Spaziergänger starren mich dabei an. Das nächste Mal sollte ich Handschuhe mitnehmen. Mittlerweile ist mir ziemlich übel, aber mein Magen knurrt immer noch.

Ich gebe auf

Mit dem letzten Rest von meinem Handyguthaben schicke ich per SMS einen Hilferuf an meinen Kumpel Johann. Kurz darauf sitzen wir auf seine Rechnung Spaghetti Bolognese mampfend im Nudelladen. Das kostet ihn fast 10 Euro – aber er macht gerade Zivildienst, „da hat man das übrig“, meint er.

Damit endet mein Experiment. Ich schiebe meine Scheckkarte wieder ins Portemonnaie, fülle mein Kleingeld zurück ins Münzfach und frage mich: Ob das immer klappen würde? Könnte man jeden Tag durch die Stadt wandern und sich durchs Leben schnorren? Eine Zeit lang sicherlich. Wer nur souverän genug auftritt und immer freundlich lächelt, bekommt erstaunlich viel hinterhergeworfen (und wird dazu benutzt, Werbung zu verbreiten). Aber jeden Tag hätte Bilal bestimmt keine Wurst übrig, irgendwann würde der Busfahrer dann doch misstrauisch werden, irgendwann würden der Apotheke die Bonbons ausgehen.

An der Mauer vor einem Porzellangeschäft hockt eine ältere Frau mit hellblauer Strickjacke und langen Haaren. Teddybären und Plüschhunde stehen neben einer Holzschale, in der ein paar Cent liegen. Bei ihr klappt es nicht mehr.

Text und Fotos: Theo Müller

Mitmachen: Planspiel Börse 2010

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Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Planspiel Börse

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Kommentare

Drei Kommentare
  • Dankesehr=)

  • tolles experiment und der atikel ist toll

  • sehr schön geschrieben!
    hatte mich auch auf den auftrag beworben und du hast aus dem thema wirklich einiges rausgeholt :)

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