Härtetest

Fliegen will gelernt sein

Wir haben sie wieder, die Jahreszeit, in der Frauen und Männer mit zwei Brettern unter den Füßen Berge herunterspringen. SPIESSER-Autor Paolo war schon als kleines Kind von fliegenden Skisportlern beeindruckt. Ob der Sport so gefährlich ist, wie er aussieht? Ein Härtetest in den Bergen.

27. Dezember 2014 - 10:01
SPIESSER-Autor Paolo L..
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Paolo L. Offline
Beigetreten: 01.09.2014

Es ist Dienstag, die Uhr zeigt neun an und ich stehe frierend vor einer Skisprungschanze im Erzgebirge. Mehr als eine halbe Stunde liegt der kleine Ort Geyer von der sächsischen Stadt Chemnitz entfernt. Während ich auf die weckende und wärmende Wirkung des Kaffees hoffe, schaue ich vier freudigen Kindern beim Fußballspielen im Schatten der Schanze zu.

Klitzeklein bis riesengroß

Heute soll ich mich für ein paar Stunden wie mein Kindheitsidol Martin Schmitt, ein ehemaliger Skispringer, fühlen. Doch wenn ich mir die 45-Meter- Schanze so ansehe, kann das eigentlich nichts werden. Schließlich habe ich mich auf der taunassen Wiese davor schon beinahe hingelegt und das nur beim Drüberlaufen.

Als ein weißer Pickup einbiegt, hören die Kinder blitzartig auf zu spielen und laufen dem Fahrer entgegen. Der Mann am Steuer steigt aus, begrüßt die Kinder und stellt sich mir mit breitem Lächeln und festem Händedruck vor. Es ist Jochen, Skisprungtrainer des Skisportvereins Geyer. Nach einer kurzen Absprache kommen wir zum ersten Tagesordnungspunkt: dem Einkleiden. Der Helm passt auf Anhieb. Dagegen sind die Skischuhe entweder zu klein oder zu groß. Am Ende wird es Schuhgröße 43 – vier Größen mehr als sonst. Aber das Skispringen hat wohl seine eigenen Maße. Der Anzug passt perfekt, was wohl daran liegen mag, dass drinnen der Name des Olympiasiegers in der Nordischen Kombination steht: Eric Frenzel, erstammt aus Geyer. Heute darf ich in seine Rolle schlüpfen.

Turnen? Kein Problem!

In voller Montur geht es weiter zum Aufwärmen ins Dachgeschoss des Gasthauses direkt vor den Schanzen. Der Raum ist nicht groß, aber eingerichtet wie eine kleine Turnhalle. Überall stehen Matten und Turnbänke herum. Ich kann auch Eigenkonstruktionen erkennen, die den Anlauf beim Skispringen simulieren sollen. Alles in allem wirken die Übungsgeräte so, als wären die bevorstehenden Übungen machbar. Schließlich war ich immer sehr gut im Bodenturnen.

Wir beginnen mit Dehnübungen, danach trainieren wir die Sprungkraft. Es geht über mehrere Seile. Zweimal vor, einmal zurück und wieder zweimal vor. Nur nicht umfallen, mit beiden Beinen abspringen und die Knie hochziehen. Mein erstes Lob kann ich auch schon ergattern: Jochen meint, ich sei ein Naturtalent.


Einmal Schwerelosigkeit, bitte!

Rollen, hüpfen, fliegen?

Als nächstes soll ich die richtige Haltung für den Anlauf lernen. Hierfür müssen die Schultern nach oben gezogen werden, damit Rücken, Arme und Schultern waagerecht in einer Linie zum Boden ausgerichtet sind. Außerdem muss ich soweit wie möglich in die Hocke gehen und dabei die Knie soweit wie möglich nach vorne schieben. Während Jochen an meiner Haltung herumdoktert, merke ich immer wieder, wie meine Oberschenkel anfangen zu schmerzen.

Mit brennenden Beinen geht es zur Anlaufsimulation. Ich soll auf Rollen eine abschüssige Turnbank hinabfahren und in die Matten springen. Die Kids machen die Übung mit links. Allerdings stockt mein Brett schon nach wenigen Zentimetern und ich falle vornüber. Nach zwei weiteren erfolglosen Versuchen, läuft es wie geschmiert.

Zuschauen statt Krankenbett

Als es auf die Skier geht, wird mir mulmig. Das erste und letzte Mal stand ich vor neun Jahren auf der Piste. Schon im Auslauf rutsche ich hin und her, kann die langen Bretter an meinen Füßen kaum von einer
Kollision abhalten. Jochen lässt mich zunächst den fünf Meter langen Hang herunterfahren. Nachdem ich bei fast jedem Versuch gestürzt bin, beschließen wir, mich nicht die Schanze herunterzujagen. Schließlich
ist Jochen für mich verantwortlich und bis zum nächsten Krankenhaus ist es ein noch ganzes Stück. Um zumindest einen Eindruck zu bekommen, wie es sein könnte, hier herunterzufliegen, steige ich auf die 40-Meter-Schanze. Obwohl ich keine Höhenangst habe, wird mir anders, wenn ich bedenke, dass die Kids hier mehrmals täglich herunterspringen.


Ach komm, Paolo, es ist noch kein Meister vom
Himmel gefallen!

Die Kälte hat sich gelegt, ich habe den Eric-Frenzel-Skianzug abgestreift, weil ich darunter wie in einer Sauna schwitze. Vom Trainerturm aus schaue ich den Jugendlichen zu: Sie rasen mutig hinunter, landen lässig über der 30-Meter-Marke und kommen stilvoll zum Stehen. Ich komme mir lächerlich vor, nicht mal sturzfrei den fünf Meter langen Hang herunterzufahren.

Zum Schluss gibt es noch Nervenkitzel für mich. Ich darf bei einer kleinen Schanze die 20 Meter-Landebahn herunter. Beim ersten Versuch verliere ich die Kontrolle und es legt mich mit voller Wucht auf den Hosenboden. Mit Hilfe schaffe ich es doch heil hinunter und komme im Auslauf relativ elegant zum Stehen.Mit diesem kleinen Erfolgserlebnis und ein bisschen Adrenalin in den Adern, verabschiede ich mich von den zukünftigen Spitzensportlern und meinem Coach Jochen. Meine Ansätze seien gut und mit etwas Übung bekämen wir mich die Schanze herunter. Meinen Winterurlaub verbringe ich wohl demnächst in Geyer.

Text: Paolo Le Van
Fotos: Norbert Neumann
Video: Benjamin Schindler

 

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