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Eine Million Menschen stehen „Draußen vor der Tür“

Eine Million Menschen vor der Tür – ok, Flüchtlingskrise. „Draußen vor der Tür“ – ok, Wolfgang Borcherts Drama von 1949. Was hat das denn miteinander zu tun? Lasst es mich euch erklären.

23. März 2018 - 12:44
von SPIESSER-Autor manuelw.
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manuelw Offline
Beigetreten: 22.03.2018

Wolfgang Borchert. Er zählt ganz bestimmt nicht zu den Autoren, von dem ich behaupten könnte, er habe meine Schullaufbahn einfacher gemacht. Anspruchsvolle Texte mit tiefem Sinn, also genau das, wovor wir Schüler uns in der Freizeit meistens drücken. Aber lohnt es sich überhaupt nicht Borchert außerhalb der Schule, freiwillig wohlgemerkt, zu lesen? Zugegeben, sonderlich fesselnd fand ich seine Werke auch nie. Aber macht denn nur Spannung ein gutes Buch aus? Meiner Meinung nach lohnt es sich, auch noch nach 70 Jahren, Borchert Texte zu lesen. Freiwillig wohlgemerkt.

Schlagt doch einfach einmal die Zeitung auf, schaltet den Fernseher ein oder lauscht den heftigen Diskussionen an familiären Treffen, von denen man gar keine Ruhe mehr bekommt. Flüchtlinge hier, Flüchtlinge da. Sie werden uns alle die Arbeit wegnehmen, unsere Töchter vergewaltigen und sich selbst in die Luft jagen. Beginnt man jedoch, rechte Parolen zu ignorieren und sich die Menschen anzusehen, bemerkt man die wahren Hintergründe. Eine Million Menschen suchen Zuflucht in Deutschland. Eine Million Menschen stehen vor Deutschlands Grenze, ja sie stehen „Draußen vor der Tür“.

Und hier kommt Borchert ins Spiel. Auf den ersten Blick wirken seine Texte nicht gerade aktuell: Literatur aus und über die Zeit Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg. Hunger, Elend, Einsamkeit und Existenzängste auf deutschem Boden. Und da ist der erste Grund Borcherts Werke zu lesen: Man lernt die Geschichte seines eigenen Landes kennen, man erfährt, was die Menschen nach dem Weltkrieg alles durchmachen mussten und lernt so nicht immer nur mehr über seine eigene Generation, sondern auch über die seiner Groß- und Urgroßeltern.

Borchert schreibt von der Nachkriegszeit. Falls man aus dem Krieg einigermaßen gesund zurückkam hatte man zwei Möglichkeiten: so tun als wäre nichts gewesen oder an den Erinnerungen verrückt werden. Oft suchten sich die zurückgebliebenen Frauen zur Zeit des Krieges einen anderen Mann und schon standen die Zurückgekehrten alleine da. Einsam, „draußen vor der Tür“. Und die strapazierte Psyche von all den schrecklichen Erinnerungen führte eben zum Verrückt werden. In „Draußen vor der Tür“ erhofft sich der Protagonist Beckmann Hilfe von anderen Menschen, aber er wird einfach stehengelassen. Und genau dort ist die Verknüpfung zur heutigen Zeit.

Während bei uns in Deutschland alles gut ist, ist an anderen Orten der Erde Krieg. Syrien, Irak, Afghanistan. Während wir in Deutschland gerade gemütlich frühstücken, werden dort fünf Häuser in denen man gemütlich frühstücken könnte in die Luft gejagt. Wahllos werden Menschen erschossen, täglich explodiert die Welt um einem herum, von der man glaubte, dass sie sicher sei, und täglich wachsen weitere Kinder ohne Eltern auf. Darum entscheiden sich viele Menschen aus den Krisengebieten zu flüchten. An einen Ort, der sicher erscheint. Einen Ort wie Deutschland.

Kaum ist man jedoch in Deutschland angekommen trifft man erneut auf Hass und Verfolgung. PEGIDA und andere Rechte Organisationen machen den Menschen, die gerade vor Krieg geflohen sind, in einem eigentlich friedlichen Land, Ärger.

In Wolfgang Borcherts Texten geht es darum, was die Probleme der Nachkriegsgesellschaft sind. Dazu gehören eben auch die, die plötzlich keine Heimat mehr haben und vollkommen alleine dastehen. Wenn man Borcherts Texte liest, wird einem bewusst, was diese Menschen durchmachen müssen. Man hat kein Verständnis für all die ignoranten Leute, die sich aus dem Krieg nichts machen. Also auf welcher Seite steht ihr? Auf der der Verfolgten, Armen, Obdachlosen, die Schutz suchen, oder auf der Seite der Wohlhabenden, die nur ihre Ruhe haben wollen.

Warum also Flüchtlinge verfolgen oder Hass gegen sie hegen? Sie sind hier, sie stehen draußen vor unserer Tür und hoffen auf Hilfe, auf Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Also lasst uns ihnen helfen.

Warum lohnt es sich also Wolfang Borcherts Texte zu lesen? Auch, wenn wir heute in einer vermeintlich friedlichen Situation sind, gibt es direkt vor unserer Haustür Menschen, die unsere Hilfe benötigen. Lasst uns der Welt am besten direkt in Borcherts Worten folgendes vermitteln: Die Ankömmlinge sind zwar „eine Generation ohne Abschied“ von ihrem Zuhause, aber wir kümmern uns darum, „dass alle Ankunft [ihnen] gehört.“

Quelle Teaserbild: pixabay

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