Kinofeeling

Eldorado

Wie lange ist es her, dass ihr euch Gedanken um das Empfinden, die Umsetzung oder die Bedeutung von Menschlichkeit gemacht habt? In einem Geflecht aus Aktualität und persönlicher Geschichte schafft Markus Imhoof eine Dokumentation, die Augen und Herz öffnet. SPIESSER-Autorin Marie findet, dass „Eldorado“ bundesweit im Geschichtsunterricht als Pflichtstück eingeführt werden sollte!

09. Mai 2018 - 11:41
SPIESSER-Autorin VeryMary94.
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VeryMary94 Offline
Beigetreten: 13.08.2012

Worum gehts?

Regisseur Markus Imhoof schafft es, in diesem Film zu dokumentieren und gleichzeitig zu erzählen. „Do you know what a refugee is?“, werden die gerade in Italien angekommenen Menschen in einem Bus gefragt. Welchen Status haben sie nun? Wer sind sie? Die Kamera fängt die müden und apathischen Blicke der Menschen ein. Worüber sie in dem Moment nachdenken? Viel zu viel vermutlich.


Giovanna und Markus als Kinder

Gleichzeitig erzählt Imhoof von seiner persönlichen Begegnung mit einem „Flüchtling“. Und dies ist die Geschichte seiner auserwählten Schwester - Giovanna. Im Film hört man Imhoof und Giovanna über ihre gemeinsame Zeit als Kinder berichten. Sie kam 1945 als kleines Mädchen aus Italien in die Schweiz und lebte eine Zeit lang mit Imhoofs Familie zusammen. Auserwählt war sie, denn Imhoofs Mutter wollte "das ruhige Mädchen" und nicht eines der anderen Kinder, die an jenem Tag am Bahnhof ankamen.

Die Schweiz und Italien hatten einen Deal: Für jeden Schweizer Juden, der über Italien nach Amerika flüchten wollte, mussten Schweizer Familien drei vom Krieg geschwächte, italienische Kinder durchbringen. Eines dieser italienischen Kinder war Giovanna. Sobald es ihr besser ging, wurde sie zurück zu ihrer Mutter nach Mailand geschickt. Die starke Verbundenheit zwischen ihr und Markus scheint bis heute beständig. 

Imhoof zeigt und begleitet einzelne Geschichten und reißt damit das Schicksal vieler an. Der Film lebt von dem Wechsel zwischen Menschenmassen, einzelnen Personen oder Familien und seiner persönlichen Familiengeschichte. Aber er setzt auch auf Konfrontation, von Anfang an.

Filmischer Augenschmaus?

Davon kann nicht die Rede sein. Die Aufnahmen sind schockierend und werden einigen von euch sehr nahe gehen. Es ist kein schönes Gefühl die Abfertigung auf den Schiffen, die unmenschlichen Lebensumstände in italienischen Ghettos und die scheinbare Kälte Schweizer Grenzwachen mit anzusehen. Doch genau so muss das sein, der Film lebt von Konfrontation und authentischem Material. Teilweise wurde heimlich gefilmt, weshalb es an den Stellen ziemlich wackelt und ruckelt.

Gibt’s was zu meckern?

Es kam in mir die Frage auf, wie man ertrinkende Menschen im Meer filmen kann. Wie geht das? Und was macht das mit den Menschen im Wasser, die in einer komplett hilflosen und lebensbedrohlichen Situation einfach aufgezeichnet werden?

Braucht man Taschentücher?

Ja.

Mit wem angucken?

Der Film sollte von jedem einzelnen Menschen gesehen werden und meines Erachtens schulpflichtig im Geschichtsunterricht bundesweit gezeigt und disskutiert werden.

Auf einen Blick
Action:
Romantik:
Humor:
Niveau: ✪ ✪ ✪ ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪ ✪ ✪ ✪
Was macht man danach?

Das ist hier die große Frage. Nach dem Film fühle ich mich schuldig, ohnmächtig und unendlich traurig. In meinen Augen hat es bisher kein Regisseur geschafft, in mir das Gefühl der Menschlichkeit so unverfälscht und intensiv zu wecken. Der Film steht für eine jahrhundertlange Geschichte der Ausbeute und des Kolonialismus. Sobald man das realisiert, ist es überwältigend. Man blickt einer bösen Wahrheit direkt ins Auge. Das Beste ist, seine Augen vor ihr nicht zu verschließen.

In 3 Worten:

echt, erschreckend, konfrontativ

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Der Film muss gehört in die Öffentlichkeit und sollte deshalb unbedingt auf großer Leinwand gezeigt werden. Ich finde es aber genauso wichtig ihn sich Zuhause ansehen zu können, sodass die Thematik in die eigenen vier Wände eindringt und man gezwungen ist, hinzusehen und zuzuhören.

Mainstream oder Independent?

Imhoof hat einen unvergleichlichen Zeitbericht geschaffen. Er passt in keine Kategorie, sondern muss als selbstständiges und geschichtsträchtiges Werk angesehen werden.

Eldorado

Regie: Markus Imhoof
Kinostart: 26. April 2018
Filmlänge: 92 Minuten
Genre: Dokumentation
FSK: ab 6 Jahren

 

 

Text: Marie Robinski
Bilder: ©Peter Indergand, Majestic/zero one film

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